15:39 30 Oktober 2020
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    Bei „Anne Will“ wurde Deutschlands Corona-Strategie für den Herbst diskutiert. Besser als der Virologe Hendrik Streeck konnte kaum jemand die Grundidee formulieren: „Keiner von uns weiß, wie es geht.“ Deshalb soll das Motto lauten: „Try and Error“ – ob beim Oktoberfest, im Bordell oder in der Kirche.

    Frank Ulrich Montgomery hat seinen spezifischen Blickwinkel auf die Corona-Maßnahmen in Deutschland – nämlich vom Golfplatz aus, der unglücklicherweise jeweils zur Hälfte in Niedersachsen und Bremen liegt. Den Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes hat es gestört, dass nur die Hälfte des Golfplatzes bespielt werden durfte – im benachbarten Bundesland war der Golfplatz gesperrt. Daraus ergab sich wohl auch seine Kritik, die er am Sonntagabend auch beim „Anne Will“-Talk zum Ausdruck brachte: Der Ärztefunktionär kritisierte die von Region zu Region unterschiedlichen Vorschriften im Kampf gegen das Virus.

    Ihm widersprach Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Es gebe zwar „natürlich“ gemeinsame Anti-Corona-Regeln für den Bund, jede einzelne Region müsse aber nun Mal von der jeweiligen regionalen Zahl der Neuinfektionen ausgehen. Der logische Schluss daraus wäre: Herr Montgomery müsse sich vorerst mit der „erlaubten“ Golfplatz-Hälfte begnügen.

    Im Bordell und im Gottesdienst

    „Viele Regeln – viele Widersprüche“, hieß es im Einspieler der Sendung. „Ins Bordell gehen ist etwa in Berlin wieder erlaubt, aber im Gottesdienst gilt es: ‚Abstand halten‘.“ Naja, für Bordellbesucher gelten ja auch gewisse Auflagen, die den gewohnten Genuss relativieren dürften: Ein Geschlechtsakt mit Mund- und Nasenschutz müsste auf jeden Fall etwas ganz Besonderes sein.

    Apropos Genuss: Während der bayerische Ministerpräsident Markus Söder das traditionsreiche Oktoberfest auf der Theresienwiese bereits im Frühjahr untersagt hatte, durften sich nun die Münchener bei Trachtenpartys in den Wirtshäusern gehörig austoben – und das trotz der Tatsache, dass bei vielen der Feiernden im Beruf weiterhin „Homeoffice“ angesagt ist.

    „Keiner von uns weiß, wie es geht“

    Wahrscheinlich könnte dies als ein Beispiel für das „Versuch-und-Irrtum“-Prinzip gelten, für das der Bonner Virologe Hendrik Streeck dauernd plädiert hat – auch an diesem Sonntagabend. „Ist es aber nicht zu riskant, am lebenden Objekt zu testen?“, fragte die Moderatorin. „Was ist denn die Alternative?“, fragte Streeck zurück.

    „Das Virus ist Teil von unserem Leben. Alle hoffen auf einen Impfstoff. Das finde ich ziemlich unseriös, weil wir nicht sagen können, wann ein Impfstoff kommt (…). Soll man das Leben auf ‚Pause‘ setzen und warten, wie es weitergeht?“

    Streecks Schlüsselsatz lautete: „Keiner von uns weiß, wie es geht.“ Nach diesen Worten, die ja niemand im Studio und auch draußen in der ganzen Welt bestreiten würde, hätte man eigentlich die Diskussionsrunde beenden können.

    Die Diskussion lief aber weiter, weil dies immerhin die vorgesehene Sendezeit erlaubte. Vorwiegend blieb es dann bei frommen Wünschen wie „Wir müssen mehr Transparenz schaffen“, „Wir müssen besser kommunizieren“ oder „Differenziert hinschauen“. Einen Kern des drohenden Unheils sah man unter anderem in den sozialen Netzwerken, die „auf kommerzieller Basis funktionierten“ und deshalb darauf getrimmt seien, „mehr Klicks zu erzeugen“. Und diese erzeuge man eben, so der Wissenschaftsjournalist und TV-Moderator Ranga Yogeshwar, mit Behauptungen, die „schräg und falsch“ seien, weil gerade diese besonders gut angeklickt würden. Eine Folge davon sei, so der logische Schluss, die Entstehung des Lagers von Corona-Skeptikern.

    Ist Maskenpflicht eine Grundrecht-Einschränkung?

    Dies war auch der eigentliche politische Aspekt der ganzen Debatte. „Ist es eine Grundrecht-Einschränkung, sich eine Maske aufsetzen zu müssen?“ lautete die – wohl als rhetorisch gemeinte – Frage von Montgomery.

    Der 68-Jährige entschuldigte sich gleich an der Stelle dafür, dass er sich im Frühjahr bei einem ähnlichen TV-Talk ziemlich verächtlich über die „Lappen“ geäußert hatte. „Ich habe mich geirrt“, gestand er.

    Mit dem Wink auf die jüngsten Anti-Corona-Demos in Deutschland äußerte Montgomery, dies seien „die Wenigen, die zu viel Gewicht bekommen“, die große Masse der Bevölkerung stehe weiterhin hinter den Corona-Maßnahmen der Regierung.

    Diese „Wenigen“ sollten nun weiterhin eben wenig bleiben – das müsste ein wichtiger Bestandteil der Anti-Corona-Strategie für den Herbst sein. „Wir haben in Deutschland unglaublich viel Glück im Vergleich zu vielen anderen Ländern“, weil die Sterberate so niedrig sei, betonte Yogeshwar. 

    „Das führt zu einem Gefühl, bei dem die meisten Menschen nicht unmittelbar in ihrem Freundeskreis einen kennen, wo sie sagen, der ist gestorben oder schwer erkrankt (…). Deshalb ist es für die meisten eine sehr abstrakte Gefahr.“

    Darauf führe er die Aktivität der „Corona-Skeptiker“ zurück: „In Norditalien würde man nicht mehr über Masken diskutieren müssen.“ Schade, dass dem Journalisten an dieser Stelle niemand widersprochen hat: In Ländern wie Frankreich oder Israel, die viel höhere Infektionszahlen und Todesfälle zu verzeichnen haben als Deutschland, gibt es sehr wohl massive Proteste gegen die von den jeweiligen Regierungen beschlossenen Einschränkungen.

    Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der in letzter Zeit nur selten TV-Talks zum Thema Corona versäumt, fehlte zwar diesmal, ganz ohne ihn konnte bzw. wollte aber Anne Will nicht auskommen. So wurde ein Zitat von ihm eingeblendet: „Ich gehe von einer Steigerung der Todesfälle in sechs bis acht Wochen aus.“ Bekanntlich ist Lauterbach in puncto Pandemie auf negative Prognosen spezialisiert. Zum Glück haben sich bisher nicht alle bewahrheitet.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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