11:56 25 Oktober 2020
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    Bei „Maybrit Illner“ zum Thema „Corona-Herbst“ ging es am Donnerstagabend um einen „Obrigkeitsstaat“, illegale Partys und drohenden Kollaps. Richtige Alarmsignale ertönten aber erst in der nächsten Sendung.

    Ungewöhnlich: Gleich zwei der angekündigten Studio-Gäste von „Maybrit Illner“ wurden kurzfristig ausgetauscht. Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlandes, zog sich gerade in freiwillige Corona-Quarantäne zurück – für ihn sprang Michael Müller (SPD), Berlins regierender Bürgermeister, ein. Und Christian Lindner (FDP) wurde durch den frischgebackenen Generalsekretär der Partei, Volker Wissing ersetzt – weil es der letztere, bundesweit noch weitgehend unbekannte Politiker PR-mäßig wohl nötiger hatte.

    „Grundrechtseingriffe“ vs. „Zügel anziehen“

    Wissing war es auch, der der Diskussion über den Corona-Herbst einen politischen Akzent zu verleihen versuchte und – parteigetreu – liberale Akzente setzte. Deshalb sprach er von „schweren Grundrechtseingriffen“ durch die Corona-bedingten Einschränkungen.

    Deshalb müsse man bei weiteren diesbezüglichen Beschlüssen „die Menschen mitnehmen“, damit sich diese nicht allzu stark gegängelt fühlen und die Verhältnismäßigkeit eventueller weiterer Einschränkungen mitdiskutieren könnten. In diesem Kontext verpasste er auch dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder einen Seitenhieb für dessen Wortwahl – weil dieser im Zusammenhang mit den Corona-Einschränkungen immer wieder von „Zügel anziehen“ spreche.

    „Ich will nicht in einem Obrigkeitsstaat leben“, formulierte der Liberale recht plakativ sein politisches Motto.

    Der Sozialdemokrat Müller zeigte sich da weniger liberal: Er forderte ein strengeres Vorgehen gegen „illegale Partys“ und plädierte für eine „gemeinsame Strategie“ der Bundesländer. Nichts hätte Müller auch gegen „präventives Handeln“ und etwaige „Vorratsbeschlüsse im Berliner Senat“ – „um gegebenenfalls sehr schnell reagieren zu können“.

    200 Meter lange Schlange

    Gerade in puncto „schnell“ sei in Berlin aber vorerst nicht alles in Ordnung, konterte die Allgemeinmedizinerin Sibylle Katzenstein aus dem Berliner Stadtbezirk Neukölln. Jeden Morgen bilde sich vor ihrer Covid-19-Schwerpunktpraxis eine 200 Meter lange Schlange von Leuten, die getestet werden möchten. Täglich teste ihre Praxis 200 bis 300 Menschen auf das Virus.

    „Was ich nicht verstehe: Warum wird es den Leuten so schwergemacht, an einen Test heranzukommen?“, bemängelte sie. „Der Test muss zum Patienten und nicht andersherum.“

    Eine Art Fernduell zwischen zwei Experten gab es in der Sendung auch. Die aus München zugeschaltete Virologin Ulrike Protzer postulierte: „Wir sind nicht in einer zweiten Welle.“ Denn der gegenwärtige Anstieg von Infektionsfällen sei nicht exponentiell. „Im Moment sind wir in Deutschland in einer stabilen Lage“, meinte die Professorin. Aber auch sie gebrauchte die Redewendung „die Menschen mitnehmen“: „Wenn wir die Menschen weiterhin mitnehmen können, dann können wir einen Kollaps verhindern.“ Allerdings „kann man dieses Virus nicht wegtesten“.

    „Wir werden mit Demonstrationen und Feiern leben müssen“

    Weniger beschwichtigend klang der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann, der gegen Ende der Sendung aus Braunschweig zugeschaltet wurde: „Man kann nicht sagen, wir haben in Deutschland eine stabile Situation“. Nun gelte es, die Situation ganz genau zu beobachten, um rechtzeitig eingreifen zu können. Denn „manchmal kriegt man das Schiff nicht mehr rum“. An Lockerungen – etwa Stadien für Fußballfans zu öffnen – sei momentan nicht zu denken. „Wir sollten die Zahlen unten halten, um eine Chance zu haben, durch den Winter zu kommen.“

    Es wäre aber illusorisch, ein „perfektes System“ herzustellen – denn die Menschen, die man „mitnehmen“ möchte, seien auch in Deutschland alles andere als perfekt.

    „Wir werden damit leben müssen, dass es Demonstrationen gibt oder Leute, die ungehemmt feiern“, fügte er hinzu. „Wir müssen die Maßnahmen so organisieren, dass wir das tolerieren können.“

    Wie dies gemacht werden soll, verriet Meyer-Hermann allerdings nicht.

    So blieb es bei „Maybrit Illner“ insgesamt weitgehend bei frommen Wünschen, unverbindlichen Empfehlungen und idealistischen Losungen. Nicht gerade alarmierend, aber auch alles andere als beruhigend – gerade mit diesem mulmigen Gefühl sind die Zuschauer schlafen gegangen, die nach dem Ende dieser Sendung ihre TV-Geräte ausgeschaltet haben. Diejenigen aber, die vor der Glotze blieben, erlebten im Anschluss an „Maybrit Illner“ einen „Markus Lanz“-Talk, in dem der Corona-Warner Karl Lauterbach gleich zu Beginn die Solo-Partie übernahm. Der SPD-Gesundheitsexperte schlug die üblichen mahnenden Töne an: Deutschland würde die gleiche kaum beherrschbare Corona-Krise erleben wie heute Frankreich oder Spanien, sollte alles so laufen wie es laufe. „Die nächsten drei Wochen sind entscheidend“, betonte er. Wieso gerade die drei Wochen, wo die übliche Erkältungszeit noch mindestens 16 Wochen dauern wird, erklärte er allerdings nicht.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Talkshow, Covid-19, Neukölln, Berlin, ZDF, Coronavirus, CDU, SPD, FDP, Michael Müller, Karl Lauterbach, Markus Söder