06:01 27 Oktober 2020
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    Den Zustand der US-Demokratie wird man nicht treffender beschreiben können als mit den Worten einer amerikanischen Moderatorin, die die Fernsehdebatte zwischen Biden und Trump kommentieren musste. Das Vokabular, das die junge Frau gebrauchte, ist allerdings schwer zu vermitteln, weil emotional aufgeladen mit starker Tendenz zur Fäkaliensprache.

    Eines hat die TV-Debatte zwischen Präsident Trump und Präsidentschaftskandidat Biden definitiv erreicht. Der Auftritt hat es durch Form und Inhalt bewirkt, dass verfeindete Schichten der US-Gesellschaft sich erstaunlich einig sind. Die Republikaner und Demokraten, dies lassen Tweets und Posts in den sozialen Netzwerken klar erkennen, hassen sich weiter bis aufs Blut, sind aber vereint im Schamgefühl für den politischen Zustand ihres Landes.

    „Die meistverbreitete Antwort unter den Wählern, die ich bisher gehört habe: Ich finde es so traurig, was in meinem Land passiert“, twitterte beispielsweise der US-Politologe und Soziologe Frank Luntz.

    Was von dem TV-Duell am meisten haften geblieben ist, sind die gegenseitigen Verbalschläge der Präsidentschaftsanwärter mal ins Gesicht, mal unter die Gürtellinie. „Klappe halten“, forderte Joe Biden von Donald Trump und schimpfte ihn einen Clown und Putins Hündchen. Der Präsident warf seinem Herausforderer vor, ein sozialistisches Gesundheitssystem in den USA einführen zu wollen und am Haken der Radikallinken zu hängen. Erweitert hat Trump das Sündenregister des Demokraten um den Betrag von 3,5 Millionen Dollar, den dessen Sohn von einer russischen Geschäftsfrau erhalten habe, und um den Versorgungsposten des Sprösslings bei einem ukrainischen Gasunternehmen.

    Der Erfolg der beiden Polemiker kann sich sehen lassen. Dass sie durch den Auftritt auch nur einen Wähler von der eigenen Kandidatur überzeugt haben, ist zu bezweifeln. Dafür hätte das Bild vom geistigen Zustand der US-Politik, das Trump und Biden den Zuschauern vorgeführt haben, aussagekräftiger nicht sein können.

    Zu beurteilen, wer denn beim TV-Duell triumphiert hat, ist schwierig. Noch schwieriger gestaltet sich die Prognose, wem ein solcher Triumph am Ende überhaupt etwas bringt. Der Sender CNN erklärt, Biden habe Trump mit großem Abstand hinter sich gelassen:

    „Sechs von zehn Zuschauern haben angegeben, Joe Biden sei am Dienstag besser aufgetreten. Nur 28 Prozent sind der Ansicht, dies sei Präsident Trump gelungen.“ Dies gemäß einer Senderumfrage unter den Zuschauern der Debatte.

    Selbst mit der Annahme, CNN habe sich mit seiner negativen Einstellung gegenüber Trump und dessen Anhängern aus der Umfrage herausgehalten, lohnt sich der kurze Blick zurück auf eine vergleichbare Umfrage des Senders von 2016. Damals brachte der TV-Kanal nach dem ersten Fernsehduell zwischen Trump und Clinton folgende Information: „62 Prozent der Wähler halten Hillary Clinton für die Gewinnerin der Fernsehdebatte. Gleichzeitig haben nur 27 Prozent angegeben, Trump sei in Höchstform gewesen.“ Geht es also nur nach solchen Umfragen, kann einem Präsidentschaftskandidaten nichts Besseres passieren, als die erste Debatte zu verlieren.

    Als eine wirklich wichtige Episode des TV-Duells erscheint der Schlagabtausch der Kandidaten über die Corona-Krise und darüber, wie die Epidemie besser in den Griff zu kriegen sei. Donald Trump brachte seine Position in grober Gestalt, aber schlüssig vor. Er sei dafür, pochte der US-Präsident, dass die Wirtschaft zur Normalität zurückkehre, und erwarte, dass der Impfstoff gegen das Virus schon sehr, sehr bald die Zulassung erhalte. Biden wolle das Gegenteil: Wieder Einschränkungen und Einfrieren der Wirtschaft zum Kampf gegen die Epidemie.

    Worauf die Demokraten hierbei setzen, ist durchschaubar: Trump soll dastehen, als sei er für den Tod von hunderttausenden Amerikanern verantwortlich. Und nebenher würde der neue Shutdown den perfekten Anlass liefern für eine massive (und höchstwahrscheinlich unsaubere) Briefwahl.

    Das Problem dabei ist, dass die Präsidentschaftswahl in den USA kraft solcher Argumente zu einem Wirtschaftsreferendum verkommen könnte. Wähler, die massenweise arbeitslos zuhause sitzen, sind der Epidemie längst müde und zu allem bereit, Hauptsache sie kommen wieder in Lohn und Brot. Für sie wären vier weitere Jahre Trump verglichen mit neuer Totalquarantäne und dem Verlust des Auskommens das kleinere Übel.

    Einen Nutzen hat das TV-Duell aber auf jeden Fall. Wer sich diese peinliche Posse angeschaut hat, wird für die US-Demokratie und das daraus entstandene politische System alles Mögliche empfinden, nur keine Verehrung und Begeisterung. Der Politologe Franz Luntz: „Diese Debatte hat einige unentschlossene Wähler davon überzeugt, gar nicht erst wählen zu gehen. Ich habe es noch nie erlebt, dass die Debatten so eine Reaktion auslösen.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    TV-Duell, US-Präsidentschaftswahlen, Joe Biden, Donald Trump