05:29 22 Oktober 2020
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    Hat die „Anne Will“-Redaktion ihren Riecher für spannende Themen verloren? Man fragt sich das in letzter Zeit immer wieder, und der jüngste Sonntagabend lieferte neuen Stoff dazu. Warum sollen sich die Bundesbürger am Vorabend der neuen Arbeitswoche mit der Frage "Trump mit Corona infiziert - welche Konsequenzen hat das für die USA?" beschäftigen?

    In der Sowjetzeit gebrauchten Korrespondenten, die aus dem westlichen Ausland berichteten, immer wieder die Redewendung „…um die Menschen vom Klassenkampf abzulenken“. Zusammen mit dieser Formulierung konnten sie dann über ziemlich alles berichten – über einen neuen Modetrend, einen neuen Blockbuster oder eine Buchpremiere. Alles sei bloß ein „Ablenkungsmanöver“, hieß es. Diese Redewendung fiel dem Autor dieses Textes ein, als er den jüngsten „Anne-Will“-Talk eingeschaltet hat. Immerhin hat „Anne Will“ die höchste Einschaltquote unter den deutschen Sendungen dieses Genres und müsste insofern den Nerv der Gesellschaft mit jeder Sendung ganz präzise treffen. Am letzten Sonntagabend war dies aber überhaupt nicht der Fall – und das schon nicht zum ersten Mal. Will man die Zuschauer mit den unendlichen Diskussionen und Spekulationen um Trumps Corona womöglich in der Tat von wirklich aktuellen Deutschland-Themen ablenken?

    „Show“ oder “Seminar“?

    Auch script- und regiemäßig war die jüngste Sendung keinesfalls auf der Höhe. Schließlich muss ja das „Anne-Will“-Team wissen – und es weiß das auch bestimmt! – dass eine Talkshow von einem Dissens lebt. Die eingeladenen Gäste mögen egal wie hoch qualifiziert und auf ihren Spezialgebieten gut bewandert sein – wenn aber zwischen ihnen kein Streitgespräch entsteht, wenn es nicht zu einer Kollision unterschiedlicher Meinungen kommt, dann wird die „Show“ zu einer Art Seminar, das eher in die Sparte „Bildungsfernsehen“ gehört. Doch selbst als „Seminar“ war der jüngste „Anne Will“-Talk kaum wertvoll und brachte wenig Erleuchtendes.

    Die Moderatorin eröffnete die Diskussion zum angesagten Thema mit dem Satz: „So recht blickt man nicht mehr durch.“ Damit hätte man die Sendung gleich auch abschließen können – schließlich wurde mit diesem Satz angedeutet, dass alles, was nun weiter kommen soll, bloß als Spekulationen und subjektive Einschätzungen zu betrachten sind. Bald genug stellte sich erwartungsgemäß heraus, dass alle Studiogäste den US-Präsidenten, gelinde gesagt, kritisch bewerten.

    „Trump ist das Gegenteil von Empathie“

    Zwar eröffnete der Grüne Cem Özdemir seinen Diskussionsbeitrag mit der Bemerkung, im Zusammenhang mit Trumps Covid-Erkrankung gehöre sich „keine Häme", ziemlich alles, was von ihm an dem Abend kam, wies aber keine Spur von Mitgefühl mit dem Patienten auf.

    „Dieser Präsident hat die Wut der Menschen verdient“, proklamierte der 54-jährige Bundestagsabgeordnete, der selbst vor einigen Monaten eine Covid19-Erkrankung überstanden hatte. „Donald Trump ist das Gegenteil von Empathie und Mitmenschlichkeit - da fehlt ihm ein Gen."

    In dem Zusammenhang wurde an Trumps „Schadenfreude“ erinnert, die dieser bekundet haben soll, als seine Rivalin Hillary Clinton während der Wahlkampagne 2016 gesundheitliche Probleme aufwies.

    Britta Waldschmidt-Nelson, Professorin für die Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraums an der Universität Augsburg, haute in die gleiche Kerbe: Es gebe bestimmt viele Menschen weltweit, die heute im Zusammenhang mit Trumps Erkrankung Schadenfreude empfinden, weil dieser sich so lange diese Erkrankung verharmlost und sich über die damit verbundenen Vorkehrungen lustig gemacht hatte. „Irgendwann sagt man, das geschieht ihm vielleicht doch auch recht", äußerte die Professorin, woraus man wohl schließen konnte, dass auch sie keine Sympathie für den „mächtigsten Menschen der Welt“ empfindet. Dass nun so manche Amerikaner allein aus Mitgefühl für Trump stimmen würden, schloss die Expertin jedenfalls aus.

    Trump-Fan kam aus der Ferne

    Den einzigen Vertreter des Trump-Lagers konnte die „Anne Will“-Mannschaft für die Talkshow komischerweise nur in Wien auftreiben. Der zugeschaltete Vizepräsident der Republicans Overseas in Europa, Roger Johnson, wirkte trotz seiner passablen Deutsch-Kenntnisse etwas verloren und präsentierte sich ziemlich zurückhaltend und wortkarg. Nach seiner „programmatischen“ Erklärung:

    "Ich bin der Meinung, dass Trump das Beste für das Land tut. Er erfüllt seine Versprechen. Ich unterstütze ihn voll und ganz" -

    kam sonst nicht viel von ihm in der Sendung. Jedenfalls hatte er allein schon rein technisch und wegen der geographischen Entfernung keine Möglichkeit, mit den Trump-Gegnern im Berliner Studio zu polemisieren. Frage: Konnte man denn wirklich keinen halbwegs brauchbaren Trump-Fan in Berlin ausfindig machen, um eine „normale“ Diskussion zu ermöglichen – oder war es die Absicht des Senders, dass im Ersten die Trump-kritische Einstellung zu dominieren hat? Wenn dem so sein soll, kann man (auch in diesem Fall) getrost von einer Manipulation der öffentlichen Meinung sprechen.

    Neben dem üblichen Trump-Bashing und der ebenfalls nicht unbedingt originellen Kritik an den Mängeln des amerikanischen Wahlsystems drehte sich das Gespräch hauptsächlich um Spekulationen im Sinne „Was wäre, wenn…“

    Genauso gut hätte man die Frage aufwerfen können: „Was wäre, wenn auch Joe Biden an Covid19 erkranken würde?“ Dies geschah aber – erwartungsgemäß - nicht.

    Warum ausgerechnet Altmaier zu den Gästen gehörte

    Nicht ganz klar war zunächst, warum ausgerechnet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zu dieser Talkrunde eingeladen wurde, wo es doch laut dem angekündeten Thema um „Konsequenzen für die USA“ ging und nicht für Deutschland. Warum sollte die Kritik an Trumps Corona-Politik auch aus dem Mund des deutschen Wirtschaftsministers kommen? Etwa nur um auf die längst banale Tatsache hinzuweisen, dass in der globalisierten Welt alle miteinander „eng verflochten“ sind?

    Wahrscheinlich bestand doch der eigentliche Beweggrund des Ministers darin, die Corona-Politik der Bundesregierung (und damit auch seine eigene Tätigkeit) zu loben, dank der der Anteil der Corona-Infizierten bzw. –Toten in Deutschland einen kleinen Bruchteil von den entsprechenden Kennziffern in den USA ausmache, und seiner Verärgerung über Corona-Skeptiker in der Bundesrepublik Luft zu machen – was Altmaier auch tat. „Was mich wütend und ärgerlich macht, ist, dass es immer noch Politiker gibt, auch bei uns, die das verharmlosen“, so der Minister. „Wir sehen, wohin es führt, wenn man die Vorsorgemaßnahmen außer acht lässt.“

    Von Altmaier kam auch die Passage, die die Müßigkeit der Talkrunde bei „Anne Will“ wie keine andere veranschaulichte: Trumps Gesundheitszustand könne sich schnell in jede Richtung ändern – „deshalb wird das ganze Rätselraten vielleicht noch eine Zeit lang andauern."

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    USA, Präsidentenwahl, Coronavirus, Joe Biden, Donald Trump, Talkshow, ARD, Cem Özdemir, Peter Altmaier, Anne Will