05:07 27 Oktober 2020
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    Gut, dass es für die deutschen TV-Talkshows noch Themen gibt außer Corona und Trump. Mit der Talkrunde "Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?" ist Frank Plasberg und „hart aber fair“ eine spannende und aufschlussreiche Sendung gelungen – obgleich sie auch keine Antwort auf die Frage des Abends zu liefern vermochte.

    Eine heftige Diskussion war bereits mit der zielführend zusammengestellten Gästeliste vorprogrammiert. Jürgen von der Lippe und Jan Weiler – die beiden Profis, für die die deutsche Sprache ihr Werkzeugkasten ist – agierten dabei als Gegner jeglicher Sprachregelungen. „Die Sprache ist unschuldig“, postulierte der Bestseller-Autor Weiler den Standpunkt dieses Lagers. Man müsse eher die Diskriminierten von Diskriminierung befreien, nicht die Sprache. Feministin und Publizistin Stefanie Lohaus behauptete das Gegenteil: „Die Sprache konstituiert unser Denken. Vor der Gewalt kommt immer die Sprache." Zu ihrer Linken saß Journalist und Theologe Stephan Anpalagan, der als „Person of Colour“ diejenigen repräsentierte, deren Diskriminierung durch die Sprache ebenfalls bekämpft werden soll.

    In der Mitte thronte Philosophin Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des "Philosophie Magazins", die für die griffigsten Formulierungen sorgte und neutral zu bleiben versuchte – was ihr aber im Endeffekt jedoch nicht wirklich gelang.

    Venus von Milo im Badeanzug

    Als Aufmacher diente der Sendung ein Bild mit der „Zigeunersauce“-Dose und dem U-Bahn-Schild „Mohrenstraße“. Die Dosen mit dieser Bezeichnung wurden bereits aus den Geschäften verbannt, das Schild der Berliner U-Bahnstation hängt wohl auch nicht mehr lange. In der schier unerschöpflichen deutschen Sprache finden sich aber immer neue Vokabeln und Redewendungen, die „zeitgemäß“ tabuisiert werden – bzw. tabuisiert werden sollen.

    Ist etwa das Wort „Negerkönig“, das in Astrid Lindgrens Klassiker „Pippi Langstrumpf“ vorkommt, heute noch tragbar? Der Oetinger-Verlag hat es in seiner deutschen Übersetzung durch „Südseekönig“ ersetzt – und dies sei nach Ansicht von Anpalagan völlig richtig. Seine Argumentation: Selbst die Bibel werde alle 30 Jahre neu übersetzt. Weilers Gegenargument: Genauso gut sollte man der Venus von Milo einen Badeanzug anziehen. Und Shakespeares Richard III. sollte dann nicht mehr als buckelig dargestellt werden, weil dies heute womöglich so manche Behinderte anstößig finden würden.

    Die Bedeutung des Gender-Sternchen, die nicht alle kennen

    Wurde mit der Erfindung des Gender-Sternchens (Sportler*Innen, Lehrer*Innen) etwas Gutes für die Gleichberechtigung getan? Mit einem kurzen Einspieler demonstriert Plasberg, dass die TV-Stars wie Anne Will und Claus Kleber dieses Novum auch in der mündlichen Sprache virtuos praktizieren.

    „Ich finde das Gendersternchen super“, gesteht Feministin Lohaus entzückt, wobei sie auch einräumt, dass das richtige Aussprechen der kurzen Pause, für die das Sternchen steht, zunächst einer Übung bedarf. Philosophin Fläßpöhler hakt mit einer wichtigen Erläuterung ein: Diese Pause stehe „für alle, die sich zwischen Mann und Frau verordnen“.

    Zugleich äußert sie ihren Zweifel, dass diese Gruppe auf solche Weise „angemessen repräsentiert“ werde.

    Flaßpöhler erwähnt in diesem Zusammenhang, dass zu DDR-Zeiten Frauen über sich selbst sagten: „Ich bin Tontechniker“ und fanden dies völlig normal. War gerade dies vielleicht eine Formel, mit der sich die DDR-Frauen ihre Gleichberechtigung mit dem Mann zum Ausdruck brachten? Für den Schriftsteller Weiler sei das Gendersternchen jedenfalls „den Frauen gegenüber übergriffig, frauenverachtend und unästhetisch“.

    Bald keine „Schwarzfahrer“ mehr?

    Von Plasberg erfahren die Zuschauer, dass der Berliner Senat kürzlich ein 44-seitiges Werk mit neuen Vorschlägen für die Beamtensprache verfasst hat. So wird darin als „verfeinerte“ Variante für „Menschen mit Migrationshintergrund“ vorgeschlagen, diese als „Menschen mit internationaler Geschichte“ zu bezeichnen.

    Der Begriff „Schwarzfahren“ wäre zu tilgen und durch „Fahren ohne gültigen Fahrschein“ zu ersetzen – wohl um die Leute vor der unerwünschten Assoziation zu schützen, es wäre eben für „People of Colour“ typisch, ohne Fahrschein zu fahren. Anpalagans Urteil dazu: „Auch wenn einiges sperrig klingt, ist es doch gut, dass die Verwaltung sich überhaupt Gedanken macht.“

    Dies wäre aber gerade der Punkt: Es sind nicht die beleidigten „Schwarzen“, die eine solche „Verfeinerung“ fordern, sondern die „Verwaltung“, die solche Dokumente initiiert – in der vorauseilenden Sorge darum, dass sich niemand womöglich beleidigt fühle.

    Die Philosophin Flaßpöhler findet auch dafür eine treffende metaphorische Beschreibung: „Ich habe manchmal das Gefühl, wir laufen inzwischen alle herum wie eine offene Wunde, die man schützen muss vor jeglicher Form von Infektion“. In einer „liberalen demokratischen Gesellschaft“ sollten aber die Menschen fähig sein, „sich selbst zu immunisieren“.

    „Ich lasse mich gerne als ‚Mohrenkopf‘ ansprechen“

    Gegen Ende der Sendung zieht Plasberg einen „Joker“ hervor: Zum Einzelgespräch hatte er Andrew Onegbu eingeladen – einen Koch und Inhaber des Restaurants „Zum Mohrenkopf“. Der aus Biafra, Nigeria, stammende „Mensch mit internationaler Geschichte“ hatte den Namen für sein Lokal selbst ausgesucht und findet diesen toll. Ok finde er auch, wenn man ihn als „Mohrenkopf“ ansprechen würde.

    "Ich finde es ganz schlimm, wenn Leute mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind“, sagt er. „Ich brauche dazu keine zweite oder weiße Person."

    Für Stephan Anpalagan sei dies aber nicht überzeugend: Es sei zwar in Ordnung, wenn Onegbu dies gefalle, andere Menschen „mit Migrationshintergrund“ könnten den Namen des Restaurants dennoch durchaus beleidigend finden.

    Natürlich sind alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen der streckenweise hitzigen TV-Runde am Ende bei ihren Positionen geblieben. Als Anstoß dafür, dass sich die Debatte um dieses brenzlige Thema in Zukunft ideenreich und mutig gestaltet, könnte sie durchaus dienen. Als Abwechslung zu „Corona“ und „Trump“ wäre dies jedenfalls für viele Zuschauer und Zuschauerinnen willkommen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Donald Trump, Coronavirus, Pippi Langstrumpf (Buch), William Shakespeare, Berlin, Migrationshintergrund, Talkshow, ARD, Sprache, U-Bahn