06:59 22 Oktober 2020
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    Corona hat Deutschland gespalten – das zeigte auch der „Maischberger“-Talk am Mittwochabend. Unmittelbar davor war diese Spaltung der eigentliche Nerv der „historischen“ Beratung der Chefs der Bundesländer bei der Kanzlerin. Gespalten sind auch die deutschen Virologen: Einer von ihnen findet es mittlerweile „müßig, über Todesfälle zu reden“.

    In Bayern und in Mecklenburg-Vorpommern gelten quasi die gleichen Corona-Regeln: Maskenpflicht, Abstand etc. Zugleich ist das Bundesland im Nordosten nahezu „clean“, was die Corona-Inzidenz anbelangt, während im südlichen Freistaat die Infektionszahlen immer neue Rekorde brechen. Nachvollziehbar wäre insofern die Logik der MV-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die keine Gäste aus den deutschen Risikogebieten in ihrem Bundesland sehen möchte. In der Zuschaltung beim „Maischberger“-Talk wollte Schwesig die in ihrem Land beschlossenen Restriktionen allerdings nicht als „Beherbergungsverbot“ bezeichnen – dies seien bloß „eingeschränkte Reisebedingungen“, die übrigens schon seit dem Frühjahr in Kraft seien.

    „Apokalyptische Rhetorik“

    Das berüchtigte „Beherbergungsverbot“ war einer der Punkte, bei der die Bundesländerchefs in der Beratung mit Angela Merkel keine Einigung zu erzielen vermochte. Auch von den einheitlich beschlossenen neuen Corona-Maßnahmen war die Kanzlerin offenbar nicht erbaut – zumindest anfangs.

    „Die Ansagen von uns sind nicht hart genug, um das Unheil von uns abzuwenden“, soll Merkel laut DPA unmittelbar nach dem Gipfel gesagt haben. Wenig später, in der Pressekonferenz, klang sie allerdings anders.

    Zwar sprach sie vom „entscheidenden Punkt“ und von einer „Phase der Pandemie, die ernst“ sei, die Beschlüsse der Konferenz bewertete sie aber als „sehr gut“. Ist etwa die Kanzlerin selbst innerlich so gespalten?

    Die „Welt“-Autorin Susanne Gaschke fand die „apokalyptische Rhetorik“, die die Beratung in Berlin begleitete, „irritierend“ und fehl am Platze. „Alle diese Dinge, die da heute gesagt worden sind, sollen eigentlich Angst machen“, konstatierte sie in der Talk-Runde. Aber „Angst ist kein guter Ratgeber“.

    „Mir machen die Kriegsrhetorik und die Alternativlosigkeit dieser Pressekonferenz Sorgen“, pflichtete ihr Wissenschaftsjournalist Vince Ebert bei. Cerstin Gammelin von der „Süddeutschen Zeitung“ entgegnete den beiden: „Es gibt keine Alternativen zu dem, was heute vorgestellt wurde.“

    Alternativen für Deutschland: China oder Schweden

    Alternativen gibt es dabei sehr wohl, und zwar in beiden Richtungen: sowohl die rigorose China-Variante, die der Volksrepublik mittlerweile weltweit einen soliden Vorsprung bei der Pandemie-Bekämpfung verschafft hat, als auch die lockere Schweden-Variante. In China würde heute niemandem in den Sinn kommen, von einer „Einschränkung der Grundrechte“ durch die Restriktionen zu diskutieren, wie dies heute in Deutschland üblich ist, aber auch in Schweden scheint kaum jemand in seinen Grundrechten eingeschränkt zu sein – jedenfalls werden aus Stockholm keine Demonstrationen empörter Corona-Skeptiker gemeldet.

    Der Star des Abends bei „Maischberger“ war der Bonner Virologe Hendrik Streeck, mit dem die Moderatorin ein rund viertel-stündiges Interview führte. Der von den Medien sehr gefragte Experte gilt mittlerweile als „Beschwichtiger“ und „Relativierer“. Von ihm stammt der Satz, man müsse nicht gebannt auf die steigenden Infektionszahlen „starren wie ein Kaninchen auf die Schlange“. Dieser These blieb er auch am Donnerstagabend treu. Die Zahl der Neuinfektionen mit der zu Beginn der Pandemie zu vergleichen sei sinnlos, so der Professor, weil im Frühjahr viel weniger getestet worden sei.

    Die von Merkel geäußerte Schreck-Prognose von „19.200 Neuinfektionen zu Weihnachten“ sei zwar nicht ausgeschlossen, aber nicht weiter schlimm: Im Frühjahr hätte es nach seiner Schätzung schon bis zu 60.000 Neuinfektionen täglich gegeben, was aber unbemerkt geblieben sei, weil damals wesentlich weniger getestet werden konnte.

    Wie viele Bundesbürger sollen an Corona sterben?

    Auch die deutschen Gesundheitsexperten sind in Bezug auf ihre Pandemie-Prognosen ziemlich gespalten. So hatte Karl Lauterbach (SPD) in der „Maischberger“-Sendung vor einer Woche behauptet, die täglichen 20.000 Neuinfektionen würden 200 Todesfälle am Tag bedeuten. „Da ist ganz viel falsch dran“, meinte Streeck zu dieser Schätzung. Er halte Lauterbachs Zahlen als zu hoch gegriffen: In Streecks bekannter Heinsberg-Studie vom Frühling sei die Sterblichkeitsrate von 0,37 Prozent ermittelt worden. „Es ist nicht das Killervirus, wie wir das anfangs gedacht hatten“, stellte er fest.

    Lauterbach, der die „Maischberger“-Sendung aufmerksam verfolgte – ausnahmsweise war er an dem Abend zur anderen Seite des Bildschirms – twitterte prompt: „Ich setze dabei, wie Christian Drosten, eine Sterblichkeit von einem Prozent in Deutschland voraus. Das entspricht z. B. Studien der Harvard Universität.“  

    Zwar bestritt Hendrik Streeck nicht, dass Corona gefährlich sei, die von der Konferenz der Ministerpräsidenten beschlossenen Maßnahmen bewertete er aber als wenig sinnvoll – insbesondere die Sperrstunde um 23.00 Uhr.

    Erneut bekräftigte er seine These, man müsse „mit dem Virus leben lernen“. Auch er kritisierte die von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für dessen Äußerung, in der Corona-Krise stehe Deutschland momentan „fünf vor 12“. „Diese Vergleiche bringen nicht viel, sie machen eher ein wenig Angst“, so der Bonner Professor.

    „Schäden sind nicht nur Corona-Tote“, fügte er hinzu. „Schäden sind auch verschobene Operationen, Schäden entstehen auch durch verlorene Existenzen. Da gibt es eine ganze Facette an Schäden, die entstehen können.“

    Und: Als es um die Corona-Sterblichkeit ging, entwich dem Mediziner ein signifikanter Satz: „Ich finde es müßig, über die Todesfälle zu reden.“ Daraus wäre wohl zu schließen, dass Hendrik Streeck nicht nur dafür plädiert, „mit dem Virus leben zu lernen“ – sondern auch zu sterben. Na dann…

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    China, Schweden, Coronavirus, Manuela Schwesig, Angela Merkel, Karl Lauterbach, Markus Söder