04:10 29 Oktober 2020
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    Der Rückgang des Ölpreises, ein riesiger Schuldenberg und fehlende Finanzierungen haben eine Pleitewelle in der US-amerikanischen Fracking-Industrie losgetreten.

    Warum die Fracking-Firmen, die die USA wieder zum Ölförderer Nummer eins machten, heute kaum noch den Kopf über Wasser halten können – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Niedrige Preise

    Der Absturz der Ölpreise im Frühjahr hat vor allem in den USA die Bohraktivitäten zurückgehen lassen. Der Rohstoff ist um fast 50 Prozent billiger geworden. In Texas war man dafür nicht gerüstet. Parsley Energy schloss 150 Bohrinseln, Continental Resources kürzte die Förderung um ein Drittel, Texland Petroleum stoppte die Bohrungen völlig.

    Im April ging mit Whiting Petroleum eines der größten Fracking-Unternehmen pleite, gefolgt vom Branchendienstleister Hornbeck Offshore Services. Im Mai teilten California Resources und der Fracking-Gigant Chesapeake Energy den Investoren mit, den Betrieb einzustellen. Analysten warnen: Das ist erst der Beginn der Pleitewelle, die demnächst die Branche erfassen wird. Laut Prognose von Pickering Energy Partners drohen in diesem Jahr Pleiten für fast 40 Prozent der Firmen aus dieser Branche.

    Die aktuellen Preise werfen für die Fracker immer noch keinen Gewinn ab. Der Selbstkostenpreis der Produktion liegt bei 50-60 Dollar pro Barrel.  Die Branche wird auch zunehmend unattraktiver für Investoren. Es kommt zu einem Teufelskreis – um auf dem Markt mitspielen zu können, braucht man Geld, doch in dieser Situation sind Finanzhilfen eher in weiter Ferne.

    Laut Einschätzungen der Internationalen Energieagentur werden die Investitionen in die Schieferölförderung in diesem Jahr um mehr als das Doppelte auf 45 Mrd. Dollar zurückgehen. 2019 waren es fast 100 Mrd.

    Im “World Energy Outlook” der Internationalen Energieagentur wird erwähnt, dass der Höhepunkt auf 2014 mit 125 Milliarden entfiel. In diesem Jahrzehnt werden 30 Prozent weniger erwartet – rund 85 Mrd. pro Jahr.

    Die Prognose der internationalen Consulting-Agentur Rystad Energy beläuft sich auf rund 67 Mrd. Dollar in diesem Jahr.

    Bittere Enttäuschung

    Das Interesse der Investoren an den Frackingfirmen ist abgekühlt. Bereits Ende 2018 mussten die meisten Unternehmen ihre Etats um Milliarden wegen fehlender Investitionen kürzen. Der Grund ist simpel: Gewinne sind nicht in Aussicht.

    Dass die USA zum weltgrößten Ölproduzenten aufgestiegen sind, ist das Verdienst der Schieferölunternehmen. Doch ohne ständig neue Bohrlöcher sind die Fördermengen schnell ausgeschöpft. Man muss Schulden machen.

    Nach zehn Jahren Schieferöl-Boom wurde den Investoren allmählich klar, dass ein lohnendes Geschäft noch in weiter Ferne ist. Die Unternehmen fracken bis heute Öl zum eigenen Nachteil, wobei der Geldmangel mit neuen Krediten finanziert wird. In den zehn Jahren verloren 40 führende Firmen in der Branche fast 200 Milliarden Dollar mehr als sie verdient haben.

    Nur einige schafften es, Gewinne zu generieren, wie Analysten feststellen. Tausende Bohrlöcher auf Schieferölvorkommen pumpen deutlich weniger Rohstoff, als den Investoren versprochen wurde. Im Ergebnis kam es zum Ausverkauf der Aktien der Unternehmen. Auch die Marktakteure selbst sind sich ihrer Probleme im Klaren. „Die Branche zerstörte völlig das Vertrauen der Investoren in den letzten zehn Jahren“, sagte Lee Tillman, Generaldirektor der viertgrößten US-Förderfirma Marathon Oil.

    Für die Investoren wurden die Schieferölunternehmen zum „schwarzen Schaf“, wie FactSet, ein internationales Unternehmen auf dem Finanzdatenmarkt, anmerkt. Seit 2007 ging der Index der US-Schieferölproduzenten um 31 Prozent zurück, während der S&P 500 um 80 Prozent stieg.

    Dunkles Geheimnis

    Laut IEA-Prognose werden gerade die USA den größten Beitrag zur Reduzierung der globalen Öllieferungen leisten. Die Produktion in den sieben größten Schieferbecken der USA – Perm, Eagle Ford, Bakken, Niobrara, Anadarko, Appalachian und Haynesville wird auf 7,632 Mio. Barrel pro Tag sinken. Im Perm-Becken, auf das mehr als die Hälfte der gesamten Schieferölförderung entfällt, auf 4,5 Mio., Eagle Ford auf 1,3 Mio.

    Paradoxerweise vernichte die Technologie selbst die Perspektive, auf die die gesamte US-Ölbranche setzte. Laut einem der führenden Investoren in der Branche wurden mit der Fracking-Methode massiv die Vorräte der Kohlenwasserstoffe im Land verringert. Das untergräbt die Hoffnungen auf die Wiederherstellung der Förderung und der Energieabhängigkeit der USA.

    Wil VanLoh, Chef der Investitionsfirma Quantum Energy Partners, deren Portfolio-Firmen nur etwas weniger als der größte Bohrer ExxonMobil produzieren, gab zu, dass „Fracking den größten Teil der Vorräte in Nordamerika vernichtete“.

    „Das ist das dunkle Geheimnis der Schieferölbranche“, sagte VanLoh der Zeitung „Financial Times“. Die Löcher werden oft zu nahe voneinander gebohrt. „In den letzten fünf Jahren haben wir uns nur mit der Ausschöpfung der Naturressourcen befasst“.

    Es wird noch schlimmer

    Laut „Financial Times“ fixierten die größten unabhängigen Fracker im ersten Quartal eine Rekordmenge an Gesamtverlusten in Höhe von 26 Mrd. Dollar. Man müsse sich jetzt auf das Unvermeidliche vorbereiten – eine Pleitewelle, so die Zeitung. Es soll schlimmer als auf dem Höhepunkt der Ölkrise 2016 sein. Damals gingen 70 Unternehmen pleite, doch sie waren klein und hinterließen insgesamt 56 Milliarden Dollar Schulden. Nun sind selbst die Big Player davon nicht verschont. Im Juni verabschiedete sich ein weiterer großer Produzent: Extraction Oil&Gas.

    Nach Angaben der Kanzlei Haynes and Boone haben innerhalb von acht Monaten 36 Firmen mit Schulden in Höhe von insgesamt 51 Milliarden Dollar einen Insolvenzantrag gestellt. Die Gesamtschulden der großen Unternehmen belaufen sich auf 150 Milliarden.

    „Den Markt erwarten Pleitewellen und eine Restrukturierung“, sagt Regina Mayor von KPMG. Analysten zufolge werden bis zum Ende des kommenden Jahres 250 Unternehmen bankrottgehen, wenn die Ölpreise nicht das notwendige Niveau erreichen. Doch die Pandemie gewinnt wieder an Dynamik, was zu einem weiteren Rückgang der Ölnachfrage mit den entsprechenden Aussichten führen wird. Laut einer kürzlich veröffentlichten Deloitte-Studie ist schon rund ein Drittel der Fracking-Unternehmen in den USA zahlungsunfähig.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Schieferöl, USA, Fracking