12:58 03 Dezember 2020
SNA Radio
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Von
    41063
    Abonnieren

    Während Washington chinesische Hightech-Konzerne auf dem US-Markt bedrängt, zieht Peking seine stärkste Waffe in diesem Wirtschaftskrieg: die Möglichkeit, Staatsanleihen der Vereinigten Staaten abzustoßen und dadurch einen Verfall des Dollars auszulösen. Wird China soweit gehen?

    Die zwei größten Volkswirtschaften der Welt hatten eigentlich schon einen großen Schritt gemacht, um ihren Wirtschaftskrieg zu beenden. Im Januar dieses Jahres unterzeichneten China und die USA das erste Abkommen für den Neustart ihres bilateralen Handels. Aber die Covid-19-Pandemie fuhr dazwischen. Washington warf Peking vor, die Verbreitung des Virus begünstigt zu haben, forderte Wiedergutmachungen und verkündete, aus dem Gefühl benachteiligt zu sein, seinen Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation.

    Seitdem nehmen die Spannungen, je näher in den Vereinigten Staaten die Präsidentschaftswahlen rücken, immer weiter zu. Trump erinnert seine Wähler abermals an den Schaden, den die Chinesen der amerikanischen Wirtschaft durch Unternehmensabwerbungen und Diebstahl von Industriegeheimnissen angeblich zugefügt haben.

    Im August beschuldigte Washington die chinesische Führung, sie mische sich über das Internet und die sozialen Medien in den Wahlkampf ein. Zur Zielscheibe dieser Attacke wurde die App TikTok: Die Anwendung gehöre verboten, weil Peking sonst Zugang zu persönlichen Daten amerikanischer Bürger erhalte, erklärte das Weiße Haus. Die chinesische ByteDance, Inhaberin der App, wird genötigt, TikTok bis spätestens 12. November an amerikanische Firmen zu verkaufen – anderenfalls, so Trump, werde die Anwendung blockiert.

    Wie Peking darauf reagieren wird, ist noch unklar. Experten gehen davon aus, dass die chinesische Führung von sich aus wenig Interesse habe, TikTok in Schutz zu nehmen. Denn die Anwendung ist nach offizieller Darstellung schädlich: sie verbreite anstößige Inhalte, stimme kaum mit sozialistischen Werten überein und verderbe die chinesische Jugend.

    Aber Washington lässt auch bei Huawei, dem größten chinesischen Technologiekonzern, nicht locker. Im Gegenzug hat Peking bereits gedroht, ausländischen Firmen, die eine „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ darstellen können, den Export strategisch wichtiger Technologien und Materialien zu verbieten. Und wie am Rande verweist die chinesische Führung darauf, dass sie größere Hebel gegen die US-Wirtschaft in der Hand habe.

    Gemeint sind damit amerikanische Staatsanleihen im Wert von über einer Billion Dollar. Auch ohne zusätzliche Eskalationen im Wirtschaftskrieg mit den USA verkaufte Peking die Papiere bereits. Im Vergleich zum Spitzenwert von 1,32 Billionen Dollar im November 2014 gingen die chinesischen Investitionen in die amerikanischen Schuldscheine um mehr als 200 Milliarden Dollar zurück.

    Wie aus dem letzten Bericht des amerikanischen Finanzministeriums hervorgeht, ist das chinesische Anleiheportfolio im September dieses Jahres auf 1,08 Billionen Dollar geschrumpft. Treasuries im Wert von 106 Milliarden Dollar stieß Peking im ersten Halbjahr 2020 ab. Dies ist der größte Ausverkauf von US-Anleihen seit 2015.

    Ursächlich dafür ist nicht allein der Wirtschaftskrieg zwischen Washington und Peking. Die chinesische Führung erkennt, dass Washington die wirtschaftlichen Probleme des Landes ohne die ultralockere Geldpolitik nicht zu lösen vermag. „Deshalb sind Investitionen in die amerikanischen Schuldscheine sehr riskant“, schreibt die chinesische „Global Times“.

    Der eskalierende Konflikt zwischen den USA und China nährt die Beunruhigung zusätzlich: Was, wenn der größte Gläubiger der amerikanischen Wirtschaft der Verlockung nicht standhält und einen massiven Ausverkauf der US-Anleihen startet? Die Folgen wären katastrophal, die Märkte wären in Panik.

    Jedoch: Gerade für China wäre dies nachteilig. Ein Ausverkauf von Staatsanleihen für 100 bis 200 Milliarden Dollar wirkt sich unausweichlich negativ auf deren Preise aus. Folglich schrumpfen auch die Außenwerte und Reserven der Volksrepublik erheblich wie auch die Erlöse aus dem Verkauf der verbilligten Wertpapiere.

    Zusätzlich dazu würde die amerikanische Währung an Wert verlieren. Damit einhergehend steigen die Kosten chinesischer Exporte in die USA. Sollte dann auch der Wirtschaftskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften vollends außer Kontrolle geraten, hätte Peking infolge des Ausverkaufs amerikanischer Anleihen nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die chinesische Währung, den Yuan, zu regulieren.

    „Die Pyramide amerikanischer Anleihen einzureißen, hieße die Welt in ein Finanzchaos zu stürzen, das die Finanzkrisen von 1998 oder 2008 unvergleichlich übertreffen würde. Deshalb ist so etwas in absehbarer Zukunft kaum möglich“, kommentiert Michael Ross-Johnson, CEO der Kryptowährungsbörse Chatex.

    Viel wahrscheinlicher ist eine sukzessive Abkehr von den amerikanischen Staatspapieren im Laufe mehrerer Jahre. Volkswirt Xi Junyang, Professor an der Wirtschafts- und Finanzuniversität Shanghai, sieht die weitere Entwicklung so: Peking wird seinen Saldo an US-Anleihen schrittweise auf annähernd 800 Milliarden Dollar verringern – „im Normalfall“, betont der Wissenschaftler. Denn extreme Ereignisse seien nicht ausgeschlossen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Manipulation und Betrug: Trump äußert sich in 46 Minuten langem Video zu Wahlergebnissen
    Drei Jugendliche in Hannover von S-Bahn erfasst – zwei tot
    Noch ein mysteriöser Monolith in den USA aufgetaucht – Fotos
    Tags:
    Hightech, IT, Dollar, Handelskrieg, USA, China