20:01 24 November 2020
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    Frankreich ist seit Jahrzehnten Zielscheibe von Terrorismus, v.a. des islamistischen. Nun schafft zudem die Konfrontation mit der Türkei ein brisantes Gemisch

    Als im Februar 2006 dänische Flaggen brannten, weil die auflagenstärkste Tageszeitung Dänemarks, „Jyllands-Posten“, mit Mohammed-Karikaturen ein publizistisches Experiment lanciert hatte, ging die Debatte international los. Was wiegt schwerer: die Meinungsfreiheit oder religiöse Gefühle? Im Jahr 2020 sind wir mit dieser Debatte nicht viel weitergekommen, nur die Liste der terroristischen Anschläge zum Thema wird immer länger. Jüngst ging es hierbei um die grausame Ermordung und Enthauptung des französischen Geschichtslehrers Samuel Paty, der Karikaturen einer französischen Satire-Zeitung, deren Redaktion Ziel eines blutigen Anschlags war, im Unterricht verwendete, um mit den Schülern über Meinungsfreiheit zu diskutieren.

    Dieses Attentat bewegte die französische Öffentlichkeit fast intensiver als Ausgangsperren und Pandemie. Der französische Präsident Emmanuel Macron fand bei der Feier zu Ehren des Getöteten sehr klare Worte: „Das ist ein Angriff auf die Republik.“ Macron weiß die Mehrheit der Franzosen hinter sich, wenn er die republikanischen Werte, die auf der Französischen Revolution von 1789 fußen, immer wieder in Erinnerung ruft. Frankreich sieht sich als Schutzmacht einer säkularen Tradition. Der Laizismus, also die rigide Trennung von Politik und Religion, wie sie seit 1905 auch rechtlich normiert ist, ist aber eine französische Besonderheit. Frankreich exportierte diese in andere Gegenden der Welt. 

    Frankreich und die Allianz mit den Osmanen

    Ein Land, das eben diesen Laizismus ebenso klar rechtlich und gesellschaftspolitisch umsetzte, war die 1923 von Kemal Atatürk gegründete Republik Türkei. Es ist geradezu eine Ironie der Geschichte, wenn nun zwischen diesen beiden Staaten eine intensive Fehde ausgetragen wird.  Mit der Machtübernahme durch die national-religiöse Partei AKP unter Recep T. Erdogan erfolgte auch eine fundamentale Umgestaltung von Politik, Recht und Gesellschaft. Das vorläufige Ende hiervon war eine Verfassungsreform in Richtung Präsidialrepublik. Präsident Erdogan setzt seit bald 15 Jahren konsequent auf Themen wie Schutz der Muslime weltweit, sei es die türkische Diaspora in Europa, der er zu vermitteln verstand, Nachfolger der glorreichen Osmanen und nicht Kinder von Gastarbeitern zu sein; oder sei es das Palästinenser-Thema. Massive Unterstützung für die Muslimbrüder verbindet die Türkei mit dem reichen Golfemirat Katar, schafft aber eine tiefe Kluft zu Saudi-Arabien oder Ägypten. Frankreich seinerseits setzte in den letzten Jahrzehnten ebenso auf enge Beziehungen mit Katar, wobei es vor allem um Rüstungsgeschäfte ging. Nun trifft der von der Türkei geforderte Boykott französischer Waren auch die Supermärkte in Katar.

    Frankreich und die Osmanen waren im 17. und 18. Jahrhundert in enger Allianz. Der erklärte gemeinsame Feind war das Reich der Habsburger. Die Türkenbelagerungen vor Wien wurden von den Bourbonen unterstützt. Wien führte einen Zweifrontenkrieg, im Osten gegen die überlegenen osmanischen Heere, im Westen gegen die Franzosen. Der aus Paris vertriebene Prinz Eugen von Savoyen schaffte das militärische Wunder, diese beiden Kriege zu meistern. 

    Gleiche Konflikte – unterschiedliche Konfliktlösungen

    Wenn nun Paris seinen Botschafter infolge der scharfen verbalen Attacken von Erdogan aus Ankara rückberuft, dann sind die Beziehungen wahrlich auf einem Tiefpunkt angelangt. Erdogan meinte in Reaktion auf Macrons Bestehen auf islamkritischen Karikaturen, dass dieser in „psychiatrische Behandlung“ müsste. Solche Verbalattacken entbehren jeglicher Würdigung. Will man aber Diplomatie auf eine mathematische Formel bringen, so würde diese lauten: Diplomatie = unter allen Umständen im Dialog bleiben. Als der russische Botschafter Andrej Karlow im Dezember 2016 von seinem türkischen Leibwächter unter „Allahu Akbar“-Rufen in Ankara getötet wurde, brach Moskau nicht die Beziehungen ab. Ein bemerkenswerter Unterschied in der Handhabung äußerst komplexer Dossiers. Wenn zwischen Paris und Ankara derzeit die Emotionen hochgehen, jede Seite auf ihrer alten Rolle einstiger Großmachtpolitik besteht und das Mittelmeer fast wie vor 400 Jahren zur Bühne des Disputs macht, dann läuft etwas falsch.

    Frankreich und die Türkei befinden sich auf hartem Kollisionskurs, ob in Libyen oder in Syrien, nun auch im Konflikt um Bergkarabach. Vielleicht ist diese Konfrontation auch deswegen so heftig, weil man historisch betrachtet eine Symmetrie im jeweiligen Selbstbild ausmachen kann: „La France“ mit dem Anspruch, über die Revolution von 1789 den Universalismus bestimmter Werte begründet zu haben. Die Trias „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ war zweifellos bei sämtlichen Revolutionen danach zu hören. Doch die Welt hat sich gedreht, nicht nur in den letzten 300 Jahren, sondern nochmals in den letzten 30 Jahren.  Auf der anderen Seite die Türkei, die mit dem Kalifen fast 450 Jahre das geistliche Oberhaupt der sunnitischen muslimischen Welt gestellt hatte. Diesen Führungsanspruch stellt Erdogan regelmäßig, doch die arabische muslimische Welt und die türkische Welt trennt auch ein tiefer Graben. Denn die Jahrhunderte osmanischer Okkupation sind nicht vergessen. 

    Respekt im Umgang miteinander

    Paris und Ankara wären gut beraten, die vielen ausgegrabenen Kriegsbeile zur Seite zu legen und wieder unter Abwägung sämtlicher Interessen die vielen Konflikte diplomatisch zu lösen zu versuchen. Die Türkei übermittelte Frankreich unmittelbar nach dem grausamen Anschlag auf die Kirche in Nizza ihr Beileid. Nun ist die Türkei von einem schweren Erdbeben erschüttert. Mögen Rettungsangebote vorliegen, ob Bergungshunde oder andere Hilfe, mögen die türkischen Behörden diese annehmen.  Wir wissen um die vielen Hürden, die auch diese Gesten aufwerfen können.

    Doch anstatt auf Konfrontationskurs zu bestehen, wäre ein neuer Ton auf allen Ebenen, mehr Respekt für einander von Nutzen. Die Pandemie mit ihren gewaltigen wirtschaftlichen Verwerfungen trifft uns alle. Ob wir nun im Lockdown sind, kleine Betriebe ums Überleben kämpfen – die Prioritäten sollten nun nicht Karikaturen oder religiös motivierte blinde Gewalt sein. Alle unsere Gesellschaften sind großen Belastungen ausgesetzt, bürgerliche Rechte werden überall eingeschränkt. Für Frankreich und die Türkei geht es derzeit auch um mehr als die Vergangenheit und einstige Glorie.

    Unsere Gastautorin Karin Kneissl, Nahostexpertin, vormals unabhängige Außenministerin von Österreich, lebt und arbeitet derzeit in Frankreich.

     

     

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Boykott, Protest, Streit, Karikaturen, Islam, Terrorismus, Recep Tayyip Erdogan, Emmanuel Macron, Türkei, Frankreich