04:20 25 November 2020
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    Bereits vor 20 Jahren fingen internationale Erdölkonzerne aus Imagegründen an, sich Energiekonzerne zu nennen. BP machte es vor. Ob das Kapitel Erdöl nun tatsächlich zu Ende geht, wie eminente Stimmen meinen, bezweifelt unsere Autorin. Im September erschien ihr aktuelles Buch „Die Mobilitätswende: und ihre Brisanz für Gesellschaft und Wirtschaft“.

    Der Ökonom John Kenneth Galbraith meinte einst ironisch, dass die einzige Funktion von Wirtschaftsprognosen sei, die Astrologie respektabel aussehen zu lassen. Gegenwärtig ähneln die Berichte der OECD und vieler anderer Organisationen, wie es um die Welt- wirtschaft bestellt ist und wie es weitergehen könnte, auch mehr einem Horoskop. Von permanenter Mobilität sind wir in den globalen Stillstand gerutscht. Und dies nicht nur einmal, sondern dank wiederholter Lockdowns in diversen Variationen gleich mehrfach.

    Infolge des massiven Einbruchs der Konjunktur in einer bislang nicht dagewesenen Form, da erstmals alle Staaten- von China derzeit abgesehen - gleichermaßen betroffen sind, ist allerhand zu revidieren. Noch zu Jahresbeginn lauteten die Einschätzungen renommierter Wirtschaftsinstitute recht zuversichtlich, dass infolge der Klärung einiger Handelszwiste, so zwischen den USA und China im Dezember 2019, die relativ schwache wirtschaftliche Entwicklung des Jahres 2019 nun überwunden wäre.

    Angebotskrise versus Nachfragekrise

    Doch die Pandemie verschärfte eine Nachfragekrise, die spätestens mit dem starken Preisverfall ab der zweiten Jahreshälfte 2014 spürbar wurde. Der englische Begriff von „peak oil“ (so viel wie Ölfördermaximum – Anm.d.Red.) hat Debatten seit bald 50 Jahren beherrscht. Die Aussicht, dass uns das Öl ausgehen würde, war das Thema dieser Angebotsproblematik. Doch Angebot lässt sich immer schaffen. Zudem kommen die chemischen Verbindungen von Kohlenwasserstoffen in der Natur sehr häufig vor. Die Fracking Industrie machte es vor und trat mit der Schieferöl- und Schiefergas-Produktion eine jedenfalls temporäre „Revolution“ los, die „shale revolution“. Die Fracking Firmen wurden aber bald Opfer ihres eigenen Erfolgs, denn mit dem Überangebot verfiel der Preis und viele Firmen gingen gerade in diesem Jahr bankrott.

    Während also ein Angebot stets geschaffen werden kann, verhält es sich anders mit der Nachfrage. Bricht diese ein, lässt sie sich kaum erschaffen. Der englische Begriff hierfür lautet „peak in demand“, also Nachfragespitze. Eine solche findet seit geraumer Zeit statt und beschäftigt die Planungsstäbe in den Erdölfirmen, ob es sich nun um die großen staatlichen, wie jene in Russland,  oder im Nahen Osten handelt, die u.a. in der OPEC zusammengeschlossen sind, oder um die internationalen, die an der Börse notieren: BP, Total, Royal Dutch Shell, Exxon etc. 

    Knapp 60 Prozent des Weltverbrauchs entfallen auf den Transportsektor. Mit dem wochenlangen Lockdown in fast allen Staaten ist die Nachfrage so eingebrochen, dass der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI zwischenzeitlich sogar ins Minus gerutscht ist. 

    Im aktuellen Energy Outlook von BP heißt es, dass die Hochphase des Ölbooms schon längst überschritten sein könnte. „In der modernen Energiegeschichte gab es noch nie einen absoluten Nachfragerückgang der fossilen Rohstoffe. Das ändert sich jetzt“, verkündete BP-Chefökonom Spencer Dale. Andere Unternehmen wie Shell und Total nähern sich in ihrer Prognose eher den Berechnungen der Internationalen Energie Agentur an. Die Quintessenz: Spätestens ab 2030 dürfte der Ölboom ein Ende finden. 

    Energiekonzern mit grünem Portfolio

    Die großen westlichen Konzerne kontrollieren gerade einmal zehn Prozent der weltweiten Ölförderung. Die Staatskonzerne in Saudi-Arabien, Russland oder Kuwait sind bedeutender. Ihre Reserven sind langfristig bedeutsamer. Eine andere Entwicklung hat sich hingegen konsolidiert. Es ist jene des Imagewandels, weg von der Bezeichnung des „schmutzigen“ Erdöl- bzw. Erdgasunternehmens, hin zum „Energiekonzern“. British Petroleum machte im Jahr 2001 offiziell den Auftakt, indem es sich fortan „Beyond Petroleum“ nannte. Die Sonnenblume auf grünem Hintergrund wurde zum neuen Logo. Was BP mit großem Marketingaufwand begann, würden in der Folge viele weitere internationale Noch-Erdölkonzerne ebenso tun, egal ob Chevron oder Total, nämlich sehr viel Budget in ihre Abteilungen „Corporate Social Responsibility“ stecken und sich als Motor für den Ausbau erneuerbarer Energien präsentieren. Die norwegische Statoil änderte sogar ihren Namen in Equinor, um sozusagen keinen Ölfleck mehr auf ihrem skandinavischen Image zu haben.

    Auf der Website von BP stand noch im Frühjahr 2010 der Slogan, dass Sicherheit Vorrang vor Profit habe. Dann folgte das „Deepwater-Horizon“-Desaster im Golf von Mexiko mit gewaltigen Umweltschäden. Bereits 2012 investierte BP wieder vermehrt im fossilen Sektor und stieg aus seinen Windfarmen etc. aus. Gegenwärtig hingegen beschreitet BP wieder absolut den Weg des grünen Energiekonzerns. Die Gründe sind vielfältig: der starke öffentliche Druck, der BP auch als Sponsor vieler Universitäten und Kultureinrichtungen vertrieb, zudem der neue Vorstand, der sich dem Erneuerbaren verschrieben hat. Hinzu kommen enorme Abschreibungen im Umfang von 17 Milliarden US-Dollar. BP rechnet aktuell bis 2050 mit einem Erdölpreis pro Fass von 55 US-Dollar, womit sich die Erschließung bestimmter Vorkommen nicht mehr rechnet. BP will die Förderung von Kohlenwasserstoffen bis 2030 um 34 bis 40 Prozent senken, die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen wird forciert. So unternimmt BP neuerlich eine Volte, nachdem solche in der Vergangenheit bereits mehrfach erfolgt waren. 

    Wie wirtschaftlich stabil ein Konzern wie BP ist, hängt mit der Rolle solcher großen Konzerne für die jeweilige Volkswirtschaft zusammen. Eins von sechs britischen Pfund in Pensionsrücklagen wurde bis vor wenigen Jahren noch in BP investiert. So einen Kon- zern ließ „man“ 2010 infolge der Umweltkatastrophe nicht untergehen, auch wenn bereits die Konkurrenz das Offshore-Bohrgeschäft aus Sicherheitsgründen übernehmen wollte und der BP-Aktienkurs dramatisch sank. Keiner dieser börsenotierten Konzerne ist frei von politischer Einmischung. Das gilt ebenso für Total, wohin hochverdiente Personen des öffentlichen Lebens oft „pantouflieren“, also die Pantoffeln wechseln. Solche politischen Verbindungen nur den russischen Energiekonzernen vorzuhalten, geht an den Fakten vorbei.

    Die Erdölkonzerne und die aktuelle Weltwirtschaft

    Rund ein Viertel der weltweiten Aktienmärkte ist zudem mit dem fossilen Brennstoffsystem verbunden. Eine radikale Dekarbonisierung der Mineralölkonzerne würde deren völligen Umbau erfordern. Royal Dutch Shell und auch Chevron haben in ihren Unternehmensentscheidungen wissen lassen, dass sie weiter an ihrem Kerngeschäft festhalten. Die europäischen Unternehmen Royal Dutch Shell, BP, Total, Eni, Equinor und Repsol haben sich in der einen oder anderen Weise dazu verpflichtet, spätestens bis zum Jahr 2050, netto keine CO2-Emissionen mehr zu verursachen.

    Aller grünen Rhetorik zum Trotz sind die Erdölkonzerne hier aber noch vorsichtig: So machen die Investitionen in die Alternativen von Öl und Gas noch immer nur einen Bruchteil der Ausgaben für die traditionellen Geschäftsbereiche aus. Die Zurückhaltung hat gute Gründe: Die Rentabilität der traditionellen Geschäftsbereiche lag vor Kurzem bei zehn Prozent und mehr auf dem eingesetzten Kapital. Investitionen in Windparks, Solarstrom, Batterien, Ladestationen für Elektroautos oder Versorgungsunternehmen werfen dagegen deutlich weniger ab. 

    Zugleich wächst der Druck vonseiten privater Investoren, die sich zudem gerne als Förderer wichtiger Nichtregierungsorganisationen zeigen. Die Gruppe „Climate Action 100+“ besteht aus mehr als 450 professionellen Investoren, die insgesamt beinahe unvorstellbare 40 Billionen US-Dollar verwalten. Darunter finden sich Namen wie HSBC, Ceres und viele Pensionsfonds, die nach sicheren Anlageformen suchen. Sie sind zu einer einflussreichen Vereinigung aufgestiegen, die im Namen ihrer Aktionäre von Unternehmen Strategien einfordert, damit die Klimaziele von Paris eingehalten werden. Es geht eben nicht nur um ökologische Fragen, sondern auch um sehr viel Geld. Das Thema bewegt entsprechend die Finanzmärkte. Investoren schichten teils um, da im fossilen Bereich viel Geld verloren ging. Es entsteht der Eindruck, dass auch hier, wider Erwarten, die Wette auf die Zukunft von so mancher Faktenlage noch eingeholt werden könnte. Eine Ernüchterung im aktuellen Investitionsboom zugunsten der Tech-Firmen ist nicht auszuschließen.

    Im Namen von Emotion und Emission

    Der erneuerbare Energiesektor wird von Technologien angetrieben, die sowohl billiger als auch effizienter wachsen – und das exponentiell. So verdoppelt sich beispielsweise die Kapazität von Lithium-Ionen-Batterien alle zwölf Monate. Vor zehn Jahren lagen die Kosten für einen Lithium-Batterie-Pack bei etwa 1.200 US-Dollar pro Kilowattstunde. Heute liegen sie bei weniger als 160 US-Dollar pro Kilowattstunde und sind weiterhin rückläufig. Die Zahlen sind beeindruckend und dennoch mit Vorsicht zu betrachten. Aber wie so oft in der Geschichte reagieren die Finanzmärkte sehr emotional und manches wird ausgeblendet. Und ja, es stimmt: Das Dilemma der Ölindustrie ist offensichtlich, denn sie ist nicht in der Lage, die Kosten zu senken und zugleich bei dem aktuellen Preisniveau neue Felder zu erschließen. Die einzige Möglichkeit für die Ölkonzerne, in diesem Umfeld nachhaltig zu sein, besteht darin, sich selbst neu zu erfinden; doch nur 1,5 Prozent der Einnahmen der 30 größten Öl- und Gasunternehmen der Welt stammen aus kohlenstoffarmen Produkten. Mit weiteren großen Abschreibungen und dem Ausbleiben von Dividenden ist möglicherweise zu rechnen. Entsprechend bemüht sind professionelle Anleger, die Gelder ihrer Kunden umzuschichten. Hier sind die Tech-Konzerne und vor allem die neuen Vertreter der Mobilität die Adressaten.

    Werden wir vor dieser veränderten Gemengelage, die sich wohl nicht mit Gelddrucken beruhigen lässt, die Klimaziele des von der Europäischen Kommission verordneten Green Deals weiterverfolgen? Demzufolge sollen die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors bis 2050 um 90 Prozent sinken. Oder werden sich viele Regierungen gezwungen sehen, andere Prioritäten zu setzen, um soziale Revolten zu verhindern? In jedem deutschen Auto liegt auch eine gelbe Weste: die Verteuerung der Mobilität führte in Frankreich im Herbst 2018 zu schweren sozialen Unruhen. Werden die Menschen infolge von Massenarmut ihr altes Dieselfahrzeug so lange wie nur möglich weiternutzen, anstatt Carsharing zu betreiben, das in Zeiten hoher Infektionsgefahr ohnehin obsolet wurde? Und wird das Geld der öffentlichen Hand reichen, um das Schienennetz auch in Europa endlich zu verbessern? Oder überlassen wir die Innovation aller Infrastruktur China, das über die Belt-and-Road-Initiative ohnehin die wesentlichen alten und neuen Verkehrswege zu Lande und zu Wasser ausbaut? Keiner weiß es wirklich, gewisse Trends lassen sich beschreiben. Aber die Szenarien können sich auch sehr rasch wieder ändern. Ein disruptiver Technologiewechsel kann vieles neu gestalten.

    Die Ungewissheit ist unser aller Thema

    Der ehemalige saudische Erdölminister Zaki Yamani hat die Problematik der Nachfragekrise, die uns alle beutelt, in einem Interview mit dem Daily Telegraph einst so formuliert:

    „In 30 Jahren wird eine große Menge Erdöl da sein, aber die Käufer werden fehlen. Öl wird im Boden bleiben. Die Steinzeit neigte sich zu Ende, nicht weil wir keine Steine mehr hatten; und so wird das Erdölzeitalter zu Ende gehen, nicht weil wir kein Öl mehr haben.“

    Fast prophetisch mutete diese Aussage vor 20 Jahren an. Yamani glaubte damals, dass es bereits 2005 so weit sein könnte. Letztlich kam es zu zwei Krisen der Nachfrage, einmal im Zuge der Banken- und Finanzkrise 2008, dann 2014 – allen geopolitischen Widrigkeiten jenes Jahres zum Trotz – und letztlich 2020. Der Auslöser ist diesmal eine globale Gesundheitskrise, welche eine gleichsam permanente Mobilität für weite Gesellschaftsschichten vorerst heftig verlangsamt hat.

    In meinen Überlegungen rechne ich angesichts der massiven sozialen Probleme, die uns  beuteln werden, weniger mit einem beschleunigten Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor und weiterem Ausbau der Elektromobilität, auch wenn dies im Namen der Klimakrise argumentiert und auch normiert wird. Es ist nicht auszuschließen, dass die oft totgesagten Erdölfirmen auch diese Krise irgendwie meistern, denn mit Volatilität umzugehen, wurde hier gelernt. Totgesagte leben eben länger.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Klimaschutz, Ölexport, Ölförderung