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    Hochschulbildung in Russland: Stimmt das Verhältnis von Nachfrage und Angebot?

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    MOSKAU, 07. September (Jelena Gurinowitsch, RIA Novosti). Mit jedem Jahr bringen die russischen Hochschulen mehr Fachkräfte auf den Markt.

    Experten zufolge soll die Studentenzahl zum Jahr 2010 auf 5,8 Millionen steigen - doppelt so viel wie im Jahre 1992.

    Welche Fachrichtungen sind unter den Studienbewerbern populär? An der Moskauer Lomonossow-Universität wollen sich die meisten Studienbewerber für einen Beamtenberuf ausbilden lassen. Dort bewarben sich in diesem Jahr 18 junge Leute um einen Studienplatz an der Fakultät für Staatsverwaltung. Weiter folgen die Fakultät für Bioingenieurwesen und Bioinformatik (elf Bewerber auf einen Studienplatz) sowie die Fakultät für Wirtschaft und Weltpolitik (zehn Bewerber). Die einst überlaufene Fremdsprachenfakultät verliert immer mehr an Popularität. In diesem Jahr bewarben dort nur noch acht junge Leute je Studienplatz, um die Hälfte weniger als 2004.

    An allen anderen Fakultäten ist die Zahl der Studienbewerber unverändert geblieben: Philosophie - sechs Bewerber, Chemie und Physik je drei Bewerber, Psychologie, Geschichte und Philologie zwischen vier und fünf Bewerber.

    Hinsichtlich der Verteilung der Studienbewerber nach Fakultäten unterscheiden sich die staatlichen Hochschulen deutlich von den privaten, wo der Anteil der technischen Fakultäten unter zehn Prozent liegt. Bei den privaten Hochschulen sind die Fachrichtungen Design, Jura und Werbung besonders populär, berichtete Alla Tone, Dekan einer Moskauer Privatuniversität. Auf dem Markt sind folgende Berufe am meisten gefragt: Finanzen und Buchhaltung, Bankwesen und Investitionen, FMCG, IT und Telekommunikation, Bauwesen und Architektur, Spedition und Logistik, Marketing, Werbung und PR, Human Resources, Produktion und Technologien, Pharmazeutik und Medizin, Jura, Tourismus, Hotelwesen und Dienstleistungen.

    Die Arbeitgeber werden immer wählerischer. Neben einem guten Diplom werden Fremdsprachen- und Computerkenntnisse gefordert. Begrüßenswert sind Zertifikate und Abschlüsse zusätzlicher Lehrgänge.

    Wie eine Studie der Zeitschrift Dengi ergab, haben die Absolventen der Technischen Bauman-Universität Moskau, der Moskauer Lomonossow-Universität, der Finanzakademie bei der Regierung der Russischen Föderation, der Staatlichen Universität für Verwaltung, der Technischen Universität Ural, der Hochschule für Wirtschaft, der Moskauer und der Iwanowoer Hochschule für Energetik sowie der Moskauer Flugzeugbau-Hochschule die besten Chancen bei der Arbeitsuche. Diese Ausbildungseinrichtungen bilden Fachkräfte für die sich am schnellsten entwickelnden Marktsparten an: Wirtschaft, Management und IT.

    Angehende Fachkräfte können wegen fehlender Arbeitserfahrung in der Regel nur mit einem relativ geringen Gehalt rechnen, was zu zahlreichen Quereinstiegen führt. Nicht selten wechseln Studenten noch während der Ausbildung auf eine andere Fakultät oder an eine andere Hochschule, wobei Akademiker in die Sparten gehen müssen, wo es freie Arbeitsstellen gibt.

    Schon heute sind die Hochschulen nicht in der Lage, den hohen Bedarf an Managern, Programmierern und IT-Spezialisten zu decken. Experten zufolge kann die Nachfrage nach diesen Berufen in nächster Zeit um 15 bis 25 Prozent steigen. Zugleich geht der Bedarf an Juristen und Wirtschaftlern zurück. Diese Berufe waren noch vor kurzem unter den Studienbewerbern am populärsten. Nun ist der Arbeitsmarkt gesättigt. Auf ähnliche Probleme stoßen Linguisten, Historiker und Kunstwissenschaftler. Da ihre Berufe nicht gefragt sind, werden die staatlichen Studienplätze in diesen Fachrichtungen im kommenden Jahr um acht Prozent abgebaut. Lehrer bilden hier eine Ausnahme. Der Mangel an Lehrkräften hält weiter an.

    In Russland steigen 50 bis 90 Prozent der Akademiker in einen anderen Beruf ein. Bildungsminister Andrej Fursenko ruft zur Bekämpfung dieser Tendenz auf. Noch 2004 hatte er dreiseitige Verträge zwischen Staat, Hochschule und Studenten vorgeschlagen, wonach die Hochschule die Ausbildung des betreffenden Studenten übernimmt, der Staat die Studienkosten deckt und der Student sich verpflichtet, nach dem Abschluss eine Zeitlang in dem erlernten Beruf zu arbeiten. Die Absolventen, die zu einem anderen Beruf überwechseln, sollten dem Minister zufolge dem Staat die Studienkosten zurückerstatten. "Da der Staat die Ausbildung bezahlt, darf er damit rechnen, dass der Hochschulabsolvent eine Zeitlang seine Kenntnisse im Interesse des Staates anwendet", so der Minister in seiner Begründung.

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