10:36 19 September 2018
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    S.T.A.L.K.E.R. Konvention in Moskau

    Tschernobyl und Massenkultur: „Mythen erhalten manchmal Erinnerung aufrecht“

    © REUTERS / Maxim Shemetov
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    Spielefilme, Bücher, Games – seit 30 Jahren hat die Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl auch die Massenkultur im postsowjetischen Raum beeinflusst. Ursprünglich war die Darstellung streng realistisch, doch mittlerweile gibt es eine Vielzahl von mystischen und phantastischen Stories, die aktiv konsumiert werden.

    Über den Super-GAU, der sich jetzt zum 30. Mal jährt, wurden nicht nur zahlreiche Dokus, sondern auch mehrere Spielfilme gedreht. Der sowjetische Streifen „Der Zerfall“ aus dem Jahr 1990 zeigt beispielsweise die Geschichte eines Journalisten, der die Katastrophe zufällig vor Ort erlebt. Die Evakuierung der betroffenen Stadt und der Rettungseinsatz machen den Hintergrund der Handlung aus.

    Später gab es weitere Versuche, jene Geschehnisse mehr oder weniger realistisch zu zeigen. „An einem Samstag“ – so heißt eine russisch-deutsch-ukrainische Produktion aus dem Jahr 2011. Der Film thematisiert unter anderem das Vorgehen der Behörden, die einerseits verzweifelt versuchen, den Rettungseinsatz zu organisieren, und andererseits den Unfall zunächst totschweigen wollen, um Panik zu verhindern. Der ukrainische Streifen „Aurora“ (2006) handelt von einem Mädchen aus einem benachbarten Kinderheim, die eine nahezu tödliche Strahlungsdosis bekommt.

    Modernere Tschernobyl-Spielfilme beschränken sich nicht unbedingt auf den Realismus. Die erfolgreiche russische TV-Serie „Tschernobyl. Zone der Entfremdung“ (2014) ist ein mystischer Thriller. Fünf junge Menschen, so das Drehbuch, verfolgen mit einem Auto einen Dieb, der in die Umgebung des zerstörten Atomkraftwerks flüchtet, und erleben eine Zeitreise in die Vergangenheit.

    Ilja Kulikow, der das Drehbuch für den russischen Sender TNT schrieb, wurde in einem Interview gefragt, wie sich eine mystische Geschichte mit einer realen Tragödie eigentlich kombinieren lässt. Er antwortete: „Die Mythologie, die um Havarien und Katastrophen entsteht, beleidigt nicht jene Menschen, die einst gegen das jeweilige Desaster gekämpft hatten. Dank der Mythologisierung vergessen wir nicht solche Momente. Die Mythen erhalten die Erinnerung manchmal sogar besser aufrecht.“

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    Das wohl bekannteste Produkt der postsowjetischen Massenkultur in diesem Bereich ist das ukrainische Computerspiel S.T.A.L.K.E.R. Dessen aktuelle Version heißt „Ruf des Prypjat“ (der Prypjat ist ein Fluss und eine gleichnamige Geisterstadt am havarierten AKW). Im Atomkraftwerk kam es, so die Story, zu einer erneuten Explosion. In der Sperrzone sind nun erschreckende Naturphänomene zu beobachten und zahlreiche Kriminelle aktiv. Die Fiktion wurde vor der Erzählung „Picknick am Wegesrand“ von Arkadi und Boris Strugazki inspiriert.

    Die Handlung des Spiels wird auf seiner russischsprachigen Seite wird folgt beschrieben: „Die Regierung beschließt einen groß angelegten Militäreinsatz, um das AKW Tschernobyl unter Kontrolle zu stellen (…) Trotz der sorgfältigen Vorbereitung scheitert der Einsatz. Die meisten entsandten Hubschrauber stürzen ab. Um Informationen über die Ursachen des Fiaskos zu sammeln, schickt der ukrainische Inlandgeheimdienst SBU seinen Agenten ins Zentrum der Zone.“

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    Ziemlich populär ist auch die russische Science-Fiction-Bücherserie S.T.A.L.K.E.R., die im Moment aus 42 Büchern verschiedener Autoren besteht und die Idee des Computerspiels fortsetzt. Die Webseite fantlab.ru bietet die folgende Beschreibung: „Anfang des 21. Jahrhunderts wurde die Umgebung des AKW Tschernobyl nach einer erneuten starken Explosion zu einer menschenfeindlichen Zone. Diese strotzt von Mutanten und tödlichen Fallen. Doch die dortigen physikalischen Anomalien erzeugen Artefakte, also äußerst wertvolle Gegenstände. Forschungszentren weltweit sind bereit, fabelhafte Summen dafür zu zahlen. Risikofreudige und furchtlose Abenteurer, bekannt als Stalker, kommen in die Zone, um reich zu werden. Dort herrscht aber das Gesetz des Dschungels – und nur wenige überleben.“

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    Tags:
    Der Zerfall, Aurora, An einem Samstag, S.T.A.L.K.E.R, Atomkraftwerk Tschernobyl, Tschernobyl