13:04 05 Dezember 2020
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    Jahr für Jahr wird der Eurovision Song Contest zum Publikumsmagneten. Jahr für Jahr wird die Show irgendwie politisiert, wie der Politologe Jewgenij Mintschenko am Vortag des Wettbewerbs in einem Beitrag für die Zeitung „Iswestija“ schreibt.

    Das Politische an diesem Event komme in zahlreichen Facetten zum Ausdruck, schreibt der Politologe.

    Musikalischer Wettbewerb Eurovision in Wien
    © AP Photo / Kerstin Joensson

    Zu allererst schaue man natürlich, wer an dem Contest teilnimmt, und wer nicht. Eine Reihe muslimischer Länder etwa nehme an der Eurovision nicht teil, weil Israel dabei sei. Auch Palästina fehle bislang: Zwar sei die palästinensische Flagge bei den Vereinten Nationen bereits gehisst, doch könne seine Teilnahme einen Skandal auslösen. Oder ein anderes Beispiel: Monaco verzichte, weil die osteuropäischen Staaten nach Ansicht des Zwergstaates zu starke Unterstützung bei dem Songcontest erhielten und die slawische Solidarität die Monegassen daran hindere, einen gebührenden Platz unter den Sängern einzunehmen.

    Kasachstan hingegen wolle seit Langem teilnehmen, gehöre bislang jedoch nicht zum Sendebereich. Die Briten seien schon lange von Zweifeln geplagt, ob England, Schottland und Wales nicht getrennt auftreten sollten. Dass die Schotten in diesem Fall für die Engländer und die Engländer für die Schotten stimmen würden, sei kaum zu erwarten. Im Vorfeld der Brexit-Abstimmung und eines erneuten Referendums über die Unabhängigkeit Schottlands sei diese Frage besonders aktuell.

    Die Frage der Teilnahme oder Nicht-Teilnahme an sich zeige also schon, wie stark politische Aspekte bei der Organisation dieses Wettbewerbs seien.

    Der zweite Punkt sei der, dass am Abstimmverhalten der Zuschauer das Verhältnis zwischen den Völkern unterschiedlicher Länder gut ablesbar sei. Es gebe das Phänomen der nachbarschaftlichen Abstimmung. Die Balkanstaaten stimmten füreinander. Es gebe eine slawische Solidarität. Dann gebe es noch die traditionellen Abstimmungen. Griechenland – Zypern, Moldawien – Rumänien, die Türkei – Aserbaidschan und so weiter. Russland erhalte tendenziell viele Punkte aus Weißrussland und Armenien, früher auch aus der Ukraine. Auch die Baltischen Staaten stimmten – so sonderbar es auch erscheinen mag – häufig für Russland. Klar sei auch, dass die Skandinavier füreinander stimmten.

    Drittens: die sogenannte professionelle Jury und die Möglichkeit der Ergebnismanipulation. In 2003 sei es zum Eklat gekommen, als die russische Gruppe Tatu eine recht hohe Bewertung von den britischen Zuschauern erhalten habe. Danach solle es zu einem technischen Ausfall gekommen sein. Die britischen Stimmen seien in die Gesamtbewertung nicht eingegangen und die Jury habe gegen die Russinnen gestimmt. Das Ergebnis für Tatu: nur der zweite Platz.

    Im letzten Jahr hätten Litauens Stimmen die Russin Polina Gagarina auf den dritten Platz gehoben. Doch die litauische Jury habe deren Song auf Platz 20 verwiesen, weswegen Russland im Endeffekt keinen einzigen Punkt von dem baltischen Nachbar erhalten habe.

    Hier könne man sehen, dass es weniger um die Einstellung des litauischen Volkes gehe, als um das Verhältnis der litauischen Machtelite. Tatsächlich aber gebe es nicht so viele Länder, deren Jury Russlands Ergebnisse gerne korrigiere. Im Baltischen Raum sei es vor allem Litauen. Natürlich auch die Ukraine, natürlich auch Georgien – hier wirke eine Eigendynamik. Aus dem alten Europa seien vielleicht Schweden und Großbritannien hinzuzufügen. Aus dem neuen Europa – Polen.

    In diesem Jahr seien angesichts der unklaren Haltung der armenischen Eliten zu Russlands Position hinsichtlich des Konflikts zwischen Aserbaidschan und Berg-Karabach gewisse Probleme bei der Abstimmung Armeniens denkbar.

    Der vierte wichtige politische Aspekt ist die Verwendung der Eurovision als Tribüne für die Verkündung politischer Ansichten. Präzedenzfälle gebe es bereits: die Demonstration einer Berg-Karabach-Flagge im Halbfinale der aktuellen Eurovision. Die Ukraine ihrerseits wolle mit der Sängerin Dschamala und ihrem Lied über die Deportation der Krim-Tataren ein politisches Zeichen in ihrem Verhältnis zu Russland setzen.

    Die Praxis zeige jedoch, dass derartige politische Gesten selten Applaus geerntet haben. Nach der orangenen Revolution in der Ukraine in 2005 etwa sei auf Regierungsbeschluss das Duo „Greenjolly“ mit dem der Revolution gewidmeten Song „Rasom nas bahato“ (zu Deutsch: „Gemeinsam sind wir viele“) zum ESC geschickt worden. Nun sei das Lied, gelinde gesagt, Mittelmaß gewesen und in der Rangliste recht weit unten gelandet.

    Die Eurovision sei also ein durchaus komplexes Phänomen, ein wirklich stark politisierter internationaler Songcontest. Der Event sei eine Art Spiegel für politische Stimmungen in Europa. Doch diese Politisierung rufe ein besonderes Interesse an der Show hervor.

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