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    Warum gerade Russland Rilke zu dem machte, was er war

    © Sputnik / Ilya Pitalev
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    Der Westen schien des deutschen Dichters Möglichkeiten erschöpft zu haben, während Russland und dessen Poeten die Zukunft noch bevorstand. So erklärt der russische Rilke-Forscher Konstantin Asadowskij die Neigung des Poeten zu Russland – anlässlich des deutsch-russisch-schweizerischen Ausstellungsprojektes „Rilke und Russland“.

    Bei der Moskauer Präsentation zu dem trinationalen Forschungs- und Ausstellungsprojekt hob Asadowskij hervor, dass Russland für Rilke ein von Gott auserwähltes Land, ein Land der Zukunft und dessen Volk ein Volk der Gottesträger war. „An ein solches Land konnte der Dichter glauben und war dankbar dafür, dass es ihm diesen Glauben zurückgebracht hatte. Auf einen Gedichtband, den er dem Maler Alexander Benois schenkte, schrieb er auf Russisch:,Ich glaube an Russland‘.“ 

    Eine Skizze von Rainer Maria Rilke (Leonid Pasternak, Moskau, 1900)
    Eine Skizze von Rainer Maria Rilke (Leonid Pasternak, Moskau, 1900)

    Rilke sei in dieser Hinsicht eine in der europäischen Kultur einzigartige Persönlichkeit, so Asadowskij weiter. „In einem Brief schrieb der Dichter:,Russland hat mich zu dem gemacht, was ich bin, von dort ging ich innerlich aus, alle Heimat meines Instinkts, all mein innerer Ursprung ist dort!‘ Man findet kaum einen anderen ausländischen Dichter, der über unser Land so geschrieben hätte. Nicht zufällig kam Rilke 1899 und 1900 nach Russland, um sich nicht nur mit Tolstoi, sondern auch mit dem Maler Repin und anderen Kulturschaffenden zu unterhalten.“

    Heimkehr nach Russland

    Rilke zog es immer wieder nach Russland, „weil er die Russen als Brudervolk verstand, in dem alle Menschen einander quasi verwandt, Brüder sind, weil sie miteinander durch die Religion verbunden sind. Nicht zufällig kam es bei ihm zu einem poetischen Erweckungserlebnis während des russischen Osterfestes. In Russland fand Rilke als Künstler endgültig seine Bestimmung.“

    Der deutsche Botschafter in Russland, Rüdiger Freiherr von Fritsch, sagte bei der Projekteröffnung in Moskau über seinen Lieblingspoeten: „Rilke wäre in seinem Werk und Selbstverständnis ohne die Begegnungen mit Russland so nicht möglich gewesen und für uns, Deutsche nicht denkbar. Und zugleich war es eine Wechselbeziehung. Rilke hat auch Russland inspiriert. Gegen Rilkes Lebensende bildet sich ein eindrucksvoller Briefwechsel zwischen ihm und Marina Zwetajewa, einer der bedeutendsten russischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts.“

    Rilke war von Russland so begeistert, dass er Russisch lernte, um russische Literatur im Original zu lesen. Einige Gedichte verfasste er bald auch selbst auf Russisch. Rilke sprach über seine Russland-Reisen wie über eine Heimkehr, wollte sich gar ganz in Russland niederlassen.

    Transfer ins Hier und Jetzt

    Laut einem der Projekt-Veranstalter, dem Leiter des Staatlichen Literaturmuseums Moskau, Dmitri Bak, sah Rilke ein ideales Russland. Unsere Aufgabe sei es nun, so Bak, diese Russland-Reisen fortzusetzen und ihn verstehen zu lernen. Trotz aller ideologischer und politischer Hürden machten sich viele russische Intellektuelle bis heute Rilkes Dichtung zu Eigen.

    Eine Skizze von Rainer Maria Rilke (Leonid Pasternak, Moskau, 1928)
    Eine Skizze von Rainer Maria Rilke (Leonid Pasternak, Moskau, 1928)

    Asadowskij fährt fort: „Mir kommt es beinahe symbolisch vor, dass die zwei bedeutendsten russischen Dichter des 20. Jahrhunderts gerade Rilke anbeteten, nämlich Nobelpreisträger Boris Pasternak und Marina Zwetajewa. Obwohl Rilke in der Sowjetunion kaum veröffentlicht wurde, entstand hierzulande ein Kreis von Menschen, die in ihn und seine Dichtung geradezu verliebt waren. Sie befassten sich jahrzehntelang mit der Übersetzung seiner Gedichte, gewissermaßen miteinander konkurrierend. So bildete sich eine Art Rilke-Subkultur. Darüber hinaus ist er für den Durchschnittsleser in Russland nach wie vor der ausländische Dichter Nummer eins.“

    Botschafter von Fritsch betonte weiter, dass gerade Rilke der Beleg für den ungeheuren Reichtum und die Vielfalt der deutsch-russischen Beziehungen sei: „Er ist eine Ermunterung und ein Appell, verschiedene Wege zu gehen, einander zu sehen, zu erkennen und zu verstehen. Trotz der Tatsache, dass wir heute politische Differenzen haben, ist es unbestreitbar, dass wir eine Vielfalt an Beziehungen über Jahrhunderte aufgebaut haben.“ 

    Rilkes Russland in Marbach, Bern, Zürich und Moskau

    Die Ausstellung „Rilke und Russland“ wird am 3. Mai 2017 im Literaturmuseum der Moderne in Marbach eröffnet, ist ab 15. September teils in der Nationalbibliothek in Bern, teils im Strauhof in Zürich zu sehen und wandert im Februar 2018 nach Moskau.

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    © Foto : Staatliche Öffentliche Historische Bibliothek Russlands
    Der künstlerische Leiter Dr. Thomas Schmidt vom Deutschen Literaturarchiv Marbach erläutert: „Wir werden anhand der Exponate, von denen viele entweder als verschollen galten oder noch unbekannt sind, zeigen, mit welcher Intensivität sich Rilke auf die russische Kultur eingelassen hat. Wir wollen nicht nur alte Dinge aus den Archiven zum Sprechen bringen, sondern auch den deutsch-russischen Kulturkontakt in die Gegenwart überführen. Zwei zeitgenössische Künstlerinnen und ein Künstler öffnen zudem gegenwärtige Perspektiven auf Rilkes Reisewege in Russland: Fotografien von Mirko Krizanovic und Barbara Klemm sowie ein Film von Anastasia Alexandrowa werden korrespondierend zu den historischen Materialien gezeigt.

    Erstmals werden Zeugnisse der legendären Faszination Rilkes für Russland zusammengeführt: Ikonen aus seinem Besitz, seinen Briefwechsel mit Leo Tolstoi und Anton Tschechow, Marina Zwetajewa und Boris Pasternak im Original, Autografen von Rilkes „russischen Gedichten“ und seine Übersetzungen. Auch Rilkes Porträt, gemalt von Leonid Pasternak, Vater des Schriftstellers Boris, wird zu bewundern sein.

    Nikolai Jolkin

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    Tags:
    Anton Tschechow, Leo Tolstoi, Boris Pasternak, Marina Zwetajewa, Rainer Maria Rilke, Konstantin Asadowskij, Russland