10:36 19 September 2018
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    „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“  in der komischen Oper Berlin

    Des Teufels roter Kittel, oder Wie die Komische Oper ohne Panzer auskommt

    © Foto: Monika Rittershaus/Komische Oper Berlin
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    Hut ab und alle Achtung: Die Komische Oper Berlin hat sich mit Modest Mussorgskis „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ an das Material herangewagt, das selbst in der Heimat des Musik-Genies – aus vielerlei Gründen - äußerst selten gespielt wird. Und: Das Theater hat sich mit respektvollem Resultat aus der Affäre gezogen …

    Einer der wohl wichtigsten Gründe, warum die Oper selten gespielt wird: Sie ist nicht vollendet. Ein weiterer Grund: Das Musikmaterial ist – besonders für das Belcanto-verwöhnte westeuropäische Ohr – ziemlich spezifisch. Mussorgski ist eben, wie es der Regisseur der Aufführung, Barrie Kosky, im Programmheft formuliert, „ein sehr besonderer Komponist“.

    Spezifisch ist auch, was der manisch-depressive Alkoholiker Mussorgski unter „Komik“ versteht. Immerhin soll er das Sujet von „Sorotschinzi“ aus Nikolai Gogols anspruchsloser  volkstümlicher Anekdoten-Serie „Abende auf dem Weiler von Dikanka“ absichtlich als Stoff für die Oper genommen haben, um ein Gegending zu seinen düsteren Kompositionen von „Boris Godunow“ und „Chowanstschnina“ zu schaffen, an denen er nahezu zeitgleich arbeitete – „als eine Art Ausweg aus dieser Trostlosigkeit“, so Kosky.

    So richtig „komisch“ wirkt „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“ jedoch nicht, obgleich sich der Regisseur sichtlich bemüht, das Geschehen auf der Bühne mit zahlreichen clownesken Einlagen aufzulockern. Der Musikstoff – etwa so gut wie keine lustigen Ohrwürmer in Dur – bietet jedenfalls kaum Raum für Heiterkeit.

    Umso überzeugender wirkt der Horror auf der Bühne: Der Albtraum des jungen Grizko mit einer ausufernden Schreck-Orgie, wo sich sowohl der Komponist (der für diese Szene seinen zuvor bereits geschriebenen, wohl bekanntesten Hit „Nacht auf dem kahlen Berge“ noch einmal ausschlachtet), als auch der Regisseur mit unzähligen kriechenden Ferkeln und auf Stelzen tanzenden erwachsenen Schweinen richtig austoben. Der Horror wirkt zwar leicht augenzwinkernd und nicht wirklich bedrohlich, aber dafür umso einprägsamer.

    Aufdringliche Andeutungen zur Gegenwart geschickt vermieden

    Dabei bietet die literarische Grundlage gerade heute Stoff für eine spektakuläre Brücke zur Gegenwart – und damit zum realen Horror, der sich gegenwärtig in der Ostukraine abspielt. 

    „Als die neue Produktion vor dem Hintergrund einer weiteren Zuspitzung des Konflikts annonciert wurde, gab es jeden Grund zur Annahme, dass in Dikanka (dem Handlungsort auf der Bühne der Komischen Oper – Anm. d. Red.) Panzer einrollen werden“, schrieb die Moskauer Tageszeitung „Wedomosti“.

    Immerhin spielt die Handlung in der Nähe der heute blutig umkämpften Regionen. Bemerkenswerterweise wurde auch das Libretto auf einer Mischung von Russisch und Ukrainisch verfasst (diese in weiten Teilen der Ukraine bis heute gebräuchliche Sprachkombination nennt sich „Surschyk“). Das geschah allerdings in einer Zeit, wo die heutige – gewaltsame, brutale und absurde  – Trennung der russischen und der ukrainischen Kultur schier unvorstellbar war.

    Der Regisseur Kosky ignorierte die sich aufdringlich bietende Chance für spektakuläre politische Andeutungen nahezu demonstrativ. Ob es sich gelohnt hätte, die Parallelen zur Gegenwart hervorzukehren – auf diese Frage wird es nun keine Antwort geben. Stark anzunehmen wäre allerdings, dass ein solcher Wink auf das heutige Geschehen ein viel massiveres Medienecho provoziert hätte. Für einen politisch interessierten Zuhörer und Zuschauer, der dieses aktuelle Geschehen verfolgt, steckt aber in der Geschichte eine signifikante Metapher: der rote Kittel des Teufels.

    Seinerzeit soll (laut Gogol) ein aus der Hölle verbannter Teufel in einer Schänke in Dikanka seinen roten Kittel verpfändet haben, weil er sein ganzes Geld bereits versoffen hatte. Dabei mahnte der Teufel, er würde in einem Jahr zurückkommen und den Kittel zurückkaufen. Der Wirt verkaufte aber den Kittel kurz darauf an einen Vorbeifahrenden. Als der Teufel, wie versprochen, ein Jahr später zurückkam und seinen roten Kittel nicht mehr vorfand, versprach er, sich an den Einwohnern von Dikanka zu rächen… Hängt etwa der böse „rote“ Spuk immer noch über der Gegend?

    Andrey Ivanovskiy

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