22:50 22 Oktober 2017
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    Erich Honecker (im ersten Auto, rechts) mit rumänischem Staatsoberhaupt Nicolae Ceausescu in Ost-Berlin (Archivbild)

    Attentat auf DDR-Chef Erich Honecker 1982 mit Stasi-Hilfe? – Ein Buch klärt auf

    © AFP 2017/ Staff/Rompres
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    Aufklärung über Anschläge auf führende Politiker der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) bietet ein neues Buch. Es beschreibt Hintergründe von tatsächlichen oder vermeintlichen Skandalen des untergegangenen Landes. Die Autoren präsentieren erstaunliche Fakten und stützen sich zum Teil auf Akten aus der DDR.

    Jan Eik und Klaus Behling, zwei Berliner Krimiautoren, stellten am Dienstag ihr neues Sachbuch „Attentat auf Honecker und andere Besondere Vorkommnisse“ im Rahmen einer Lesung im Berliner DDR-Museum vor. Es stützt sich auf jahrzehntelange Recherchen über Anschläge auf DDR-Politiker und lang geheim gehaltene Wirtschaftsverbrechen im ehemaligen sozialistischen Staat.

     „Wir haben eine entspannte Haltung zur DDR“, sagte Buchautor Eik bei der Lesung. „Bei unserer Arbeit wollten wir Legenden und Gerüchte in der DDR-Gesellschaft außen vor lassen und uns rein auf die Fakten konzentrieren.“

    Heraus kam ein intensiv recherchiertes Werk. Die Autoren versuchten unter anderem, die wahren Hintergründe der Attentate auf die DDR-Politgrößen Erich Honecker oder Werner Lamberz aufzuzeigen. Dabei haben sie Akten des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS – auch „Stasi“ genannt) durchforscht und viele Akten bei der Behörde des „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“ eingesehen. Die Zuhörer lauschten gebannt, als die Autoren einige Passagen aus ihrem Buch vorlasen. 

    Ofenbauer mit Liebeskummer griff Honecker an

    Dazu gehörte die Geschichte eines angeblichen Attentates auf Honecker im Jahr 1982: Er war nicht nur DDR-Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei (SED), sondern auch begeisterter Jäger. Nach Eiks Worten lief das so ab: Honecker befand sich mit einer Wagenkolonne am 31. Dezember 1982 wieder einmal auf der bekannten Strecke zu seinem Jagdhaus in der Schorfheide. Bei Wandlitz überholte ein Lada die Kolonne in rasantem Tempo. Die Beamten der Stasi, die Honecker begleiteten, drängten den Raser ab und brachten ihn im Dorf Klosterfelde zum Stehen. Der Fahrer, Paul Eßling, ein Ofenbauer aus dem Ort, stieg aus, zog eine Walther-Pistole und schoss. Den DDR-Staatsführer verfehlte er jedoch. Nach einem anschließenden Schusswechsel mit den MfS-Männern beging der Ofenbauer Selbstmord. Kurze Zeit später bekam der „Stern“ Wind von der Sache und schrieb von einem „kaltblütigen Attentat“ auf Honecker.

    „Die Meldung war korrekt, nur wollte sie keiner glauben“, berichtete Eik. „Ein Ofenbauer in der DDR, einer aus dem Volk, der eine Waffe hat und auf Honecker schießen kann? Das klang zunächst absurd. Doch meine Recherchen ergaben, dass Eßling Stasi-Kontakte hatte, über die er seine Pistole bezogen hatte. Sein Alkoholkonsum und auch sein Liebesleben waren nicht immer gesellschaftskonform, wurden aber von der Stasi geduldet.“

    Der Autor hatte herausgefunden, dass Eßling zum Tatzeitpunkt stark alkoholisiert war und unter Liebeskummer wegen seiner damaligen Geliebten litt. „Die Tat war mehr eine Kurzschlusshandlung als ein geplanter Anschlag. Die Darstellung im ‚Stern‘ war falsch, es handelte sich hier um keinen geplanten Anschlag.“ Laut Eik war das besonders Pikante an der Geschichte: Eßling hätte an dem Tag gar nicht fahren dürfen, seine Fahrerlaubnis war ihm zuvor wegen Trunkenheit am Steuer aberkannt worden. „Doch die Stasi half ihm, er durfte weiter fahren“, so Eik. „Damit machte sie erst den Weg unabsichtlich frei für diese Unglücksfahrt.“ Zudem sei zu bedenken, dass der kleine Ort Klosterfelde laut Eik „die IM-reichste Stadt in der DDR“ war. IM war die Abkürzung für „Inoffizielle Mitarbeiter“, also Bürger aus der DDR-Bevölkerung, die insgeheim für das MfS arbeiteten. Auch Eßling war laut Aktenlage als IM tätig gewesen.

    Galt Hubschrauber-Absturz „DDR-Kronprinz“ oder Gaddafi?

    Ein andere vieldiskutierter Fall aus der DDR-Geschichte kam ebenfalls zu Sprache und ist in dem Buch nachzulesen: Werner Lamberz war Mitglied im Politbüro des Zentralkomitees (ZK) der SED, galt als „Kronprinz“ von Honecker. Im März 1978 befand er sich auf diplomatischer Mission nach Äthiopien, dabei legte er einen Zwischenstopp in der libyschen Hauptstadt Tripolis ein. Staatschef Muammar al-Gaddafi lud den DDR-Diplomaten zu einem Besuch in seinem Zeltlager bei Wadi Suf al-Jin ein. Lamberz flog dazu in einem Hubschrauber, den der libyschen Staatsführer geschickt hatte. Allerdings verstieß der DDR-Politiker gegen diplomatische Statuten.

    „Er hatte sich als DDR-Repräsentant entschieden, in einem auswärtigen Land mit einem Luftfahrzeug einer fremden Staatsmacht zu fliegen“, erklärte Autor Behling: „Das war ein klarer Verstoß gegen diplomatische Vorschriften der DDR.“ Auf dem Rückweg vom Zeltlager nach Tripolis geriet der Hubschrauber mit Lamberz und dessen Delegation an Bord ins Trudeln und stürzte ab. Kein Besatzungsmitglied überlebte. Es starb auch der damalige ZK-Abteilungsleiter für internationale Verbindungen, Paul Markowski, bei diesem Absturz, wie Behling berichtete.

    Nach dem Absturz kamen viele Theorien und Gerüchte auf. Einige Beobachter sprachen von einem möglichen Attentat auf den DDR-Politiker, sogar aus den eigenen Reihen. Andere vermuteten, der Hubschrauberabsturz galt ursprünglich Gaddafi. „Nach Kenntnis der Aktenlage komme ich heute zum Ergebnis, dass der Absturz vermutlich ein Unfall war“, bewertete Autor Eik den Vorfall. „Im lange geheim gehaltenen Bericht der libyschen Ermittler, den ich einsehen konnte, steht als Unfallursache: Schaden an einem Rotorblatt, dazu viel aufgewirbelter Staub, schlechte Sicht. All diese Faktoren führten zum Absturz.“ Aus Sicht von Eik sei es weder „klug noch im Interesse der DDR-Führung“ gewesen, Lamberz zu ermorden. „Falls es sich überhaupt um ein Attentat gehandelt haben könnte, dann war das auf jeden Fall gegen Gaddafi gerichtet, nicht gegen Lamberz“, sagte der Krimiautor. Das habe ihm auch der 2006 verstorbene Top-Spion Markus Wolf, Chef des Auslandsnachrichtendienstes im MfS, so gesagt. „Ich hatte das Glück, mit ihm über diesen Fall zu sprechen. Auch Wolf hatte keine anderen Informationen zu dem Vorfall und konnte meine Recherchen somit bestätigen.“ 

    Jan Eik und Klaus Behling: „Attentat auf Honecker und andere Besondere Vorkommnisse“, Jaron Verlag, Berlin, 368 Seiten, 12,00 Euro, 1. Auflage Mai 2017

    Alexander Boos

    Das Interview mit Buchautor Jan Eik zum Nachhören:

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    Ausgaben, Buch, Ermittlung, Attentat, SED, Stasi, Moammar Gaddafi, Erich Honecker, DDR
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