21:11 12 Dezember 2017
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    Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe Moschee

    Erste liberale Moschee in Berliner Kirche eröffnet – von einer Frau

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    Am Freitag ist in Berlin unter dem Dach einer Evangelischen Kirche die erste liberale Moschee Deutschlands eröffnet worden, in der Muslime verschiedener Konfessionen willkommen sind. Außerdem dürfen Frauen nicht nur gemeinsam mit Männern am Gebet teilnehmen, sondern auch als Imamin die Predigt halten.

    Vor den Toren der Evangelischen Johanneskirche in Berlin-Moabit steht an diesem Freitag Polizei. Am Eingang verteilt jemand ein Flugblatt der „Aktiven Bürger Christliches Deutschland“, auf dem gewarnt wird, dass „weltfremde Traumtänzerinnen den Terror zu uns in die Gemeinde holen“. Drinnen auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der ersten liberalen Moschee in Deutschland werden die Gesellschafter der neuen muslimischen Gemeinde von Personenschützern begleitet. Das Thema scheint brisant. Entsprechend groß ist der Medienandrang.

    Die Initiative zu dieser Moschee ging von der bekannten deutsch-türkischen Rechtsanwältin Seyran Ates aus, die sich seit Jahren für die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Islam und für eine friedliche und offene Auslegung der Religion einsetzt. Für ihre Islamkritik wurde sie von Glaubensbrüdern oft angefeindet und erhielt auch Morddrohungen.

    Tabubruch

    Seyran Ates bricht mit dieser Moschee gleich mehrere Tabus. Schon der Name der nach einem deutschen Dichter und einem progressiven arabischen Philosophen benannten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee  ist für viele eine Provokation. Die Moschee ist offen für Vertreter aller islamischen Konfessionen, wie die Sunniten, die Schiiten, Alawiten, Sufi, aber auch für Atheisten, Schwule und Lesben. Besonders wichtig ist Ates das gemeinsame Beten von Mann und Frau sowie die Leitung der Predigten und Gebete durch Frauen.

    • Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe Moschee
      Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe Moschee
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    • Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe Moschee
      Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe Moschee
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    • Seyran Ates, Gründerin der Ibn Rushd-Goethe Moschee
      Seyran Ates, Gründerin der Ibn Rushd-Goethe Moschee
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    Eröffnung der Ibn Rushd-Goethe Moschee

    Die Muslime müssen außerdem beim Beten kein Kopftuch tragen. Nikab oder Burka seinen nicht erwünscht. Damit legt sich Ates nicht nur mit Radikalkonservativen und Fanatikern an, sondern muss auch bei den meisten islamischen Glaubensbrüdern erst um Verständnis werben. So betont Ates auf der Pressekonferenz, dass ihr auch türkische Männer bei der Vorbereitung geholfen haben und dass es ihr nicht nur um Feminismus geht. Es geht darum, dass auch der Islam sich weiterentwickeln und öffnen muss. Man wolle keine neue Religion erfinden, sondern gerade in den heutigen Zeiten, "in denen der Islam immer mehr mit Terror in Verbindung gebracht wird", ein Zeichen setzen.

    Idee zur Moschee kam beim Gespräch mit Wolfgang Schäuble

    Die Idee zur Gründung dieser Moschee kam Seyran Ates bereits vor acht Jahren in einer Islamkonferenz, als sie unter anderem mit dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble über den Islam diskutierte. Außerdem suchte sie für sich selbst eine Moschee, in der sie sich nicht als Frau diskriminiert fühlt und in einem Nebenraum beten muss. Nach einem Jahr Vorbereitung, in dem sie ein Buch über ihre Beweggründe schrieb, in verschiedenen Ländern Gesellschafter für die Moschee, die als gemeinnützige GmbH fungiert, suchte und eine Räumlichkeit in einer Evangelischen Kirche in Berlin fand, wurde die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee am Freitag mit einem Festprogramm eröffnet.

    „Der Islam hat mit Gewalt zu tun“

    Man wolle die schweigende Mehrheit der friedlichen Muslime ansprechen, sagte ein Gesellschafter der Moschee, der Islamwissenschaftler Dr. Abdel-Hakim Ourghi. Der Islam befände sich in einer Identitätskrise. Reformen seien notwendig. Diese neue Moschee sei auch ein Versuch, den Islam wieder zu entpolitisieren und ins Private zurückzuholen.

    Es gäbe aber auch ein kollektives Verdrängen bei den muslimischen Dachverbänden in Deutschland, so Ourghi weiter. Man sollte offen sagen: ja, der Islam hat mit Gewalt zu tun. Darüber müsse man diskutieren. Denn auch die Dschihadisten beten in Moscheen und berufen sich auf den Koran und den Propheten. Hier sei Aufklärung nötig.

    Noch kein Sicherheitskonzept

    Trotz der Maßnahmen am Eröffnungstag gäbe es für die Zukunft noch kein Sicherheitskonzept für die Moschee, da es nach Rücksprache mit dem Landeskriminalamt keine akute Bedrohungslage gäbe. Ates hat nach ihrer Aussage bisher auch noch keine konkreten neuen Drohungen bekommen, wenngleich sich jetzt aufgrund des Medienechos die bösen Kommentare häufen. Es sind auch während der Vorbereitung mögliche Gemeindemitglieder aus Angst abgesprungen. Aber mehrheitlich erfahre sie viel Unterstützung und Zuspruch.

    Die Schweizer Politologin und ausgebildete Imamin Dr. Elham Manea, eine weitere Gesellschafterin der Moschee, verwies darauf, dass man nicht hier nach einem Sicherheitskonzept fragen sollte, sondern in vielen anderen Moscheen in Deutschland, wo Gläubige radikalisiert werden. Auch dass Salafisten Millionen Exemplare des Korans verteilen, sei gefährlich.

    Ein Experiment

    Die Johanneskirche befindet sich im multiethnischen Berliner Stadtteil Moabit. An der Pressekonferenz nahmen auch Vertreter der Evangelischen Kirchengemeinde teil. Sabine Röhm, die Pfarrerin der Johanniskirche, räumte ein, dass die Idee einer Moschee in einer Kirche durchaus kontrovers diskutiert worden sei in ihrer Gemeinde. Es sei ein Experiment.

    Zur Pressekonferenz erschienen neben den sieben Gesellschaftern der neuen Gemeinde, allesamt langjährige Aktivisten für einen liberalen Islam, auch sympathisierende Vertreter der Jüdischen Gemeinde, des Schwulen- und Lesbenverbandes und auch der umstrittene Ex-Bürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowski, der den Islam oft kritisiert hat.

    Ates hat die Eröffnung des Moscheeraumes bisher aus eigener Tasche vorfinanziert. In der Zukunft sei man auf Spendengelder angewiesen, es werde keine Mitgliedsgebühr erhoben werden.

    Ates, die sich jetzt zur Imamin ausbilden lassen will, eröffnete nach der Pressekonferenz das Freitagsgebet in dem Moscheeraum unmittelbar unter dem Dach der Evangelischen Kirche. Für die Gebete wurde extra eine Imamin aus den USA eingeflogen. Neben religiösen Gesängen, kurdischer Musik und Sufipoesie  waren auch alawitische Tänze Teil des Eröffnungsprogramms, obwohl die alawitische Gemeinde bisher die Zusammenarbeit mit der liberalen Moschee verweigert. Bisher gibt es noch kein Programm für die nächsten Wochen. Erst die nächsten Monate werden zeigen, ob die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee nur als Symbol oder als praktizierender Ort toleranten islamischen Glaubens dienen wird.

    Bericht: Armin Siebert

     

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    Tags:
    Liberalismus, Offenheit, Eröffnung, Moschee, Muslime, Islam, Berlin, Deutschland
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