14:47 23 September 2017
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    Peter Stamm signiert seine Bücher

    Mit zwölf als „Russland-Versteher“ in den Polizei-Akten – Schweizer Autor Stamm

    © Sputnik/ Nikolaj Jolkin
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    Ein Schriftsteller aus der Schweiz hat als Kind „Radio Moskau“ gehört und wurde deshalb vom Geheimdienst seines Landes observiert. Darüber und über seine Erfahrungen mit Russland sowie seine Sicht auf das Land hat er bei einer Lesung und im Sputnik-Interview berichtet.

    Der äußerst erfolgsreiche Schweizer Schriftsteller Peter Stamm gab während einer Lesung der russischen Ausgabe seines Romans „An einem Tag wie diesem“  vor einiger Zeit in Moskau zu, dass er schon als Kind mit zwölf Jahren Radio Moskau auf Kurzwelle gehört hat. Er habe sich sogar an der Funkuniversität des Auslandssenders eingeschrieben, um Russisch zu lernen.

    Er war aber nach seinen Worten zu faul dazu.

    „Ich habe es nie gelernt. Aber es hat dazu geführt, dass die Schweizer Polizei eine Akte von mir angelegt hat, wo darin steht:,Empfänger von Radio Moskau‘. Ich wurde als Kind schon registriert. Das habe ich erst mit 30 rausgefunden, als ich die Akte hatte.“

    Der Kurzwellenfunk war in den 70er Jahren sein Hobby.

    „Es war besonders interessant, die Stationen von möglichst weit entfernten Ländern, die schwer zugänglich waren, zu hören. Russland war für uns im Kalten Krieg ein sehr weit entferntes Land. Und das fanden wir total faszinierend, Australien, China und Russland zu hören. Wichtig war, eine Empfangsbestätigung von ihnen zu bekommen.“

    Radio Moskau sei „sehr großzügig“ gewesen und habe immer noch Broschüren über den Sozialismus dazu gelegt, erinnerte sich Stamm. „Es war natürlich ein bisschen Propaganda auch, aber sehr freundlich. Sie haben immer schöne Sachen geschickt.“

    Er sei 1985 zum ersten Mal in Russland gewesen, erzählte der Buchautor. „Und ich habe mich immer wohl in Moskau gefühlt. Letztlich ist es eben schon ein sehr europäisches Land. Damals hatten wir den Eindruck, das ist ja weit weg, aber im Grunde genommen sind wir uns kulturell doch sehr nah.“

    Aufbruchsstimmung der Perestroika

    Stamm war vor und während der Perestroika in der Sowjetunion bzw. Russland, danach auch noch einige Male.

    „Am schwierigsten fand ich es so in den frühen neunziger Jahren, ich glaube, so '92 in Petersburg. Da war es wirklich schwierig. Da durfte man das Wasser nicht trinken. Und man hat wirklich gemerkt, da geht es dem Land schlecht. Aber während der Perestroika war dies schon ganz toll. Da fand ich eine Aufbruchsstimmung bei den Leuten. Sie haben mich als Fremden immer angesprochen und wollten mit mir über Politik reden. Und das fand ich eine gute Stimmung damals.“

    Ob diese Eindrücke einen Niederschlag in seinen Texten gefunden haben, bestätigte der Autor nicht.

    „Ich muss schon eine Kultur gut verstehen, damit ich über sie schreiben kann. Dafür verstehe ich Russland zu wenig.“

    Es gebe jedoch zwei russische Figuren in seinen Büchern, gab der Schriftsteller zu: Einen Russlanddeutschen in seiner Erzählung „Eisblitz“, der krank ist und in einer deutschen Klinik dann stirbt, und einen russische Kapitän Alexander in Norwegen. „Zwar hat er eine ganz kleine Rolle, nur in zehn Sätzen. Aber alle, die das Buch gelesen haben, lieben diesen Alexander, obwohl man kaum etwas von ihm weiß.“

    Ungeliebte Ähnlichkeiten zwischen USA und Russland

    Der Autor sagt, dass sein erster Roman, „Agnes“, der in Chicago spiele, gut nach Moskau passen würde.

    „Natürlich wäre es ein anderes Buch, man würde andere Sachen essen und andere Ausflüge machen, aber von der Stimmung her wäre es gleich. Die Stimmung in den USA und in Russland ist sehr ähnlich. Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Ländern. Ich weiß, das hört man nicht gern, aber es ist so.“

    Die jeweilige Geschichte sei natürlich eine ganz andere, so Stamm, aber beide seien sehr große Länder.

    „Das prägt die Menschen, dass man so vielleicht ein bisschen auf sich selbst bezogen ist. Von der Stimmung sind sie beide freundliche Nationen. Ich meine jetzt nicht die Politik. Einfach die Leute auf der Straße sind freundlich…“

    Er würde gerne einen Roman über seinen Lieblingsschriftsteller Anton Tschechow schreiben und hätte ihn gern getroffen: „Wir hätten uns mit Tschechow gut verstanden. Ich weiß nicht, ob er sich für mich interessiert hätte, aber ich hätte ihn auf jeden Fall toll gefunden, auch als Mensch. Der große Bühnenautor hätte bestimmt in sein Tagebuch geschrieben:,Jetzt komme ich wieder nicht zum Schreiben, jetzt kommt noch einer aus der Schweiz. Es ist schrecklich, immer diese Besuche‘.“

    Das Geheimnis von Berühmtheit

    „Wenn ich Leute schaue, die viel erreicht haben, dann sind das immer Leute, die viel gearbeitet haben.“ So erklärt der Schweizer Bestseller-Autor das Geheimnis, wie jemand berühmt wird. „Ohne das geht es nicht.“ Er habe viele Interviews mit Musikern und anderen Künstlern gelesen. Sie seien verschieden gewesen, aber hätten eines gemeinsam: „Sie haben sehr viel gearbeitet und waren begeistert von dem, was sie gemacht haben. Niemand geht hin und schreibt einen Bestseller. Man muss lange arbeiten und sich selbst gegenüber ehrlich sein.“

    Im Kreis der Übersetzer und Literaturwissenschaftler
    © Sputnik/ Nikolaj Jolkin
    Im Kreis der Übersetzer und Literaturwissenschaftler

    Ein wahrer Schriftsteller solle seine Texte selbst beurteilen können. „Selbst  wenn ich ein Jahr daran geschrieben habe, muss ich manchmal sagen: Der Text ist nicht gut zur Publikation. Ich muss ihn wegschmeißen, weil das wie eine Suppe mit zu viel Salz ist. Man kann das Salz nicht wieder rausnehmen. Man macht besser eine neue Suppe.“

    Der Roman „An einem Tag wie diesem“ ist bereits das dritte Buch von Peter Stamm auf Russisch. Davor sind 2004 und 2007 der Roman „Agnes“ und der Erzählband „In fremden Gärten“ übersetzt und veröffentlicht worden.

    Nikolaj Jolkin

    Das komplette Interview mit Peter Stamm zum Nachhören:

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    Tags:
    Erinnerungen, Interview, Schriftsteller, Perestroika, Nikolaj Jolkin, Sowjetunion, Russland, Schweiz
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