00:35 16 Dezember 2019
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    Merck-Wettbewerb: Übersetzen als "heiliger Beruf"

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    Merck, das älteste Pharma- und Chemieunternehmen der Welt, das seit 120 Jahren in Russland tätig ist, hat zum zweiten Mal einen Wettbewerb für die besten Übersetzer deutschsprachiger Literatur ins Russische ausgeschrieben. Das hat der Generaldirektor von Merck Russia, Jürgen König, in einem Interview mit Sputnik gesagt.

    Ihm zufolge gibt drei Kategorien: Belletristik, populärwissenschaftliche Literatur sowie Literatur für Kinder und Jugendliche. Die Gewinnsumme ist auf 4000 Euro dotiert. Außerdem gibt es noch einen Sonderpreis des Goethe-Instituts für herausragende Erstübersetzungen.

    Der Wettbewerb solle den Übersetzern als Motivation und Dank dienen, dass sie sich dafür entschieden hätten, ein deutsches Buch in die russische Sprache zu übersetzen.

    König erinnerte daran, dass Karl Heinrich Merck noch im Jahre 1786 an einer Expedition nach Ost-Sibirien und Alaska teilgenommen habe. „Darüber wurde sogar ein Buch veröffentlicht. Dazu kommt noch, dass Johann Heinrich Merck, ein Autor und Kritiker, mit Goethe befreundet und mit Russland ebenfalls eng verbunden war.“

    Rüdiger Bolz, Leiter des Goethe-Instituts in Moskau würdigte die Übersetzertätigkeit, weil sie „die entscheidende Leistung bei der Literaturvermittlung ist. 2016 wurden 54 belletristische Werke vom Russischen ins Deutsche und 39 aus der deutschen Sprache ins Russische übersetzt und erleben zum Teil enorme Auflagen.“

    Bolz fährt fort:

    „Die Übersetzungspraxis der deutschen Literatur ins Französische oder in die englische Sprache ist viel geringer als ins Russische. Deswegen haben wir vor russischen Übersetzern einen enormen Respekt. Alle, die ihre eigene Sprache kennen und fremde Sprachen dazu erworben haben, können sehr gut ermessen, was es bedeutet. Es ist nur wenigen Menschen gegeben, in den Kern einer fremden Sprache vorzudringen und dann auch Übersetzungen in die eigene Sprache zu tätigen.“

    Nicht umsonst habe Bert Brecht von seinem Übersetzer Sergei Tretjakow, einem der versiertesten Intellektuellen in Russland damals gesagt, er sei sein "eigentlicher Lehrer“. Und Günter Grass, der deutsche Nobelpreisträger, habe jedes Jahr, so Bolz, die Übersetzer seiner Werke aus der ganzen Welt zu einem Workshop eingeladen, ganz einfach, „weil ihm bewusst war, was es bedeutet, ein so vielschichtiges und wortgewaltiges Werk, wie es seine Bücher eben darstellen, in eine andere Sprache zu übersetzen.“

    Der Institutsleiter betonte, die Übersetzer würden "Hause im Verborgenen arbeiten" selten an die Öffentlichkeit treten. Zumeist handle es sich um "bescheidene Menschen", die für ihre Arbeit "in den seltensten Fällen gut vergütet werden — ganz im Gegenteil". Es  gelinge kaum, den "Aufwand den sie leisten, materiell aufzuwiegen".

    Das könne nur durch einen "Preis ein bisschen gewürdigt" werden.

    Im Vordergrund stehe die öffentliche Anerkennung, der große Respekt, die Dankbarkeit gegenüber denjenigen, die dieses Abenteuer des Übersetzens unternehmen, fährt Bolz fort sowie das Bestreben, „auch den Verlagen die Anerkennung zuteil werden zu lassen.“

    „Im Anfang war das Wort“, zitierte Jan Kantorczyk, Leiter des Kulturreferats der deutschen Botschaft in Moskau, das Johannesevangelium in der Übersetzung von Martin Luther.

    „Der große Reformator kannte die Macht und die Gewalt des Wortes. Mit seiner Übersetzung der Bibel setzte er eine Bewegung von weltgeschichtlicher Bedeutung in Gang – die Reformation. Gerade Martin Luther verfasste auch den Sendbrief vom Dolmetschen, die erste theoretische Abhandlung über die Prinzipien des Übersetzens.“

    Der Diplomat führt aus: „Luther spricht darin von der Kunst, dem Fleiß, der Vernunft und dem Verstand, die das Dolmetschen auszeichnen. Der Zugang zu Literatur einer anderen Sprache eröffnet nicht nur neue Entdeckungen, er ermöglicht uns allen auch eine tiefe Wahrnehmung und Kenntnis der Welt. Das ist für den Austausch zwischen den Menschen über Grenzen hinweg sehr wichtig.“

    Haben Übersetzer zu Google-Translate-Zeit überhaupt Bedeutung?

    Jan Kantorczyk bejaht die Frage und führt Beispiele aus der jüngsten Zeit an:

    „In Kiel erfolgte die Rückgabe eines russischen Gemäldes an das Museum von Taganrog. Das Gemälde von Wassili Polenow war im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht nach Deutschland gebracht worden und jetzt hat sich im Zuge einer Provenienzforschung herausgestellt, wer der rechtmäßige Eigentümer ist, nämlich das Museum in Taganrog. Also wurde in Kiel eine offizielle Übergabe organisiert, und die Direktoren des Museums aus Taganrog erhielten das Bild von Deutschland zurück. Wir hatten in diesem Zusammenhang große Probleme, die korrekte Übersetzung des Titels,Waldweiher‘ zu formulieren und zu finden, und dabei waren uns die Übersetzer eine große Hilfe.“

    Ihm zufolge „transportieren Übersetzer Inhalte über kulturelle Grenzen. Sie verschaffen Verständnis beim Leser und rufen Interesse und Begeisterung für andere Länder, Sprachen und Kulturen hervor. Wenn die russische staatliche Eisenbahn in Kürze eine rollende Bibliothek zwischen Moskau und Berlin mit deutscher und russischer Literatur ins Leben ruft, dann schafft das ganz plastisch Verbindungen zwischen den Menschen. Und Übersetzer spielen dabei eine große Rolle.“

    Miodrag Soric, Büroleiter der Deutschen Welle in Moskau, sprach über die Schwierigkeiten eines Übersetzers, der in zwei Kulturen und Sprachen zu Hause sein sollte und manchmal Dinge übersetzt, die sich nicht übersetzen lassen.

    „Im Deutschen beispielsweise eben Worte wie Dunkelziffer, Geschmacksverirrung, oder ein Wort, das zum Beispiel im öffentlichen Dienst ganz wichtig ist, Brückentag — das sind alles Dinge, die sich nicht übersetzen lassen, und dennoch stellen sich Übersetzer dieser Aufgabe. Im Unterschied zu uns Journalisten und manchen Politikern, wo das Ego eben groß ist, kommen wir bestimmt nicht in den Himmel, aber die Übersetzer, sie kommen alle in den Himmel.“

    Der Journalist nennt das Geniale, was Übersetzer mitunter zustande bringen: „Wir können uns alle an Gorbatschow und seinen Ausspruch erinnern,Wer zu spät kommt, den straft das Leben‘, etwas, was er so nie gesagt hat, wie wir alle wissen, was jedoch ein genialer Übersetzer produziert hat, und auch das zeugt von der Wichtigkeit dieser Tätigkeit.“

    Von einem Übersetzer hängt es laut Michail Schwydkoj, dem Sonderbeauftragten des russischen Präsidenten für die kulturelle Zusammenarbeit mit dem Ausland, ab, „welche Art von Literatur wir lesen, welche Schriftsteller wir als führende Literaten betrachten. Das ist ja alles die Wahl eines Übersetzers. Wie auch immer man zur künstlichen Intelligenz stehen mag, es wird kein Google die bildhafte Wahrnehmung der Welt eines Menschen ersetzen, die nur ihm eigen ist.“

    Nikolaj Jolkin

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