18:45 16 August 2018
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    v. l. n. r.: Vertreter des Deutsch-Russischen Museumsdialogs (DRMD) Hermann Parzinger, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Kustos von Schloss- und Parkmuseum Gatschina Elena Efimowa, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter Russlands in Deutschland Wladimir Grinin

    „Besonders wertvoll“: Wie von Nazis erbeutete Kulturgüter zurück nach Russland fanden

    © Foto : Bundesregierung/ Guido Bergmann
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    Berlin hat neulich 45 historische Fotografien aus dem Bestand des russischen Schloss- und Parkmuseums Gatschina an jenes zurückgegeben. Wie die bisher verschollenen Aufnahmen in Deutschland gefunden wurden und welche Rolle sie bei der Rekonstruktion der einstigen Palastanlage spielen, darüber spricht eine Museumsmitarbeiterin im Sputnik-Gespräch.

    Die überwiegend nach der Russischen Revolution entstandenen Aufnahmen zeigen Innenräume und Kunstgegenstände des ehemaligen Zarenpalastes Gatschina (rund 45 Kilometer südwestlich von Sankt Petersburg) vor dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Wie am 20. September der Pressedienst der Bundesregierung mitteilte, wurden die Fotos an das jetzige Schloss- und Parkmuseum übermittelt.

    v. l. n. r.: Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Kustos von Schloss- und Parkmuseum Gatschina Elena Efimowa
    © Foto : Bundesregierung/ Guido Bergmann
    v. l. n. r.: Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Kustos von Schloss- und Parkmuseum Gatschina Elena Efimowa

     

    „Die Fotos sind besonders wertvoll“

    Die 45 Fotos waren zuvor bei der Online-Auktion EBEY aufgetaucht, erläutert im Gespräch mit Sputnik die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums Maria Kirpitschnikowa. Sie nahm im April Kontakt mit dem Deutsch-Russischen Museumsdialog (DRMD) auf, der sich unter anderem mit kriegsbedingt verbrachten Kulturgütern beschäftigt.

    Weißer Saal
    © Foto : Schloss- und Parkmuseum Gatschina
    Weißer Saal

    „Ich rief meine Kollegin Dr. Karinna Kur-Koroljow an, und sie ging zum Antiquariat Thomas Mertens im Zentrum von Berlin. Auf der Rückseite der Fotos sah sie die Nummern des Schlosses Gatschina. Das waren wirklich unsere Fotos. Wir haben die Nummerierung in unseren Fonds und Büchern überprüft – alle Angaben stimmten wirklich überein“, erzählt sie.

    „Die Fotos sind besonders wertvoll: Das Schloss Gatschina wird ja gerade rekonstruiert und hier gibt es Innenräume, deren Fotos wir nicht hatten – die Bärentreppe im Arsenal- und Stalltrakt, der Ministerialkorridor sowie viele Fotos der Weißen Halle zu verschiedenen Zeiten. Das sind also Vorkriegsfotos von 1918 bis 1938.“

    Gegen Kriegsende sei das Schloss in Flammen geraten, fast alle Innenräume brannten aus. Die Fotos würden die Rekonstruierung nun erleichtern.

    Rückkehr zum rechtmäßigen Besitzer

    Wie Kirpitschnikowa weiter ausführt, war das Museum jedoch nicht in der Lage, dem Besitzer des Antiquariats 12.500 Euro für die Fotos zu zahlen. Die Mitarbeiter hätten sich dann an den bekannten deutschen Historiker Wolfgang Eichwede gewandt, der mit dem Museum von Gatschina im engen Kontakt steht. Er soll sich wiederum mit dem Außenministerium, dem Kulturministerium und mit der Polizei in Verbindung gesetzt haben.

    „Eine große Rolle spielte sozusagen ein ‚guter Polizist‘, der zu dem Besitzer des Antiquariats kam und ihn auf der Grundlage des Gesetzes informierte, dass er die Fotos beschlagnahmen könne, da sie illegal erworben wurden.“

    Da sie den Vermerk des Schlosses Gatschina haben, gebe es somit auch einen rechtmäßigen Besitzer.

    So sollen die Fotos letztlich tatsächlich beschlagnahmt und dem Bundesaußenministerium übermittelt worden sein. Im September wurden, wie berichtet, die Aufnahmen im Bundeskanzleramt Museumsmitarbeitern überreicht. Sie seien in gutem Zustand, sagt Kirpitschnikowa, einige davon sogar ziemlich scharf.

    „Wie der Besitzer des Antiquariats erzählte, wurden die Fotos von einem Professor aufbewahrt und offenbar von einem Kunstforscher in deutscher Sprache vermerkt. Der Antiquar sagte, er habe die Fotos für 1500 Euro gekauft und sie für 12.500 Euro weiterverkaufen wollen. Aber als ihm klar wurde, dass hier nicht alles ganz fair war, gab er sie zurück und stellte keine Ansprüche.“

    Boudoir der Kaiserin Marija Fedorovna
    © Foto : Schloss- und Parkmuseum Gatschina
    Boudoir der Kaiserin Marija Fedorovna

    Kein Einzelfall

    Es ist jedoch nicht der erste Fall der Rückkehr von Exponaten, die während des Krieges verloren gingen.

    Unter den früheren Fundstücken sind 33 weitere Fotos sowie die Ikone ‚Verkündigung‘, die im Jahr 2014 von Deutschland nach Russland gebracht wurden. Von den 54.000 Exponaten, die vor dem Krieg im Museum ausgestellt wurden, sind insgesamt 16.000 Kunstwerke dank Evakuierungen erhalten geblieben. Wie viele Museumsstücke nach Deutschland ausgeführt wurden, sei schwer zu sagen, räumt Kirpitschnikowa ein.

    „Es gibt jedoch Hinweise auf diejenigen, die die Kunstwerke raubten. Es handelt sich um den ‚Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg‘ und den Grafen Ernstotto zu Solms-Laubach sowie um die Gruppe von Künsberg. Sie transportierten Kulturgüter unabhängig voneinander ab“.

    Im Zweiten Weltkrieg erbeutete das Sonderkommando Künsberg systematisch Kunstgegenstände in den besetzten Ländern und brachte sie nach Deutschland. Aus Gatschina hat es den wertvollsten Teil der Bibliothek entführt.

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    Tags:
    Rückkehr, Kulturerbe, Zweiter Weltkrieg, Monika Grütters, Russland, Deutschland
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