22:42 26 Oktober 2020
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    Mit der Premiere des Stücks „Lenin“ des Schweizer Polittheater-Meisters Milo Rau hat die Berliner Schaubühne dem nahenden Jubiläum der russischen Oktober-Revolution Tribut gezollt.

    Sehenswert ist Milo Raus „Lenin“ in der Berliner Schaubühne allemal – allein schon wegen Ursina Lardi, die in der Titelrolle brilliert. Der tollkühne Einfall, die Rolle des „Führers des Weltproletariats“ mit einer Frau zu besetzen, grenzt an Genialität.

    Die Umsetzung der vom Autor und Regisseur artikulierten Ambition, „metaphorisch die Jugend, das Altern und den Tod der Revolution“ im Rahmen eines auf zwei Stunden gerafften Tages kurz vor dem Tod Wladimir Lenins zu schildern, wirkt dagegen, gelinde gesagt, diskussionswürdig.

    Lukas Turtur, Sophia Ahrens, Jakov Ahrens, Ursina Lardi, Ulrich Hoppe, Iris Becher, Nina Kunzendorf
    Lukas Turtur, Sophia Ahrens, Jakov Ahrens, Ursina Lardi, Ulrich Hoppe, Iris Becher, Nina Kunzendorf

    Angefangen damit, dass Lenin schon zu Beginn der Handlung halbtot im Bett liegt und sich nicht einmal ohne fremde Hilfe auf den Bauch umdrehen kann, um ein Thermometer in den Anus zu bekommen. Dass der Regisseur dann anschließend die Hauptdarstellerin mindestens zehn Minuten lang splitternackt auf der Bühne herumtorkeln lässt, ist als eine Metapher für die „Jugend der Revolution“ schwer abzukaufen. Der Wechsel zur Maske – etwa im Mittelspiel bekommt Ursina Lardi sehr wohl eine Glatze auf ihre blonde Mähne wie auch das obligatorische Bärtchen ans Kinn angeklebt – wirkt insofern ein bisschen plötzlich, jedenfalls nicht genügend motiviert.

    „Gruselfilm“

    „Die stickende Atmosphäre einer sterbenden Revolution“ (so Rau in einem Interview für „Tip Berlin“) herrscht auf der stets halbdunklen Bühne vom Anfang und bis zum Schluss. Die Räumlichkeiten der Datscha bei Moskau, in der Lenin dahinsiecht, sind eng und finster. So manche Figuren um ihn herum, besonders die männlichen – der Sadist Petrowitsch (genüsslich gemimt von Lukas Turtur), der primitive Soldat Sapogow (Konrad Singer), der hundsgemeine Streber Stalin (in eher voraussagbarer Darstellung von Damir Avdic)  und der rettungslose Neurotiker Trotzki (Felix Röhmer) – machen das Ambiente noch bedrückender und unheimlicher. Die Damen an Lenins Seite, vor allem seine Gattin Nadeschda Krupskaja (Nina Kunzendorf), wirken zwar weniger unsympathisch, aber nicht weniger trostlos.

    Nina Kunzendorf, Ursina Lardi
    Nina Kunzendorf, Ursina Lardi

     

    Kurzum: Ein „Gruselfilm“, wie Rau das Happening auf der Bühne in seinem Programmheft-Interview treffend beschreibt. Ein „Film“ ist dies übrigens allemal – zwei Kameramänner übertragen die Handlung virtuos auf den großen Bildschirm über der Bühne, so dass man vom traditionellen „Bühnenwerk“ kaum sprechen kann. Eher sind schon die Kameras auf der Bühne mittlerweile Tradition geworden.

    Vor allem wohl in diesem „Atmosphärischen“ stellt Rau sein Können unter Beweis: Trotz wenig Abwechslung hängt das Stück in seiner gesamten zweistündigen Handlung nahezu an keiner Stelle durch und so manche Pausen haben nahezu poetische Wirkung à la Tschechow. Damit aber kein Verdacht entsteht, Rau wäre in der Tschechowschen Tradition stecken geblieben, baut der Autor „kühne“ Szenen ein: kotzender Lenin, onanierender Trotzki, mit seinem Rotz genüsslich spielender Petrowitsch. Wie die „Berliner Morgenpost“ eben schrieb: „Mit seinen Stücken provoziert er Skandale. Der Schweizer Milo Rau ist einer der kühnsten Regisseure und Dramatiker im deutschsprachigen Raum.“  Im Programmheft gesteht Rau: „Wir huldigen dem Extremnaturalismus.“ Naja.

    „Fehlbesetzung“

    In allen im Vorfeld der Premiere erschienenen Interviews betont der Autor: Lenin sei „ein sehr durchschnittlicher Mensch“, er habe „kein Charisma“. Er sei „ein schlechter Redner und schlechter Autor“ gewesen. „Diktator“ und „Mörder“ sowieso. Von alldem spürt man jedoch in Raus Stück kaum etwas.

    Jakov Ahrens, Nina Kunzendorf, Ursina Lardi, Iris Becher
    Jakov Ahrens, Nina Kunzendorf, Ursina Lardi, Iris Becher

    Mehr noch: So wie Lenin in der Schaubühne-Produktion dargestellt wird, ist er allen Figuren um ihn herum haushoch überlegen, selbst mit einem Bein im Sarg quicklebendig, leidenschaftlich – und sehr wohl charismatisch. Wenn Raus Ziel wirklich darin bestanden haben sollte, Lenin in seinem Stück mit allen von ihm erwähnten wenig schmeichelhaften Eigenschaften zu versehen, dann hat er sein Ziel bei Gott weit verfehlt – wohl nicht zuletzt durch die „Fehlbesetzung“: Denn dank Ursina Lardi erzeugt der sterbende „Mörder“ und „Diktator“ durchaus Empathie.

    „Agit-Prop“

    Als „Sohn eines Trotzkisten“ habe Rau nach eigenen Worten schon mit zwölf Jahren begonnen, Aufsätze von Trotzki, Marx und Lenin zu lesen. Dieser Affinität sei er sein Leben lang treu geblieben, obgleich er auch recht früh erkannte, wie enttäuschend die Umsetzung der sozialistischen Idee in der Realität war. „Es gibt unglaublich viel Material, vor allem auch zu Lenins letzten Jahren“, sagt Rau und fügt hinzu: „Natürlich haben wir extrem verdichtet, gerafft.“ Leider hat dieses „Verdichten“ fatale Folgen für die Dialoge: Diese wirken oft zu banal, eindimensional, plakativ, nahezu kitschig. In der Sowjetzeit galt dafür der Begriff „Agit-Prop“. Als Krönung von Kitsch und Banalität wirkt aber der „Judaskuss“ gegen Ende – der dicke Schmatz, den Stalin dem „Führer des Weltproletariats“ verpasst.

    Milo Raus „Lenin“ in der Berliner Schaubühne
    Milo Raus „Lenin“ in der Berliner Schaubühne

    Dem „Soldaten“, einer Nebenfigur im Stück, legt der Autor ebenfalls recht plakative Worte in den Mund: „Die Revolution hat uns nichts gebracht. Die Menschen sind nur noch dreckiger und gemeiner geworden. Aber die meisten sind sowieso tot.“  Ausgerechnet am Abend der Premiere in der Schaubühne lieferte Wladimir Putin in Sotschi eine Replik, die in markanter Weise damit polemisiert. „Der Westen hat am meisten von der russischen Revolution profitiert“, behauptete Russlands Staatschef. All die Errungenschaften der westlichen Welt – Entstehung der Mittelschicht, Reform des Arbeitsmarktes, der sozialen Sphäre und des Bildungswesens, die Garantien der Menschenrechte und die Überwindung der Rassentrennung – seien eine Antwort auf die Herausforderungen durch die UdSSR gewesen. 

    Ins Konzept von Raus „Lenin“ würde aber ein solches Paradoxon kaum passen.

    Andrey Ivanovskiy

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    Inszenierung, Meinung, Theateraufführung, Theater, Schaubühne, Wladimir Lenin, Schweiz, Berlin, Deutschland