19:09 05 Dezember 2019
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    Pjotr Pawlenskij im Moskauer Gericht (Archivbild)

    Verfolgte russische Künstler: Trügerische Helden in deutschen Blättern

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    Der russische Künstler Pjotr Pawlenskij wurde in Paris festgenommen, weil er die Eingangstür der französischen Notenbank angezündet hat. Sein Fall zeigt, wie Künstler aus bestimmten Ländern in deutschen Medien beweihräuchert werden – ohne dass Substanz hinter den „Freiheitshelden“ stehe, schreibt Moritz Gathmann in „Cicero“.

    Es sei immer dasselbe Schema, nach dem deutsche Medien diese Künstler zu Helden aufbauten: „David gegen Goliath. Hier die mutigen Künstler, vom Freiheitswillen zum Protest getrieben, dort der repressive Staat, der sie dafür in den Knast steckt“, schreibt Gathmann. Ein Beitrag für deren Kampf sollen die „Lobeshymnen“ der Medien sein.

    Gathmann nennt drei Beispiele, beginnend mit Femen. Auch in Deutschland haben die Feminismus-Aktivistinnen eine Aktion vollbracht: Eine Barbie-Puppe musste daran glauben – bei der Eröffnung der „Barbie-World“ unweit des Berliner Alexanderplatzes gekreuzigt und verbrannt. „Es war eine typische, primitive Femen-Aktion“, so Gathmann. „Doch was beklatscht wurde, solange es im barbarischen Osten stattfand, wurde nun bestenfalls ignoriert oder (wie auf Spiegel Online) mit einigem Befremden beschrieben.“

    Dann Pussy Riot.

    „Wie wurden diese Frauen, die angeblich Putin das Fürchten gelehrt hatten, bei uns gefeiert! Man wollte ihnen den Sacharow-Preis verleihen, den Luther-Preis und was weiß ich noch alles. Und dann kommt Nadjeschda Tolokonnikowa nach Berlin und lässt viele ratlos zurück.“

    Gathmann erinnert dabei an einen Auftritt der Aktivistin auf der Berlinale. „Da waren die Journalisten und Kunstschaffenden zu ihrer Heldin gepilgert, um endlich persönlich die Erleuchtung in Empfang zu nehmen. Und was bekamen sie?“ Binsenwahrheiten über Freiheit und Feminismus.

    Und jetzt Pawlenskij. Was hat sich der Petersburger Künstler nicht alles einfallen lassen, um zu Ruhm zu kommen: Seinen Hodensack hat er auf den Roten Platz genagelt, aus Protest gegen die „Repressionen des Kremls“; seinen Mund hat er zugenäht, sich nackt in Stacheldraht gewickelt – „und war dafür mit freundlichen Porträts bedacht worden. Er sagte darin schöne Dinge, die sich mit dem Lied ‚Die Gedanken sind frei‘ zusammenfassen lassen.“

    Dann endlich der Durchbruch: Pawlenskij zündet die Eingangstüren des FSB in Moskau an, wird festgenommen und muss eine Geldstrafe zahlen. „Aber haben Sie eigentlich schon einmal versucht, die Eingangstür des BND oder der CIA in Brand zu stecken? Lassen Sie es lieber“, rät Gathmann.

    Solche Künstler würden in den deutschen Medien hochstilisiert – was für die meisten Menschen in deren Herkunftsländern einfach nur aberwitzig aussehe. „Warum? Weil die Heroisierung in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Objekte steht.“ Und weil die Heroisierung alles ausblende, was das Heldenbild stören könne. Den Kopf schütteln darüber übrigens „nicht nur die Fans autoritärer Herrschaft“.

    Auf Pawlenskij warte in seiner Heimat indes ein Strafverfahren:

    „Die Schauspielerin eines unabhängigen Theaters bezichtigte ihn der versuchten Vergewaltigung. Pawlenskij bestritt alles, bezeichnete das als Trick der Behörden, um ihn mundtot zu machen. Vorsichtshalber floh er trotzdem mit seiner Frau nach Frankreich.“ Haben die deutschen Medien dazu was gesagt? „Wenig bis gar nichts. Wichtiger als er selbst ist das Idol, das gegen den autoritären Staat kämpft.“

    Jetzt hat der Petersburger Künstler die Türen der französischen Nationalbank angezündet. „Am Ende wird er dafür wohl verurteilt werden, weil so etwas auch im Rechtsstaat Frankreich in erster Linie eine Straftat und erst ganz am Ende ein Kunstwerk ist. Vielleicht wird der Künstler dann nach Russland zurückgeschickt und dort womöglich verurteilt wegen der versuchten Vergewaltigung.“

    „Der Glanz ist weg“, resümiert Gathmann. „Aber keine Sorge: Wir finden sicher bald neue Helden.“

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    Künstler, Medienberichte, Bank, Brandanschlag, Verfolgung, Medien, Doppelstandards, Pussy Riot, Femen, Pjotr Pawlenski, Paris, Deutschland, Frankreich, Russland