23:01 24 November 2017
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    Ausstellung von Gurlitt-Kollektion in Bern, Schweiz

    „Sie haben ihn in den Tod getrieben“ – Zum Fall Gurlitt und „NS-Kunstschatz“

    © REUTERS/ Arnd Wiegmann
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    Der Journalist und Buchautor Maurice Philip Remy wirft der Augsburger Staatsanwaltschaft vor, den betagten Kunstsammler Cornelius Gurlitt mit der rechtswidrigen Beschlagnahme seiner Sammlung und der öffentlichen Stigmatisierung wegen angeblicher NS-Raubkunst in den Tod getrieben zu haben. Auch die Zuordnung der Werke sei voller Widersprüche.

    Pünktlich zur Eröffnung der Doppelausstellung in Bonn (Bestandsaufnahme Gurlitt – der NS-Kunstraub und die Folgen)und Bern (Bestandsaufnahme Gurlitt. „Entartete Kunst“ – Beschlagnahmt und verkauft), bei der 290 Werke aus der Gurlitt-Sammlung erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen, legt der Autor Maurice Philip Remy seine 700 Seiten starke Recherche „Der Fall Gurlitt – Die wahre Geschichte über Deutschlands größten Kunstskandal“ vor.

    Ausstellung von Gurlitt-Kollektion in Bern, Schweiz
    © REUTERS/ Arnd Wiegmann
    Ausstellung von Gurlitt-Kollektion in Bern, Schweiz

    Es sind keine Worte des Lobes, die Remy für die Aufarbeitung des NS-Kunst-Krimis und für die beiden Ausstellungen findet. Vielmehr rechnet der Journalist, Dokumentarfilmer, Regisseur, Drehbuchautor, Fernsehproduzent und Buchautor, der sich hauptsächlich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt und für Produktionen wie „Mythos Rommel“ (2002) bekannt ist, mit dem Vorgehen der Bundesbehörden im Fall Cornelius Gurlitt ab. Bereits 2013 hatte er dazu einen Film produziert (Der seltsame Herr Gurlitt, arte), der ihm Kritik eingehandelt hatte.

    Deutschlands größter Kunstskandal – Fiktion oder Wahrheit?

    Doch worum geht es? Anfang 2012 ließ die Staatsanwaltschaft Augsburg die Münchener Wohnung des zurückgezogen lebenden Cornelius Gurlitt durchsuchen und über 1200 Kunstwerke aus dem Besitz des alten Mannes beschlagnahmen. Es folgen weitere Beschlagnahmen in Gurlitts Salzburger Haus, zunächst ist die Rede von insgesamt 1500 Werken, am Ende sind es 1566 Kunstwerke, die Gurlitt entzogen werden. Der Verdacht: Es handelt sich um NS-Raubkunst im Wert von Milliarden Euro. Die Bilder hatte Cornelius Gurlitt von seinem Vater Hildebrandt Gurlitt geerbt, der einst im Auftrag von Hitler und Goebbels „Entartete Kunst“ aufgespürt und verkauft hatte. Der Sohn, der nie einer Arbeit nachgegangen ist und einen sehr zurückgezogenen Lebensstil pflegte, hütete den Kunstschatz 60 Jahre lang unbemerkt von der Öffentlichkeit.

    • Max Liebermann: Zwei Reiter am Strand, aus dem Schwabinger Kunstfund
      Max Liebermann: Zwei Reiter am Strand, aus dem Schwabinger Kunstfund
    • Franz Marc: Pferde in Landschaft, aus dem Schwabinger Kunstfund
      Franz Marc: Pferde in Landschaft, aus dem Schwabinger Kunstfund
    • Das Münchener Mehrfamilienhaus, in dem Cornelius Gurlitt wohnte und wo sein Kunstschatz gefunden wurde (Archivbild)
      Das Münchener Mehrfamilienhaus, in dem Cornelius Gurlitt wohnte und wo sein Kunstschatz gefunden wurde (Archivbild)
      © AP Photo/ DPA/ Marc Müller
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    Max Liebermann: Zwei Reiter am Strand, aus dem Schwabinger Kunstfund

    Die Information über den Schwabinger Fund gelangt an die Presse. In seiner Ausgabe vom 4. November 2013 stellt der Focus die Bilder pauschal unter Raubkunstverdacht, schreibt Remy in seinem Buch. Die Zahl der verdächtigen Werke sei wenige Tage später auf 970 korrigiert worden, 590 seien Raubkunst. Im Abschlussbericht der Taskforce, die mit der Untersuchung des Falls betraut war, seien im Januar 2016 nur noch 117 raubkunstverdächtige Bilder genannt worden, sechs Monate später habe das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste von 91 Bildern gesprochen, bei denen sich der Verdacht auf Raubkunst erhärtet habe. Remy zweifelt jedoch auch diese Zahl an. Nach seiner Einschätzung könne nur bei etwa einem Dutzend der Bilder von einem Raubkunstverdacht die Rede sein.

    Ab wann gilt ein Bild als raubkunstverdächtig? Mit dieser Frage eröffnet der Autor die Buchvorstellung in der Bundespressekonferenz am Mittwoch. Er zieht als Beispiel ein Selbstportrait von Max Liebermann aus der Sammlung Gurlitt heran. Klar erkennbar sei hier eine Widmung an einen Herrn Braunthal – vermutlich Max Braunthal, jüdischer Konfektionär und Textilfabrikant aus Frankfurt. Dieser sei 1929 aus freien Stücken nach Frankreich gezogen, wo er unter der nachfolgenden deutschen Besatzung zunehmend unter Druck geriet und gezwungen war, Teile seiner Besitztümer zu veräußern. 

    „Man weiß nicht, wann und wo Gurlitt es gekauft hat; es kann im Guten gewesen sein, er kann aber auch in Paris die Notlage von Braunthal ausgenutzt haben. Entscheidend für den Raubkunstverdacht ist der konkrete Hinweis, der sich aus dem Bild selbst ergibt“, erklärt Remy.

    Doch wenn es keinen solchen Hinweis gebe, sei es nicht korrekt, von Raubkunstverdacht zu sprechen. Alles andere sei Irreführung. Und genau diese Irreführung wirft Remy den Machern der Doppelausstellung vor.

    „Sie können nicht in eine private Wohnung bei jemandem reingehen und Bilder rausholen und ausstellen. Es geht um Raubkunst, also erwartet man, dass da Fakten genannt werden. Wenn Sie sich aber durch den Katalog durchwursteln, verlieren Sie den Überblick. Im Presseheft vom 27.06.2017 kündigt die Bundeskunsthalle an: „Die Bundeskunsthalle zeigt rund 250 Werke, von denen die meisten NS-verfolgungsbedingt entzogen wurden“. Bedeutet: Von denen die meisten Raubkunst sind oder deren Herkunft noch nicht geklärt werden konnte. Das ist Irreführung, das ist Quatsch! 48 dieser Bilder sind definitiv keine Raubkunst, bei 189 gibt es keinen Raubkunstverdacht, bei 50 gibt es einen angeblichen Raubkunstverdacht und Sie haben 1+1 Raubkunst. Die spekulieren auf die Sensationsgier des Publikums. Auf den ersten Blick habe ich 27 Fälle in dem Katalog, wo ich sage: Die Zuschreibung stimmt nicht, das ist einfach falsch.“

    Eines der drei wertvollsten Werke in der Gurlitt-Sammlung ist ein kleines Ölgemälde von Edouard Manet mit dem Titel „Marine, temps d’orage“. Laut Katalog stehe es unter Raubkunstverdacht, so Remy.

    „Die Wahrheit ist: Dieses Bild stammt aus dem Besitz Matsukata. Matsukata war ein japanischer Industrieller, die Japaner waren mit uns im Krieg verbündet  und die Taskforce selbst hat herausgefunden, dass Matsukata das Bild Anfang 1944 in Paris verkauft hat. Da verkauft ein Japaner, definitiv nicht bedrängt, 1944 diesen Manet. Bei Gurlitt taucht er 2 Monate später auf der Liste auf. Wir wissen nicht, ob Gurlitt ihn direkt von Matsukata hat oder von einem französischen Händler. Aber eines können wir definitiv ausschließen: Dass im Januar oder Februar 1944 noch irgendein bedrängter Jude diesen Manet aufgekauft hat und Gurlitt ihm den geklaut hat. Dieses Bild ist legal, wird aber in dem Katalog als angeblich raubkunstverdächtig ausgegeben.“

    Auch dass die Ausstellungen in Bonn und Bern dazu dienen sollen, der Provenienzforschung in den noch ungeklärten Fällen der Gurlitt-Sammlung auf die Sprünge zu helfen, glaubt der Autor nicht.

    „In Bonn und in Bern sehen wir nur 290 von 1566 Bildern – nur einen Bruchteil dessen, was die Sammlung ausmacht. Es hieß immer, wir machen diese Ausstellung, um der Provenienzforschung weiterzuhelfen.  Wofür brauche ich für die Provenienzforschung eine Ausstellung in Bonn, wenn ich das Zeug im Internet habe? Da, wo es mögliche Besitzer und Eigentümer sehen können, die sich heute in New York, London oder Südamerika befinden. Das Angebot, so etwas im Internet zu zeigen, ist fair und richtig, ich gehe aber von 150 Bildern der Sammlung Gurlitt aus, die bis heute der Öffentlichkeit nicht gezeigt werden.“

    Bis heute gebe es kein Gesamtverzeichnis der Werke und das widerspreche dem Versprechen der Staatssekretärin Monika Grütters, in der Causa Gurlitt mit größtmöglicher Transparenz vorzugehen.

    Sie haben ihn in den Tod getrieben

    Auch das Schicksal der Familie Gurlitt und die Beschlagnahme der Sammlung kommen in Remys Buch ausführlich zur Sprache. Remy ist sich sicher: Die Beschlagnahme war rechtswidrig und die zuständigen Behörden hätten die Schwäche des betagten Kunstsammlers ausgenutzt. Cornelius Gurlitt verstarb noch vor Beendigung der Aufarbeitung 2014 im Alter von 82 Jahren.

    „Sie haben ausgenutzt, dass der alte Mann psychisch und physisch krank war, sich nicht wehren konnte, sich keinen Anwalt nahm. Dann haben sie die Ergebnisse ihrer Ermittlungen an die Presse weitergegeben. Sie haben die Unschuldsvermutung mit Füßen getreten. Cornelius Gurlitt wurde mit vollem Namen im Focus erwähnt, mit Foto von seinem Haus, seinem Klingelschild. Dann ging der Klingelterror los, sie haben ihn bedrängt, seine Bilder ins Internet gestellt – ohne Rechtsgrundlage – und als Raubkunst verdächtigt. Sie haben seinen Vater stigmatisiert. Wenn Sie so wollen, haben sie in letzter Instanz diesen Mann in den Tod getrieben. Der hätte länger gelebt, wenn das alles nicht passiert wäre. Es hat keiner den Mut gefunden, zu sagen: Verdammt, wir sind da ein bisschen zu weit galoppiert.“

    Man dürfe nicht vergessen, dass Gurlitt als bis dahin einziger Deutscher vertraglich zugesichert habe, Raubkunst zurück zu geben.

    „Das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir Fotos der Staatsministerin Grütters sehen, die sich als Aufklärerin und Rückgeberin inszeniert. Es ist nicht ihre Sammlung, es ist nicht ihre Entscheidung gewesen – das war Cornelius Gurlitt.“

    Der Bundestagsabgeordnete Ansgar Heveling (CDU) habe einmal gesagt, 60 Prozent aller deutschen Museen kämen dafür infrage, dass sich bei ihnen Raubkunst befindet.

    „Wenn man nach der Methode Gurlitt vorgeht, dann ist in den Museen alles, was nicht geklärt ist, raubkunstverdächtig? Na hallo!“ kommentiert Maurice Philip Remy.

    Ilona Pfeffer

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    Tags:
    Schatzfund, Kunstwerke, Nazi-Deutschland, Ausstellung, Kunst, Deutschland