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    ART-WERK 2017 in Moskau

    Kreative aus Deutschland und Russland vereinigten sich zum ersten ART-WERK in Moskau

    © Foto : ART-WERK/Mikhail Wetlow
    Kultur
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    „Kreative aller Länder, vereinigt euch!“ ‒ mit diesem Ausspruch beendete Hubert Knirsch, Leiter der politischen Abteilung der deutschen Botschaft in Moskau, seine Ansprache an das erste Deutsch-Russische Kreativwirtschaftsforum ART-WERK 2017.

    Es brachte Kreativunternehmer, Urbanisten, Musiker, Architekten, Vertreter von Stadtverwaltungen und Investoren aus beiden Ländern zusammen. In einer Zeit zunehmender globaler Urbanisierung entstehen immer größere Megacities. Die Land-Stadt-Flucht erfolgt in Deutschland genauso wie in Russland, indem sich immer größere Städte entwickeln.

    Deutsche und russische Forumsteilnehmer beschäftigten sich unter anderem mit der Frage, wie man mit der kreativen Stadtentwicklung die Lebensqualität ihrer Bewohner steigern kann. „Immer mehr junge Menschen, Arbeitnehmer gehen in das unternehmerische Risiko, gründen Start-ups und machen ihr Hobby zum Beruf“, stellte Mirko Hempel, Leiter des Moskauer Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung fest. 

    Das sei vor zehn Jahren in dieser Form und dieser Masse überhaupt nicht denkbar gewesen, so Hempel.

    „Städte sind ein global vernetztes Experimentierfeld für pragmatische Politik und eine Brutstätte für Innovation geworden. Deshalb haben wir Vertreter aus Berlin, Mannheim, Leipzig und Düsseldorf eingeladen, ihr Know-how und ihre Geschäftsideen in Moskau zu präsentieren und sich von der Dynamik Moskaus als Megacity anstecken und inspirieren zu lassen.“

    Alexej Knelz, Leiter der Abteilung Öffentlichkeit der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau, sprach über den großen Wandel, de Russland in den letzten 20 Jahren widerfahren ist, auch wenn es teilweise als ein Rohstoff-Land angesehen wird.

    „In der aktuellen Ausgabe des Doing Business Report der Weltbank letzte Woche hat Russland jetzt den 35. Platz belegt. Das mag aus der Sicht einer europäischen Industriewirtschaft als Mittelfeld betrachtet werden. Wenn man aber bedenkt, dass das Land innerhalb von sieben Jahren 85 Ränge nach oben geschafft hat, ist es doch eine Leistung.“

    Auch in den nächsten Jahren werde die russische Wirtschaft laut dem Wirtschaftsminister Maxim Oreschkin in diesem Feld bleiben, betonte Knelz. In fünf Jahren solle Russland unter den Top-20-Industrienationen im Doing Business Report mitmischen. „Dafür ist eines gefragt: nicht mehr die Rohstoffe, der Rüstungsmaschinenbau und die klassischen Sparten zu bieten, sondern die Kreativwirtschaft.“

    Sie spiele, ehrlich gesagt, noch keine große Rolle in Russland, so der AHK-Department-Chef.

    „Zwar gibt es Start-ups, eine Digitalisierungsagenda, es gibt auch viele junge Unternehmer mit Ideen, die weltmarktkonkurrenzfähige Produkte entwickeln und herstellen. Aber das Thema Kreativwirtschaft – Film, Kunst, Lebensräume, Musik, Museen, eine nachhaltige kulturelle Entwicklung der ganzen russischen Gesellschaft in schönem Miteinander – sollte in Russland vorangetrieben werden. Dies steht jedoch noch nicht im Zentrum der Agenda.“

    Aber: „Es steht eines ganz klar im Blickpunkt: wenn man durch die russischen Großstädte läuft, so rennt man nicht mehr, sondern flaniert. Die Lebensräume sind anders geworden, zumindest in den großen Metropolen Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg. Die Menschen sind langsamer geworden. Sie sind kreativer geworden, sie lächeln mehr. Die Autos fahren langsamer. Und man merkt eigentlich, wenn man in ein russisches Start-up reingeht, dass die Unterschiede zu einem deutschen Start-up gar nicht mehr so groß sind, menschlich wie wirtschaftlich.“

    Mit Kreativität, bestimmten Fertigkeiten und Talent sorge diese Branche für wirtschaftlichen Reichtum, erörterte Jelena Selenzowa, Direktorin für die Entwicklung der städtischen Umwelt des Innovationszentrums Skolkovo, die sich mit der Kreativwirtschaft seit 15 Jahren beschäftigt.

    „Sie ist auch eine Art Geschäft. Schöpferische Kulturinitiativen entwickeln sich zu erfolgreichen Unternehmungen. Auch die herkömmliche Geschäftswelt ist zunehmend bemüht, diese kreative Komponente mit einzubeziehen. Dahinter steht vor allem das Bedürfnis, gemeinsam etwas für das Wohl der Stadt zu machen, für unsere Kinder und für ihre Bildung. Man kann kein Geschäft kreativ führen, ohne für das eigene Leben die Verantwortung zu übernehmen.“

    Das alte Modell der deutsch-russischen Zusammenarbeit, wobei Russland Rohstoffe und Deutschland Technologie lieferten, stoße in beiden Ländern nicht mehr auf Zustimmung, stellte Hubert Knirsch fest. Es sei längst an der Zeit, dieses Modell zu diversifizieren. „Das heißt natürlich nicht, dass wir keine Energie mehr importieren möchten oder dass Russen aufhören werden, sich deutscher Kraftfahrzeuge, Maschinen und Chemieprodukte zu bedienen.“

    Kreative Idee lässt sich unendlich vervielfältigen und leicht transportieren

    Der Diplomat sprach sich dafür aus, dass man nach Bereichen suche, „in denen wir zu einer vielfältigeren Verflechtung kommen, die deutlich mehr auch geistigen Austausch beinhaltet. Dieses Potential bietet die kreative Wirtschaft mit Mode, Musik, dem Film, der Softwareindustrie, die in unseren beiden Ländern sehr stark ausgeprägt ist, mit dem Design, den Spielen (wer hätte gedacht, dass Spiele zu einem Industriezweig werden könnten!), der Architektur, der Kunst und vielem anderen mehr.“

    Nikolaj Jolkin

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    Tags:
    Unternehmen, Wirtschaft, Kultur, Botschaft, Auswärtiges Amt, Friedrich-Ebert-Stiftung, Maxim Oreschkin, Deutschland, Russland