17:23 12 Dezember 2019
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    Ausstellung „Liebe, Glanz und Untergang: Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“

    Die „Hessischen“ Zarinnen: Wie die Damen aus Darmstadt zum russischen Zarenhof kamen

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    Die letzte Zarin Russlands war eine Deutsche aus hessischem Adel. Daran erinnert eine am Mittwoch eröffnete Ausstellung im Ikonenmuseum in Frankfurt am Main. Sie zeigt die bewegende Geschichte russisch-hessischer Prinzessinnen am Zarenhof. Zwei der Damen fielen der Oktoberrevolution zum Opfer. Sputnik war bei der feierlichen Eröffnung vor Ort.

    „Diese Ausstellung ist wichtig für die deutsch-russischen Beziehungen, die vor 100 Jahren besser und enger waren als heute“, sagte Dr. Richard Zacharuk, Leiter des Frankfurter Ikonenmuseums, gegenüber Sputnik zur Eröffnung der Ausstellung. Diese fand in der Frankfurter Deutschordenskirche statt. Das Gotteshaus befindet sich direkt neben dem Museum, das derzeit mehr als 300 Exponate zeigt. Darunter Schmuck, Fächer, Kleidungsstücke und handschriftliche Notizen aus einer Epoche, in der russische Thronfolger hessische Adelsdamen heirateten.

    „Interessant ist natürlich, dass diese Damen aus dem Hause Hessen in einer Zeit Ehen mit dem russischen Herrscherhaus eingegangen sind, in der es üblich war, über Hochzeiten Netzwerke zu bilden“, so Dr. Markus Miller, Kunsthistoriker von der Hessischen Hausstiftung, gegenüber Sputnik.

    Für seine hessischen Prinzessinnen fand der Adelshof häufig Bräutigame im Ausland. Daraus resultierten ab dem 19. Jahrhundert enge verwandtschaftliche Beziehungen zwischen dem herzoglichen Haus Hessen-Darmstadt und der russischen Zarenfamilie Romanow.

    Spektakuläre Hochzeiten zwischen Hessen und Russland

    Dabei kam es zu einigen aufsehenerregenden Eheschließungen zwischen dem hessischen Adelshof und Russland. Zwei Hessinnen wurden später sogar zu russischen Zarinnen erhoben.

    • Ausstellung „Liebe, Glanz und Untergang: Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“
      Ausstellung „Liebe, Glanz und Untergang: Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“
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    • Eröffnungsfeier in der Deutschordenskirche, wo auch der russische Botschafter sprach
      Eröffnungsfeier in der Deutschordenskirche, wo auch der russische Botschafter sprach
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    • Ausstellung „Liebe, Glanz und Untergang: Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“
      Ausstellung „Liebe, Glanz und Untergang: Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“
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    Ausstellung „Liebe, Glanz und Untergang: Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“

    „Da vermischen sich natürlich politische mit persönlichen Schicksalen“, erklärte Dr. Miller. „Zu einer erfolgreichen Heiratsvermittlung gehörte damals auch, dass man ein gutes Porträt anfertigen ließ, um eben einem potentiellen Bräutigam die Angepriesene vorzustellen.“ Der Kunsthistoriker zeigte auf einige Erinnerungsstücke: „Zum Beispiel hier eine kleine Stoffprobe vom Krönungskleid der Kaiserin Alexandra Fjodoronwna.“

    Die verhinderte Zarin: Natalia Alexejewna (1755 – 1776)

    Die erste Heirat einer hessischen Prinzessin mit einem russischen Thronfolger erfolgte 1773. Damals ehelichte Wilhelmine von Hessen-Darmstadt den späteren Zaren Paul I. unter ihrem neuen, russisch-orthodoxen Namen Natalia Alexejewna. Natalias Schwiegermutter war keine geringere als die Zarin Katharina die Große, die ebenfalls deutsche Wurzeln hatte und aus Zerbst im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt stammte. Sie war es auch, die Natalia aus Hessen nach Russland einlud.

    Wilhelmina Luisa von Hessen-Darmstadt
    © CC0
    Wilhelmina Luisa von Hessen-Darmstadt

    Leider verstarb die Großfürstin Natalia bereits drei Jahre nach der Hochzeit bei der Geburt ihres ersten Kindes. Sie konnte daher die Thronbesteigung ihres Gatten nicht mehr miterleben.

    Erste hessische Zarin: Marija Alexandrowna (1824 – 1880)

    Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den wohltätigen und gemeinnützigen Arbeiten und Projekte, welche die hessischen Prinzessinnen mit in ihre neue Heimat Russland gebracht hatten. „Prinzessin Marie, die spätere Zarin Marija, hat das russische Rote Kreuz aufgebaut“, erklärte Dr. Anna Gromowa, Projektleiterin der Ausstellung und Vorsitzende der ESPO-Stiftung mit Sitz in Moskau, gegenüber Sputnik.

    Alexandra Fjodorowna
    © CC0
    Alexandra Fjodorowna

    Prinzessin Marie von Hessen und bei Rhein wurde im Jahre 1855 die erste russische Zarin mit hessischen Wurzeln. Nach Maries Übertritt zur russisch-orthodoxen Kirche erhielt sie fortan den Namen Marija Alexandrowna. „Sie war lieb, gut erzogen, klug, schon bald konnte sie die russische Sprache beherrschen“, schreibt die Geschichtsjournalistin Lina Zasepskaya über die junge Marija. Ihr Ehemann Zar Alexander II. führte wichtige staatspolitische Reformen im russischen Reich ein, zum Beispiel die Abschaffung der Leibeigenschaft. Das glücklich verheiratete Zarenpaar hatte insgesamt acht Kinder. Marijas häufige Aufenthalte in ihrer hessischen Heimat schufen die Grundlage für weitere russisch-hessische Eheschließungen …

    „Heilige Elisabeth“: Jelisaweta Fjodorowna (1864 – 1918)

    So heiratete dann 1884 Marijas siebter Sohn, Sergeji Alexandrowitsch Romanow, die hessische Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt. Diese konvertierte 1891 zum russischen Glauben.

    Elisabeth Alexandra Luise Alice von Hessen-Darmstadt und bei Rhein
    © CC0
    Elisabeth Alexandra Luise Alice von Hessen-Darmstadt und bei Rhein

     

    „Elisabeth war eine schöne und begabte Frau und sprach bald einwandfrei russisch. In Russland nannte man sie die Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna“, berichtet die historische Journalistin Zasepskaya.

    Elisabeth begann nach der Ermordung ihres Mannes durch einen Anarchisten im Jahr 1905 ein fromm-religiöses Leben. So gründete sie in Moskau 1909 das „Martha-Maria-Kloster der Barmherzigkeit“, das mit Unterbrechungen bis heute besteht. Sie leitete das Gotteshaus als Äbtissin und war sehr beliebt beim Volk für ihre religiöse und karitative Arbeit. In den Wirren der Oktoberrevolution wurde sie 1918 ermordet. Die russisch-orthodoxe Kirche sprach sie 1981 als „Heilige Elisabeth von Hessen“ heilig.

    Die letzte Zarin: Alexandra Fjodorowna (1872 – 1918)

    Elisabeth hatte eine jüngere Schwester: Alix von Hessen-Darmstadt. Alix (oder Alexandra) sollte nach Marija die zweite Zarin aus Hessen werden. Auf der Hochzeitsfeier ihrer Schwester lernte Alix ihren späteren Mann kennen, den sie 1894 im Winterpalast in St. Petersburg heiraten sollte: Zar Nikolaus II. Von da an trug sie den Namen Alexandra Fjodorowna. Die Verlobung fand einige Monate zuvor in Coburg in Deutschland statt. Gemeinsam hatte das Paar fünf Kinder.

    Alix von Hessen-Darmstadt
    © CC0
    Alix von Hessen-Darmstadt

     

    In den Jahren 1897 und 1899 besuchten die Romanows Alexandras Heimat: Darmstadt in Hessen. Dort errichtete die Zarenfamilie eine russische Kapelle, die heute als Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche dient. Am 17. Juli 1918 wurde sie in Jekaterinburg samt Zar und Kindern von den Bolschewiki erschossen. Im Jahre 2000 wurde die ermordete Zarenfamilie von der russisch-orthodoxen Kirche heiliggesprochen.

    Deutsch-russischer Dialog: Vorbild für die Politik

    Die Ausstellung war sehr gut besucht. Es gab reges Interesse an den vier hessisch-russischen Prinzessinnen. „Mich haben diese Frauen so beeindruckt, dass ich unbedingt viel mehr erfahren möchte“, sagte eine Besucherin vor Ort gegenüber Sputnik. „Das heißt: Ich werde nicht nur einmal kommen, ich werde jetzt mehrmals kommen.“

    Die Ausstellung ist ein deutsch-russisches Gemeinschaftsprojekt, das das Kulturministerium der Russischen Föderation in Kooperation mit weiteren Kultureinrichtungen wie der Moskauer Stiftung „Jelisawetinsko-Sergijewskoje Aufklärungsgesellschaft“, auch „ESPO-Stiftung“ genannt, ausrichtet.

    Eröffnungsfeier in der Deutschordenskirche, wo auch der russische Botschafter sprach
    © Sputnik / Alexander Boos
    Eröffnungsfeier in der Deutschordenskirche, wo auch der russische Botschafter sprach

     

    Die Veranstaltung soll die vier hessischen Prinzessinnen würdigen und deren Rolle für die russische Geschichte hervorheben. Außerdem hat sie sich zur Aufgabe gesetzt, für Historiker und Sozialwissenschaftler einen neuen geschichtlichen Blick auf die Beziehungen zwischen den Dynastien beider Staaten liefern. Daher fanden im Rahmen der Ausstellungseröffnung auch wissenschaftliche Diskussionsrunden mit deutschen und russischen Wissenschaftlern statt. „Diese Ausstellung soll folgende Botschaft vermitteln“, so Museumsleiter Dr. Zacharuk abschließend: „Zu zeigen, was Deutschland und Russland verbindet: Eine gemeinsame Geschichte.“

    „Wir leben nicht um unserer selbst willen. Sondern für die anderen, für die Heimat. Und ich liebe meine Heimat sehr stark.“

    Die letzte Zarin Alexandra Fjodorowna im Jahre 1917

    Die Ikonen-Ausstellung „Liebe, Glanz und Untergang: Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“ im Ikonen-Museum der Stadt Frankfurt am Main beginnt am Mittwoch, dem 20. Dezember. Sie hat geöffnet bis zum 25. Februar 2018. Das Museum ist dienstags bis sonntags zwischen 10 bis 17 Uhr geöffnet, mittwochs von 10 bis 20 Uhr. Montag ist Ruhetag.

    Alexander Boos

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    Zarin, Ausstellung, Geschichte, Darmstadt, Frankfurt am Main, Deutschland, Russland