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    Ausstellung „Rilke und Russland“

    „So russisch wie Tolstoi und Gogol“ – Ausstellung „Rilke und Russland“

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    Nikolaj Jolkin
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    „Wechselseitig und bereichernd“ nennt Rüdiger von Fritsch anlässlich der Eröffnung der großangelegten Ausstellung „Rilke und Russland“ in Moskau das Verhältnis des Dichters zum Land. Dank dem Projekt, das mehrere deutsche, schweizerische und russische Institutionen in diesen drei Ländern veranstalten, „kam Rilke wieder nach Russland“.

    Die ungeheure Sympathie, die der große deutschsprachige Dichter Rainer Maria Rilke für Russland empfand, steht laut Rüdiger von Fritsch, dem Botschafter Deutschlands in Russland, als Sinnbild für die Faszination, die der russische und der deutsche Kulturraum über Jahrhunderte aufeinander ausgeübt haben.

    Mit einer Ausstellung, Konferenzen, Lesungen, Theater- und Filmvorführungen, Ausflügen und sogar interaktiven Events für Jugendliche wird in diesen Wochen des Dichters gedacht.

    Vizeregierungschefin Russlands für Soziales Olga Golodez
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    Vizeregierungschefin Russlands für Soziales Olga Golodez

    Die russische Vizeregierungschefin für Soziales Olga Golodez hat sich die Idee der Ausstellung zu Herzen genommen. Dabei betonte sie die geopolitische Beschaffenheit der Kultur. „Nicht zufällig hat der russische Dichter und Literaturnobelpreisträger Boris Pasternak über Rilke als über einen Russen gesprochen: ‚Er ist genauso russisch wie Tolstoi und Gogol. Und wenn wir Gedichte lesen, die Rilke in der russischen Sprache verfasst hat, fühlen wir, wie wunderbar sie klingen. Er steht in einer Reihe mit der bekannten russischen Lyrikerin Marina Zwetajewa.‘“

    Geistige Heimat Russland

    Der Direktor des Literaturmuseums in Moskau Dmitri Bak stellte fest: „Rilke meinte, Russland sei das einzige von allen Ländern, das an Gott grenze, und Russland sei seine geistige Heimat. Russland hat ihm dafür all die Jahre hindurch kolossale Liebe entgegengebracht. Rilke ist ein Dichter des abgeschiedenen Nachdenkens, und seine intimen Überlegungen zu Gott, Ewigkeit, Tod und Heimat sind paradoxerweise für viele Menschen weltweit zum Gesprächsstoff geworden. Er steht mit uns im ungewöhnlichen Einklang. Durch ihren Rhythmus erinnern seine Gedichte an große russische Dichtung.“

    Direktor des Literaturmuseums in Moskau Dmitri Bak
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    Direktor des Literaturmuseums in Moskau Dmitri Bak

    Die Direktorin der Schweizer Nationalbibliothek Marie-Christine Doffey nannte Rilke einen Suchenden und Heimatlosen. „Aber gemäß seinem Selbstzeugnis stand ihm Russland am nächsten. Dort fühlte er sich zu Hause. Dort war seine geistige Heimat. Russland hat ihn zum Dichter gemacht. Das zeigt unsere Ausstellung eindeutig und eindrücklich.“

    „Rückkehr nach Russland war Rilke nicht vergönnt“

    Über eine innige Beziehung Rainer Maria Rilkes zu Russland sprach auch Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marburg (DLA): „Er hätte die Gottgläubigkeit der russischen Menschen genannt und ihre tiefe Demut, die Weite des russischen Landes und seiner Flüsse, dieser Ströme, die diesseits an die Unendlichkeit und jenseits an den Himmel grenzen. Und dann hätte er von der Dichtung gesprochen und von der Schönheit der russischen Sprache und ihrer poetischen Tiefe.“

    Zweimal ist Rilke in Russland gewesen, 1899 und 1900, und danach nie wieder. „Die Rückkehr war ihm nicht vergönnt“, so Raulff. „Vielleicht zu seinem Glück, denn schon 1905 hätte er die russische Welt nicht mehr verstanden. Am wenigsten die neuen literarischen und literaturpolitischen Akteure. Das war nicht mehr das fromme und einfältige Russland, das er fünf Jahre vorher gesucht und noch gefunden hatte.“

    Der DLA-Direktor fuhr fort: „Ein Teil seiner Seele blieb in Russland. In seinem Gedächtnis trug der Dichter die Dimensionen Russlands, die Weite seiner Landschaft und die Tiefe seiner Sprache. Er trug sie in den Westen. Alles, was danach kam, musste sich an diesen Dimensionen messen lassen, und vieles wurde verworfen. Von dem Erlebnis Russland hat sich Rilke nie wieder erholt.“

    Mehrerlei Rilke-Portraits

    Literarische Beziehungen, so Ulrich Raulff, können die Politik nicht ersetzen, „aber Ausstellungen wie diese über Rilke haben ihren besonderen politischen Wert. Sie setzen Zeichen, sie schaffen Räume für Gespräche, und sie rufen uns historische Gemeinsamkeiten ins Gedächtnis. Wir alle – Russen, Schweizer und Deutsche – können uns von einem Dichter wie Rilke daran erinnern lassen, dass wir einer Schicksalsgemeinschaft angehören. Dieses Wissen sollte uns gegenwärtig bleiben. Die Verantwortung für Europa müssten wir uns teilen. Dazu bedürfen wir besonderer Sprachen, in denen wir uns auch über die gemeinsame Leidensgeschichte und die tieferen Wahrheiten unserer Leben verständigen können. Eine solche Sprache finden wir in der Dichtung.“

    • Drei Rilke-Bilder: Zum ersten Mal sind gleichzeitig in Moskau zu sehen
      Drei Rilke-Bilder: Zum ersten Mal sind gleichzeitig in Moskau zu sehen
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    • Brief von M.Zwetajewa an Rilke
      Brief von M.Zwetajewa an Rilke
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    • Konzept eines Rilke-Briefes in Russisch
      Konzept eines Rilke-Briefes in Russisch
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    • Elegie an M.Zwetajewa (Hohepunkt des Briefwechsels beider Dichter)
      Elegie an M.Zwetajewa (Hohepunkt des Briefwechsels beider Dichter)
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    • Rilke-Briefe an Leo Tolstoi
      Rilke-Briefe an Leo Tolstoi
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    • Rilke-Briefe an Leo Tolstoi
      Rilke-Briefe an Leo Tolstoi
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    • Rüdiger von Fritsch, Botschafter Deutschlands in Russland
      Rüdiger von Fritsch, Botschafter Deutschlands in Russland
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    • Schweizer Botschafter in Russland Yves Rossier
      Schweizer Botschafter in Russland Yves Rossier
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    Drei Rilke-Bilder: Zum ersten Mal sind gleichzeitig in Moskau zu sehen

    Der Vater des russischen Dichters Boris Pasternak, Leonid, hat mehrere Rilke-Porträts gemalt. Drei von ihnen konnte man in der Residenz des deutschen Botschafters nur an diesem Abend sehen. Und ein Bild bleibt dort für immer, weil es das Eigentum Deutschlands ist. Leonid Pasternak hat das Treffen Rilkes mit Leo Tolstoi vermittelt. Und Thomas Schmidt, der künstlerische Leiter der Ausstellung berichtete über dieses Treffen: „Es kam zu jener heiklen, aber literatur- und kulturgeschichtlich unglaublich haltbaren Begegnung in Jasnaja Poljana, wo Tolstoi Rilke bei einem Spaziergang damit konfrontierte, dass die Lyrik zu nichts tauge. Eine Ohrfeige, die Rilke bis ans Ende seines Lebens schmerzte.“

    „… dass Rilke aus Russland nicht wieder abreist“

    In Deutschland sei die Ausstellung ein in ihrer Dimension unerwarteter und ganz großer Erfolg gewesen, so Thomas Schmidt im Interview mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin, „weil wir wahrscheinlich mit dieser Mischung aus innovativem Ausstellungskonzept, hervorragender Ausstellungsästhetik, aber vor allem mit der politischen Sensibilität des Themas anscheinend einen Nerv getroffen hatten. In Marbach hatten wir so viele Besucher wie in den letzten 20 Jahren nicht. Es war ein immenser Erfolg. Auch die Forschungsergebnisse, die an diese Ausstellung gebunden waren, einmal durch die Tagung, aber dann auch durch die unglaubliche physische Vielfalt der Zeugnisse und Spuren, die wir gefunden haben, zeigen schon allein in ihrer Opulenz, wie bedeutend dieses Thema ist. Das hat sich auch auf die Schweiz übertragen und hat dieses Projekt zu einem Erfolg gemacht, der sich zu der gelungenen internationalen Zusammenarbeit addiert.“

    Thomas Schmidt, künstlerischer Leiter der Ausstellung „Rilke und Russland“
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    Thomas Schmidt, künstlerischer Leiter der Ausstellung „Rilke und Russland“

    Der Wissenschaftler hofft, dass diese Leidenschaft, mit der das internationale Team seit knapp drei Jahren das Projekt betreibt, sich auch auf die russischen Besucher übertrage. „Wenn ihnen die Ausstellung so gefällt, dass sie darüber reden, dann kommen andere Besucher. Das würde ich mir sehr erhoffen, wenn wir in sieben Wochen hier schließen, dass Rilke aus Russland nicht wieder abreist, sondern hier in den Köpfen der Menschen bleibt.“

    Seine Russland-Reisen hat Rilke kurz vor seinem Tod „das entscheidende Ereignis“ seines Lebens genannt. Seine neue Heimat bezeichnete er als „die letzte, heimlichste Stube im Herzen Gottes“. Und Boris Pasternak hat sich, nachdem ihm der Literaturnobelpreis zuerkannt worden war, für einen Pfleger der Rilke-Tradition erklärt, indem er schrieb: „Ich habe stets geglaubt, dass ich in meinen eigenen Versuchen und in meiner ganzen künstlerischen Tätigkeit ihn nur übersetze und weiterentwickle, dass ich zu seiner Originalität nichts hinzufüge und immer in seinen Gewässern segle …“

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Heimat, Tod, Ausstellung, Boris Pasternak, Marina Zwetajewa, Leo Tolstoi, Rainer Maria Rilke, Deutschland, Schweiz, Russland
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