00:56 19 September 2018
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    Venus von Willendorf

    Ist das Porno? Oder warum muss das weg? – Wie Facebook eine uralte Skulptur sperrte

    © Foto : NHM Wien/ Alice Schumacher
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    Valentin Raskatov
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    Eine uralte Venus darf ihre steinernen Rundungen nicht auf Facebook präsentieren, weil dieses die Statue als „Pornografie“ wertet und nicht als Kunst. Die Aktivistin, die die Statue gepostet hatte, hat nun eine Petition gestartet, Facebook möge seinen Algorithmus verbessern.

    Eigentlich ging es der italienischen Kunstaktivistin Laura Ghianda in ihrem Beitrag auf Facebook nur um ein Stereotyp des Frauenkörpers. Um den dicken Typ Frau zu veranschaulichen, lud sie ein Foto der knapp 29.500 Jahre alten Steinzeitschönheit Venus von Willendorf hoch, deren Kurven im Naturhistorischen Museum Wien begutachtet werden können.

    Venus von Willendorf
    © Foto : NHM Wien/ Alice Schumacher
    Venus von Willendorf

    Der Beitrag lief so gut, berichtet die junge Frau gegenüber Sputnik, dass sie beschloss, ihn zu bewerben, um noch mehr Menschen zu erreichen. Und da geschah es: Der Beitrag wurde als „unangemessen“ gesperrt. Begründet wurde die Maßnahme damit, dass im Bild Pornografie enthalten sei.

    Facebooks sture Algorithmen

    Viermal kämpfte die junge Frau gegen diese Entscheidung an – erfolglos. Es hieß, man würde ihre Erklärungen zwar schätzen, jedoch bei der getroffenen Entscheidung bleiben. Schließlich schrieb die Aktivistin einen Beitrag über Zensur des Frauenkörpers, der sich viral ausbreitete und die Medien überhaupt erst auf den Vorfall aufmerksam machte. Dazu unterzog sie die Steinzeit-Venus auch einer Facebook-gerechten Zensur, indem sie ihr zwei Zensur-Balken über Brust und Scham verpasste.

    Venus von Willendorf
    © Foto : NHM Wien/ Alice Schumacher
    Venus von Willendorf

    Eines Tages entschuldigte sich Facebook bei Laura Ghianda für die Entscheidung. Ein Sieg? Nicht ganz: Denn kaum hatte sich Facebook entschuldigt, geschah der Fauxpas wieder – diesmal auf der Seite des Kunstmagazins „The Art Newspaper“, das das Bild verbreitet hatte. Wieder aus demselben Grund, dass die Pornovenus dem sturen Facebook-Algorithmus nicht passen wollte.

    Was stimmt denn nicht an der Venus, fragte die Sputnik-Redaktion und bat Irina Kubadinow, Abteilungsdirektorin Kommunikation und Medien am Naturhistorischen Museum Wien, um endgültige Aufklärung.

    „An der Statue stimmt alles“, antwortete diese prompt. Solche Probleme seien „nur in den sozialen Netzwerken ein Thema“. Bei dem einmaligen Objekt, das aus der Wachau stammt, handle es sich um „eine der ersten Frauendarstellungen der Steinzeit“, die aller Wahrscheinlichkeit nach ein Fruchtbarkeitssymbol darstellte. Der Fehler muss irgendwo im Code des sozialen Netzwerks stecken und sicher nicht in den Formen der Venus, meint auch Kubadinow.

    Facebook-System sieht viel Rot

    Das bestätigen auch weitere Beobachtungen von Laura Ghianda: Denn Facebook habe regelmäßig auch andere Posts gesperrt, weil diese etwa das Wort „goddess“ (Gottheit) enthielten – ein Wort, das in der Pornoszene oft für Pornostars verwendet wird. Daraus folgt für den Algorithmus, dass das Wort unweigerlich zur Pornokultur zu zählen sei.

    Kommt jetzt noch die eine oder andere Rundung dazu, dann sieht das System Rot. So sei es in einem Beitrag von Ghianda um „Befana“ gegangen, die – wie die Italienerin es ausdrückt – „eine wirklich hässliche, alte Hexe ist“ und „der Nachhall einer alten Wintergottheit“ – das Gegenteil von heiß und sexy also. Sofort kam Facebook als Inquisitor auf den Plan und verbannte sie. Ein ähnliches Schicksal ereilte laut Ghianda auch die keltische Gottheit Brigid.

    Weil die Italienerin das soziale Netzwerk als Medium des Austauschs über Kunst aber schätzt und nicht einfach so aufgeben mag, hat sie mittlerweile eine Petition in die Welt gesetzt, die sich an Facebook richtet und das Unternehmen bittet, seine Algorithmen für Kunstinhalte etwas zu verfeinern. Immerhin freue es sie, fügt die Frau hinzu, dass sie über den Medienwirbel eine große Werbung für die Venus habe machen können und dass viele Menschen, die zuvor nichts von ihr wussten, sie jetzt unbedingt sehen wollen.

    Das Interview mit Irina Kubadinow zum Nachhören:

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    Tags:
    Algorithmen, Pornographie, Statue, Porno, Kunst, Zensur, Facebook, Naturhistorisches Museum Wien, Venus, Italien, Österreich