19:43 11 Dezember 2018
SNA Radio
    Eberswalder Goldschatz im Puschkin-Museum

    AfD will deutsche Beutekunst aus Russland zurück – steht Krim im Weg?

    © Foto: Andreas Praefcke
    Kultur
    Zum Kurzlink
    Armin Siebert
    3413226

    Die Verhandlungen zwischen Russland und Deutschland über Beutekunst aus dem Zweiten Weltkrieg liegen auf Eis, wie eine Anfrage der AfD ergab. Über deutsche Kunstschätze auf der Krim will die Bundesregierung nur mit der Ukraine verhandeln. Die AfD gibt sich damit nicht zufrieden und sieht den Austausch von Beutekunst als Weg der Völkerverständigung.

    Die AfD-Fraktion im Bundestag hat eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt zur „Rückführung deutscher Kunstschätze und Kulturgüter aus Polen, Russland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion“. Aus der Antwort der Bundesregierung geht hervor, dass die Verhandlungen darüber mehr oder weniger auf Eis liegen.

    „Die Frage der Rückführung kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter ist regelmäßig Gegenstand der deutsch-russischen Regierungskonsultationen, die allerdings seit dem Jahr 2014 (Russland-Beitritt der Krim, Anm. d. Red.) suspendiert sind“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung.

    Professor Harald Weyel, Bundestagsabgeordneter der AfD, dessen Büro federführend die Anfrage seiner Fraktion stellte, hat im Sputnik-Interview „den Eindruck, dass sich da stiefmütterlich drum gekümmert wird“.

    Die Gespräche zwischen Russland und Deutschland über kriegsbedingt verlagertes Kulturgut stagnieren seit Längerem, auch in den anlässlich der 7. deutsch-russischen Regierungskonsultationen 2004 eingerichteten vier bilateralen Arbeitsgruppen, wie die Bundesregierung einräumt.

    Verhandlungen über Krim nur mit Ukraine

    Im Falle deutscher Kunstschätze auf der Krim verweigert die Bundesregierung die Verhandlung mit Russland, da sie hier nur die ukrainische Regierung als Ansprechpartner akzeptiert. In der Antwort auf die Anfrage der AfD heißt es, dass Deutschland weiterhin die Ukraine als Gesprächspartner für auf der Krim verbliebene kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter aus Deutschland betrachte. Weyel hält dies für absurd:

    „Ich finde, das sind zwei absolut unterschiedliche Sachverhalte, die man auch getrennt verhandeln sollte. Es ist total absurd, dass die Position vertreten wird, nicht mit Russland zu verhandeln wegen der Geschichte mit der Ukraine seit 2014. Es geht um die Kunstwerke, und wer auch immer die Verfügungsgewalt darüber hat, sollte eingeladen werden, über eine Rückführung zu reden“, so Weyel.

    Über eine Million deutsche Kunstgegenstände in Russland?

    Während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kulturgüter in einem bis heute nicht gänzlich geklärten Umfang als Beutekunst konfisziert und in die Sowjetunion verbracht. Das Bundesministerium des Inneren geht davon aus, „dass in Russland noch über eine Million Kunstgegenstände, einschließlich 20000 Kunst- und Kulturschätze von besonderer musealer Bedeutung … lagern“.

    1955 und 1988 fanden umfangreiche Rückgaben deutscher Kunstwerke an die DDR statt. Unter den 1.569.176 Exponaten befand sich auch ein Großteil der Bilder aus der Dresdner Gemäldegalerie.

    Im Jahr 1993 schlossen die Regierung der Bundesrepublik Deutschland und die Regierung der Russischen Föderation ein Abkommen über „kulturelle Zusammenarbeit“, in dem die Rückgabe „unrechtmäßig verbrachter Kulturgüter an den Eigentümer“ vereinbart wurde.

    Im April 1998 beschloss die Duma der Russischen Föderation ein Bundesgesetz über die infolge des Zweiten Weltkriegs in die UdSSR verbrachten und im Hoheitsgebiet befindlichen Kulturgüter, das die Beutekunst zu russischem Eigentum erklärt. Dessen ungeachtet kam es auch nach der Verabschiedung dieses Gesetzes immer mal wieder zu einzelnen Schenkungen von russischer Seite, wie der Rückgabe der Kirchenfenster aus Frankfurt (Oder) oder des Leipziger Bach-Archivs.

    In den letzten Jahren wurden jedoch keine weiteren Fortschritte erzielt, wie sich aus der Antwort der Bundesregierung ergibt.

    Rückholung von Beutekunst nicht „auf die harte Tour“

    Harald Weyel von der AfD würde die deutschen Kunstschätze von Russland nicht „auf die harte Tour“ über internationalen Schieds- oder Gerichtsverfahren einfordern, sondern eher auf Gemeinsamkeiten setzen:

    „Ich finde, das Thema ‚Reparationsforderungen‘ gerade zwischen den zwei Ausgestoßenen Deutschland und Russland wurde nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Verzicht auf Reparationen in Rapallo gut gelöst. Das war nach 1945 in der Form nicht mehr möglich. Aber ich finde, man sollte sich an diese große Tradition erinnern. Man sollte also keine Reparationen fordern, sondern an die höhere Schule der Gemeinsamkeiten anknüpfen. Hier wären auch gemeinsame Ausstellungen deutscher und russischer Museen im Rahmen der Städtepartnerschaften denkbar. Da bieten sich vielfältige Möglichkeiten.“

    Schweigen in Polen und Zuckerbücher aus der Ukraine

    Auch in Polen und der Ukraine befinden sich Hunderttausende Werke deutscher Raubkunst aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Volksrepublik Polen gelangte durch Abtrennung der deutschen Ostgebiete, die danach größtenteils unter polnische Verwaltung gestellt wurden, in den Besitz der dorthin zum Schutz vor dem alliierten Bombenkrieg von Deutschland ausgelagerten Kulturgüter. Die Ukraine gelangte als Teil der Sowjetunion in den Besitz deutscher Kulturgüter. Zu den Verhandlungen mit Polen heißt es in der Antwort der Bundesregierung:

    „Die auf der Grundlage von Artikel 28 Absatz 3 des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags von 1991 geführten Kulturgüterrückführungsgespräche wurden 2005 von polnischer Seite nicht weiter geführt … Die Bundesregierung wird diese Fragen zu gegebener Zeit erneut mit Polen aufnehmen.“

    Weyel kritisiert dies scharf:

    „Es ist ein ausgesprochenes Ärgernis, dass Polen als EU-Mitglied und die Ukraine als assoziiertes Mitglied zwar deutsches Geld wollen und auch bekommen und sich aber gerade auf diesem Gebiet der Rückgabe von Beutekunst absolut mauernd verhalten. Polen weigert sich zum Beispiel, über die 300.000 Bände der Berlinka-Sammlung, in der sich ein Teil der Schriften von Luther, Goethe und Bach befinden, zu verhandeln. Polen verhält sich hier als vermeintlicher Partner weniger kooperationsbereit als Russland.“

    Mit der Ukraine finden laut Aussage der Bundesregierung regelmäßig offizielle Gespräche über kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter im Rahmen der „Deutsch-Ukrainischen Gemischten Kommission zu Fragen der Rückführung und Restitution von während und in der Folge des Zweiten Weltkriegs verschollenen oder unrechtmäßig verbrachten Kulturgütern“ statt.

    Als einziges konkretes Ergebnis kam es bisher 2013 zur Rückgabe von 713 Bänden der Bibliothek des Berliner Instituts für Zuckerindustrie aus der Ukraine.

    Krimschätze zum Jubiläum für Aachen

    Weyel sieht gerade in einer Intensivierung der Verhandlungen mit Russland einen Weg, Polen und die Ukraine zu „beschämen“ und gleichzeitig die deutsch-russischen Beziehungen zu verbessern:

    „Es wäre schon interessant zu sehen, was wäre, wenn sich jetzt Russland großzügiger und fairer gegenüber Deutschland verhalten würde als die neuen und vermeintlich näheren Partner Polen und Ukraine. Das wäre eine Rückkehr zu der besonderen deutsch-russischen Verbundenheit über die alten Narben hinweg. Das wäre ein schönes Ziel.“

    Die AfD möchte sich nun persönlich dafür einsetzen, dass auch mit Museen auf der Krim Kontakt aufgenommen wird zur Rückführung deutscher Kunstschätze. Einen passenden Anlass sieht Weyel in den Feierlichkeiten der Stadt Aachen zum 200. Geburtstag von Barthold Suermondt. Auf dessen umfangreiche Kunstsammlung geht das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zurück. 74 Kunstwerke aus dieser Sammlung sollen sich in einem Museum in Simferopol auf der Krim befinden. Weyel möchte sich hier für einen Kontakt einsetzen. Die Rechtshoheit obliegt bei solchen Verhandlungen jedoch der Bundesregierung:

    „Wir werden es weiterverfolgen und die Bundesregierung anhalten, darauf zu drängen, dass die in Simferopol gelagerten Kunstwerke oder zumindest ein Teil davon vielleicht schon anlässlich des Jubiläums des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums am 8. Mai nach Aachen zurückkehren. Der staatsrechtliche Teil hierbei kann eigentlich nur über die Bundesregierung laufen. Die Rückführung im Rahmen einer Städtepartnerschaft wäre jedoch auch ein Gedanke, der allerdings juristisch fraglich ist. Aber grundsätzlich sehe ich hier auch unorthodoxe Möglichkeiten“, so Weyel.

    Das Interview mit Harald Weyel (AfD) zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Geldstrafe für AfD-Politiker: Bystron will 1000 Euro an „Opfer Merkels“ spenden
    IQ-Test zur Bundestagswahl: AfD-Wähler dümmer als andere?
    Neue Studie: Russlanddeutsche wählen eher Linkspartei als AfD
    AfD-Abgeordnete in Damaskus: „Syrien in deutschen Medien grundfalsch dargestellt“
    Tags:
    Verhandlungen, Kulturgüter, Rückgabe, Der Zweite Weltkrieg, Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, Bundesregierung, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Harald Weyel, Aachen, Simferopol, Krim, Polen, Ukraine, Russland, Deutschland