09:37 13 Dezember 2018
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    Flügel von Denis Mazujew vor seinem Konzert in Nowosibirsk (Archivbild)

    Einander blind verstanden – Chefdirigent Thielemann über Konzerte mit Mazujew

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    Nikolaj Jolkin
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    Kontakte zwischen den Künstlern gehen zum Glück ein bisschen an der Politik vorbei, meinte der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, über seine Gastspielreise durch Russland und Europa mit dem russischen Klaviervirtuosen Denis Mazujew.

    „Wie man so in Deutschland sagt, wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Wir freuen uns, wenn wir Musik machen und sie als gute Botschaft bringen. Nicht umsonst spielt ein russischer Pianist mit einem deutschen Dirigenten. Man demonstriert damit, dass man sich auf dem Gebiet einig ist und eben nicht streitet oder anderer Ansicht ist. Wenn wir anderer Ansichten wären, könnten wir nicht zusammen spielen. Wir haben uns irgendwie blind verstanden. Wir sprachen nicht ab, wie wir spielen werden, sondern fangen einfach an. Und das hat wunderbar geklappt, dass man nicht viele Worte machen muss, denn man spielt einfach.“

    Meisterklasse von Thielemann

    Auch der Starpianist Mazujew schätzt den Umgang mit Maestro Thielemann hoch ein und vergleicht dies mit einer großen Meisterklasse. „Wir machen Musik unmittelbar auf der Bühne, während des Auftritts. Und ich bekomme mit jedem neuen Auftritt immer mehr Anregungen zur Musik, die ich sehr oft gespielt habe. Und das Orchester ist geradezu fabelhaft. Ich erlebe eine Art künstlerische Romanze mit diesem Team.“

    Auf die Frage, wie sich ein russischer Pianist und ein deutsches Orchester miteinander reimen, erwiderte Denis Mazujew: „Der Klang hat keine Nationalität. Sicher gibt es eine Überlieferung, eine Vortragsweise. Betritt man aber die Bühne, denkt man nicht an die Nationalität des Klangs, denn wir machen die Musik gemeinsam.“

    Christian Thielemann stellte dabei fest, dass durch die Teilung Deutschlands der Osten sich musikalisch, was die Lehre angeht, mehr nach Moskau orientiert habe.

    „Das ist eine großartige Schule gewesen. Man hört das immer wieder von den Pianisten und Geigern, wie streng hier ausgesiebt worden ist, was gar nicht schlecht tut, wenn man jung ist, dass man auch weiß, wie hart dieser Beruf wird. Wunderbare Lehrer, die es hier gegeben hat und gibt, lobt man immer wieder.“

    Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann (l.), und der russische Klaviervirtuose Denis Mazujew
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann (l.), und der russische Klaviervirtuose Denis Mazujew

    Jemand wie er, der im Westen groß geworden sei, habe das leider eben durch die Mauer gar nicht so mitbekommen, fuhr der Maestro fort. „Man ist eigentlich als Kind des Westens um den Osten betrogen worden, genauso wie das Kind des Ostens um den Westen betrogen worden ist, um dann festzustellen, dass es von Berlin nach Moskau kürzer ist als von Berlin nach Madrid oder Lissabon. Aber in unserem Kopf ist das nicht so. Durch diese Mauer war man im Westen zur anderen Seite hin orientiert. Man war schneller in San Francisco als man von Westberlin aus in Weimar gewesen ist.“

    Deutscher oder russischer Klang?

    Was den Orchesterklang im Zusammenspiel mit Mazujew angeht, so gebe es, meinte Thielemann, verschiedene deutsche Klänge. „Aber wir beeinflussen uns gegenseitig. Wie ich ihn spielen höre, reagiert auch das Orchester auf seinen Klang und auf das, was er macht, und er reagiert natürlich auf unseren Klang. Dasselbe Liszt-Konzert würde mit einem anderen Orchester und einem anderen Dirigenten womöglich auch anders klingen.“

    Das habe weder etwas mit der Nationalität zu tun, ist sich der Stardirigent sicher, aber natürlich schon mit der Tradition, „in der zum Beispiel Denis Mazujew oder ich aufgewachsen sind. Erst, wenn man das richtig selber liebt, dann ist man auch frei, andere Dinge nicht nur zu akzeptieren, sondern sich darauf zu freuen. Wir inspirieren uns gegenseitig.“

    Der deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, fasste zusammen:

    „In Zeiten, die aus anderen Gründen schwierig sein mögen, müssen wir darauf zählen können, dass die vielen guten Brücken, die zwischen Deutschen und Russen bestehen, funktionieren, die Wirtschaft und die Wissenschaft und die Begegnung der Menschen in der Kultur. Es ist ein ungeheures Glücksgeschenk, Kultur aus Deutschland auf so hohem Niveau in Moskau zu Gast haben zu dürfen und zu zeigen, dass sich deutsche und russische Künstler gemeinsam so viel zu sagen haben, dass wir uns in unseren Kulturen so nah stehen und dass wir einander sehr gut verstehen.“

    Mit dem Zweiten Klavierkonzert von Ferenc Liszt im Festspielhaus von Baden-Baden ist Anfang Juni die Europa-Tour der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann und des Klaviervirtuosen Denis Mazujew zu Ende gegangen. Die europäische Gastspielreise schloss auch drei Konzerte in Russland ein. Die eigentliche Tour hatte schon in Dresden begonnen. Darauf folgten Paris, Luzern und Baden-Baden.

    Der komplette Beitrag zum Nachhören:

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    Tags:
    Konzert, Kultur, Partnerschaft, Musik, Christian Thielemann, Denis Mazujew, Europa, Dresden, Deutschland, Russland