07:17 20 Juli 2018
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    „Nazis mit Migrationshintergrund: Deutsch-Rap so judenfeindlich wie Rechts-Rock“

    CC0 / Pixabay/ Jordy
    Kultur
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    Alexander Boos
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    Jahrelang hat Ben Salomo, jüdischer Rapper aus Berlin, die Reihe „Rap Am Mittwoch“ betrieben. „Damit ist jetzt Schluss“, sagte er. Denn: „In der deutschen Rap-Musik grassiert der Antisemitismus.“ Sputnik sprach mit dem Künstler über das Problem des Antisemitismus in Musik und Gesellschaft sowie über den jüngsten Echo-Eklat.

    „In den letzten Jahren habe ich immer mehr ein antisemitisches Klima in dieser Rap-Szene mitbekommen und am eigenen Leib erfahren“, sagte Ben Salomo, jüdischer Musiker aus Berlin, gegenüber Sputnik. „Das ist wirklich immer schlimmer geworden. Immer näher an mich herangekommen.“ Religion spiele in seinem Alltag keine große Rolle, da er das Judentum eher als ethnische Zugehörigkeit zu einer Gruppe versteht.

    Der Rapper und YouTuber hatte vor acht Jahren die Veranstaltungsreihe „Rap Am Mittwoch“ ins Leben gerufen und organisiert. Sie bot jungen Leuten eine Plattform, sich im Rappen (Sprechgesang) und Freestylen zu üben und fand monatlich in einem Berliner Club am Schlesischen Tor statt. In den letzten Jahren bereiste die Reihe regelmäßig deutsche Metropolen wie München, Hamburg oder Düsseldorf. Vor wenigen Wochen gab es das letzte Konzert. Denn nun sei Schluss, sagt Ben Salomo. „Ich habe es jahrelang durchaus geschafft, das Thema aus dem ‚Rap Am Mittwoch‘-Kosmos herauszuhalten. Aber je größer und je bekannter unsere Plattform geworden ist, desto mehr drang der Antisemitismus wieder rein. Für mich war das die Konsequenz, mich aus Protest aus meiner Veranstaltung zurückzuziehen und die damit zu beenden.“

    „In Deutsch-Rap-Szene tummeln sich Nazis“

    Es habe einfach keinen Spaß mehr gemacht. „Wenn diese HipHop-Szene nicht mehr die Werte hat, mit denen ich mich identifizieren kann, dann muss ich konsequent sein und mich aus dieser Szene herausziehen. Jetzt versuche ich von außen, intensiv auf dieses Problem innerhalb der Szene hinzuweisen. Weil von der Szene selbst kommt da leider viel zu wenig. Die Journalisten, die Labels, auch die Künstler nehmen das Thema nicht ernst. Viele sind Mitläufer, nehmen das Thema stillschweigend hin. Dabei muss ich sagen: In der Deutsch-Rap-Szene tummeln sich unfassbar viele Nazis mit Migrationshintergrund."

    Cover des aktuellen Solo-Albums des Rap-Musikers Ben Salomo
    © Foto : Ben Salomo
    Cover des aktuellen Solo-Albums des Rap-Musikers Ben Salomo

    Die Deutsch-Rap-Szene sei „in weiten Teilen“ unterwandert von Menschen, „die selber oder deren Eltern aus Ländern kommen, in denen Antisemitismus und Israel-Hass zur Staatsräson gehört. Diese Einstellungen haben diese Menschen mit nach Deutschland gebracht und teilweise an ihre Kinder weitergegeben. Und diese Einstellungen drangen dann immer mehr in die Rap-Musik ein, weil diese Leute diese Musik als ihr Sprachrohr für sich entdeckt haben.“

    So würden viele Rap-Songs „Ideologien und typische anti-jüdische Theorien, die auch schon die Nazis propagiert haben, verbreiten.“ Die Leute in der Rap-Szene seien von Neonazis nur noch schwer zu unterscheiden, „auch wenn ihr Background nicht deutsch ist, sondern sie aus dem Libanon, der Türkei oder Palästina kommen. Viele Deutsche innerhalb der Rap-Szene haben diese Narrative dann aufgenommen und sind Mitläufer geworden.“

    „Jüdischer Zinssatz“ und „Feindbild Israel“

    Die „wirklich realen“ Grundwerte im HipHop „existieren durchaus noch. Auch bei uns. Aber leider in Bezug auf Juden und Israel wird das – so habe ich das Gefühl – ausgeklammert.“ Oftmals seien aktuelle Rap-Songs „ein Einstieg in einen ganzen Kosmos von Verschwörungstheorien. Wenn zum Beispiel ein Rapper namens Haftbefehl von der ‚Rothschild-Theorie‘ rappt, dann ist das nur ein Schlagwort. Aber ein junger 13-jähriger Fan gibt das als Suchbegriff ein und findet dann zig Propaganda-Videos. Wenn er das länger schaut, ist er ein total gehirngewaschener und vorgeprägter Mensch.“

    Das gleiche gelte auch für Rap-Zeilen wie „jüdischer Zinssatz“ oder Anspielungen auf die angebliche „zionistische Weltverschwörung“, die oft zu hören sind. So entstehe recht schnell das „Feindbild Israel“. Da brauche sich die Gesellschaft nicht wundern, wenn jüdische Kinder in Deutschland gemobbt und angegriffen werden. Dafür gebe es zwar auch viele politische und soziale Gründe. „Aber es hat auch seine Reproduktion in der Rap-Musik.“

    Echo-Eklat: „Gesetzgeber muss einschreiten“

    Zum Echo-Eklat um eine antisemitische Zeile der Rapper Kollegah und Farid Bang meinte Salomo: „Wenn das einfach bloß Rap wäre und die Leute in ihrem Privatleben diese Sachen nicht glauben würden, wäre das kein Problem.“ Aber viele Rap-Musiker „glauben das tatsächlich. Rassistische Witze sind erst dann schlimm, wenn es von einem Rassisten gesagt wird.“

    Viele junge Fans hätten nicht die Zeit und Möglichkeit, „das zu reflektieren.“ Dementsprechend würden die jungen Hörer den Rappern diese antisemitischen Aussagen abkaufen. „Oder Kollegah, der den Helfer des Teufels einen Davidstern-Ring tragen lässt. All das erzeugt eine unheimliche Prägung bei den jungen Zuhörern.“

    Dem Berliner Künstler zufolge sollten Staat und Gesetzgeber einschreiten und „bestimmte Rapper“, die in ihrer Kunst Hass und Hetze propagieren, bestrafen.

    „Das bedeutet: Im Prinzip diese Musiker mit denselben Mechanismen sanktionieren, wie es mit Künstlern aus dem Rechts-Rock gemacht wird. Keine großen und renommierten Konzerthallen mehr. Keine üblichen Vertriebswege. Kein Spotify und kein iTunes mehr. Keine Major-Deals bei etablierten Plattenfirmen. Kein Media Markt, kein Saturn. Genauso, wie das heute mit dem Rechts-Rock gehandhabt wird, müsste das mit diesen speziellen Rappern gemacht werden. Rapper wollen nur Geld verdienen und sind eigentlich nur Populisten. Wenn die sanktioniert werden würden, würden die damit aufhören. Weil: Die wollen nur Geld verdienen.“

    Das würde auch „die Eltern schulen“, wenn diese feststellen, dass ihre Kinder antisemitischen Rap hören. Da müsse ein Umdenken erfolgen – in der Musik-Szene und in der Gesellschaft.

    Deutscher HipHop – Offene Kultur?

    HipHop entstand als Musikrichtung und Jugend- wie Protestbewegung Ende der 1970er Jahre in den schwarzen Ghettos US-amerikanischer Großstädte. Es begann mit politischem Rap, der die Missstände und die Ungleichbehandlung der Afroamerikaner in der US-Gesellschaft thematisierte. Daraus erwuchs über die Jahrzehnte eine mittlerweile weltweit bedeutende Subkultur. In Deutschland sind HipHop und Rap-Musik spätestens seit Ende der 1990er Jahre populär.

    „Das hat damit zu tun, dass die Sozialisierung, die in Deutschland stattgefunden hat, mit der des eigentlichen HipHops in den USA nichts zu tun hat“, analysiert Salomo. „Das kam aus der Bürgerrechtsbewegung, die forderte: ‚Wir wollen gleiche Rechte für die Schwarzen.‘ Viele der Rapper in Deutschland mit Migrationshintergrund konnten sich nie wirklich mit der schwarzen Kultur im HipHop identifizieren und brachten dann ihre eigenen kulturellen Merkmale mit rein.“

    Ben Salomos aktuelles Solo-Album „Es gibt nur Einen“ (bei „Baba City“, Oktober 2016) ist im Handel erhältlich und bei den etablierten Musik-Streamdiensten zu finden. Der Künstler wurde 1977 in der israelischen Stadt Rechovot (etwa 20 Kilometer vor Tel Aviv) geboren und wuchs in Berlin-Schöneberg auf. Seine musikalischen Anfänge begannen in den 1990er Jahren. 2010 gründete er die „Rap Am Mittwoch“-Reihe, deren YouTube-Kanal heute über 2 Millionen Klicks monatlich und 380.000 Abonnenten zählt. Im April 2018 verkündete Salomo seinen Rückzug aus der Reihe. Er rappt meist auf Deutsch, gelegentlich auch auf Ivrit (modernes Hebräisch).

    Das Interview mit Rapper Ben Salomo zum Nachhören:

    Tags:
    Kritik, Islamisten, Migranten, Hip-Hop, Rap, Eklat, Skandal, Echo, Antisemitismus, Juden, Youtube, Ben Salomo, Farid Bang, Kollegah, Türkei, Libanon, Palästina, Israel, Berlin, USA
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