07:23 11 Dezember 2018
SNA Radio
    Etikette (Symbolbild)

    „Du, Angela…“ – Wie das höfliche „Sie“ in Deutschland auszusterben droht

    CC0
    Kultur
    Zum Kurzlink
    Ilona Pfeffer
    20554

    Das Duzen wird in unserer Gesellschaft immer mehr zum Trend, das formale „Sie“ hingegen droht langsam zu verschwinden. Auch Medien, Behörden und Politiker geben sich gern betont freundschaftlich und greifen zum jovialen „Du“. Doch Deutschland ist nicht Amerika und Berlin ist nicht München.

    Wie würde es sich anfühlen, wenn Sputnik Sie plötzlich mit “Du” ansprechen würde? Fändest du das komisch? Irritierend? Respektlos? Keine Angst, noch ist es nicht so weit und wir können beim höflichen, formalen „Sie“ bleiben. Der Trend geht jedoch zum „Du“, besonders in Berlin. Ob Radiosender, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) oder die Berliner Polizei – in der Außenkommunikation setzt man in der Bundeshauptstadt zunehmend auf den lockeren, freundschaftlichen Umgangston.

    >>Andere Artikel von Ilona Pfeffer: Von #Ankerzentren und #Bundestagsbienen – Gezwitscher aus dem Bundestag, Folge 2

    „Weil wir dich lieben“ flötet die BVG und nimmt sich in ihren witzigen Werbeclips selbst gern mal auf die Schippe. „Da für dich“ sagt hingegen die Berliner Polizei und beschwört das Bild vom Freund und Helfer. Solche Slogans sind ganz bewusst gewählt und verfolgen eine Strategie, sagt Professor Joost van Treeck, Wirtschaftspsychologe von der Hochschule Fresenius in Hamburg.

    „Als Berliner Verkehrsbetrieb, auf den immer geschimpft wird, weil er unpünktlich ist, weil er schmutzig ist,  kann ich das dann nutzen. Wenn ich aus einer formalen Beziehung, wo ich das jemandem ankreiden kann, in eine freundschaftliche Beziehung wechsle, dann schaut man schon mal über solche kleinen Schludrigkeiten hinweg: Naja, bei der BVG ist das halt so. Das finden wir dann ganz schrullig und nett.“

    Mensch, wir sind doch eigentlich Freunde!

    Auch unter den Berliner Radiosendern gibt es solche, die ihre Zuhörer ganz konsequent mit „Du“ ansprechen. Auch das sei in der Regel eine sehr bewusste Entscheidung dafür, wie man seine Beziehung zu seinem Publikum oder seinen Kunden definiert, so van Treeck.

    „Bei einem Radiosender, der seine Zuhörer duzt, sagt man von vornherein: Mensch, wir sind doch eigentlich Freunde. Wir wollen kein Machtgefälle zwischen uns als großem Medium und euch als Zuhörern, sondern wir machen uns gemeinsam einen schönen Tag mit einem schönen Programm und ihr könnt daran teilhaben. Solche Sender setzen auch viel mehr auf Call-In-Formate, wo ich anrufen, mir was wünschen und quasi mitgestalten kann. Das ist ein weiterer Faktor, der diese Gemeinschaftlichkeit und Freundschaft darstellt.“

     Das heiße aber nicht im Umkehrschluss, dass Sender, die bei dem formalen „Sie“ bleiben, grundsätzlich als konservativ und steif wahrgenommen werden.

    „Es bedeutet eher verlässlicher, nicht jedem neuen Trend hinterherlaufend, etwas genauer, nicht so reißerisch. Das kommunizieren Sie eben auch über das ‚Sie‘.“

    Berlin ist nicht München

    Wann wir den Wechsel vom „Sie“ zum „Du“ als angemessen empfinden, sei von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Innerhalb unserer eigenen Gesellschaft verbinde uns jedoch eine „soziale Software“, die uns instinktiv spüren lasse, welche Form der Ansprache in der jeweiligen Situation angebracht sei. Dennoch: Was im hippen, internationalen Berlin funktioniert, wäre in München oder Hamburg ein Reinfall, sagt der Wirtschaftspsychologe.

    „Das ist etwas sehr Berlin-spezifisches. So eine BVG-Kampagne in München würde auf gar keinen Fall funktionieren. Grundsätzlich würde ich München als eher formaleren Ort in Deutschland wahrnehmen, wo die CSU regiert, alles sehr konservativ ist, Recht und Ordnung herrscht. In München ist es aufgeräumt, sauber und ordentlich – zumindest im Vergleich mit Berlin. Das Sympathische an Berlin, das Unordentliche, Unorganisierte, etwas Strubbelige würde es in München nicht geben. In Hamburg könnte ich mir auch nicht so gut vorstellen, dass da im Öffentlichen Nahverkehr geduzt wird.“

    >>Andere Artikel von Ilona Pfeffer: Verschleiert Bundesregierung bewusst Umstände der Maas-Mission in Israel?

    Du, Genosse

    Auch in der Politik lässt sich der Trend zum „Du“ beobachten, etwa bei den Sozialdemokraten. Unabhängig von Alter und Rang wird innerhalb der Partei konsequent geduzt – nicht, weil alle bei der SPD so gut miteinander befreundet sind, sondern um Einigkeit zu beschwören.

    „Offensichtliches Verhalten wird genutzt, um noch klarer die Beziehung miteinander zu definieren. Die Sozialdemokraten nennen sich 'Genossen' und wenn man Genosse ist, dann ist das eine freundschaftliche Ebene mit einem gemeinsamen Ziel. Das wird durch das ‚Du‘ ganz klar definiert, dass man nicht formal mit einander ist wie unter Geschäftspartnern. Wenn Gerhard Schröder sich mit einem Juso trifft, dann duzen sie sich auch.“

    Ähnliche Tendenzen lassen sich auch bei Linken und Grünen feststellen, dass eine Angela Merkel oder ein Alexander Gauland mit dem Parteinachwuchs auf Du und Du ist, ist hingegen schwer vorstellbar.

    Stirbt das „Sie“ aus?

    Der Trend zum „Du“ hat viel mit der Globalisierung und dem großen Einfluss der englischen Sprache zu tun, die bei der Ansprache keine Unterschiede  zwischen förmlich und vertraut kennt. In eher konservativen Großunternehmen, die englischsprachige Schwesterkonzerne haben, lässt sich das gut beobachten: Plötzlich duzen sich auch hierzulande der CEO und der Azubi ganz selbstverständlich. In den Niederlanden sei zu beobachten, dass auch in der Gesellschaft das formale „Sie“ immer unüblicher wird, so Joost van Treeck. Für Deutschland sieht der Experte eine ganz ähnliche Entwicklung: „Ich denke, das schwappt nach und nach in die gesamte Gesellschaft über, sodass wir weniger ‚Sie‘ verwenden werden.“

    Das komplette Interview mit Joost van Treeck zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Per Blue Card in die EU – Deutschland Nummer 1 für ausländische Fachkräfte
    Bunt, heiß und kreativ: So sah der CSD in Berlin aus
    So zwitschert sich der Bundestag durch den #Urlaub
    Tags:
    Kommunikation, Trend, Verhältnisse, Beziehungen, Sprache, Globalisierung, Die Grünen, CSU, SPD, Die LINKE-Partei, Gerhard Schröder, Deutschland