02:46 13 Dezember 2018
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    Sterne (Symbolbild)

    Der Herr der Sterne

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    Kultur
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    Matthias Witte
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    Seit fast 20 Jahren schreibt Joachim Schmitz für die Neue Osnabrücker Zeitung über den Tatort. Er schaut sich jede Folge der Kult-Krimiserie mehrfach an und vergibt dann Sterne: Gute Krimis bekommen viele Sterne, weniger gute wenige. Was das mit dem Fußballer Mario Gomez und dem Bundestrainer zu tun hat, hat Schmitz im Sputnik-Interview erzählt.

    Als Tatort-Kritiker wird man nicht geboren. Joachim Schmitz winkt gleich ab. Sein Interesse am ARD-Sonntagskrimi war aber schon immer da. Als die Neue Osnabrücker Zeitung eine tägliche Medienseite beschloss, war der Chefredaktion klar: Schmitz ist unser Mann. Seit knapp 20 Jahren gehört die wöchentliche Besprechung des Sonntagskrimis zu seinen Aufgaben bei dem Blatt.

    Erster Berlinale-Tatort: Alles nur Film?
    © REUTERS / Christian Mang
    20 Jahre sind eine lange Zeit. „Manchmal bin ich des Tatorts schon müde“, lacht der Journalist. „Dann möchte ich den Fernseher nach 20 Minuten ausmachen.“ Weil das aber nicht geht, beißt er die Zähne zusammen und hält durch. Mehr noch: „Die meisten Folgen sehe ich mir zweimal an, zumal dann Dinge auffallen, die man beim ersten Mal nicht gesehen hat.“ Das passiert häufig, und die Meinung zum Film ändert sich – „meistens zum Besseren“. Manchmal aber auch nicht. „Da wird man in seinem Urteil bestärkt, dass da, wo man am Anfang nichts gesehen hat, auch wirklich nichts ist.“

    Schmitz vergibt Sterne für die Filme: von eins (dann lohnt das Einschalten nicht) bis sechs (dann ist der Film ein Muss).

    Letztlich entscheidet der Gesamteindruck über die Anzahl der Sterne. Ein Schema F gibt es nicht:

    „Einen Münster-Tatort kann ich nicht nach Kriterien wie Plausibilität und Wirklichkeitsnähe beurteilen. Dann hätten die Filme jedes Mal nur einen Stern. Genauso kann ich einen Dortmunder oder Kieler Tatort nicht nach dem Kriterium Humor beurteilen – der ist bei diesen Krimis nicht gefragt. Die haben andere Präferenzen.“

    Zu den Kriterien des Kritikers zählen Spannung, Darsteller, Figurenzeichnung, Aufbau, Dramaturgie und Humor. Trotzdem sei kein Tatort wie der andere. Am Ende kommt Schmitz zu einem Ergebnis, das wahrscheinlich von 50 Prozent der Zuschauer für nicht gerecht gehalten wird.

    Zuschauer contra Kritiker: „Das ist nicht wie beim Weitsprung“

    Der Tatort-Kritiker bemüht sich, durch die Zuschauerbrille zu schauen, weiß aber auch, dass nicht alle Zuschauer mit derselben Brille vorm Fernseher sitzen: „Man kann sich darauf verlassen: Wenn ich einem Film fünf Sterne gebe, gibt es einige Zuschauer, die ihm nur ein oder zwei Sterne gegeben hätten.“ Umgekehrt sei es genauso, seufzt der Journalist: „Es gibt genug Leute, die sagen: Wenn du einen Film verreißt, dann ist er meistens super. Und wenn ich einen Film lobe, schauen sie ihn sich erst gar nicht an.“

    An das Los hat sich Schmitz inzwischen gewöhnt. „Damit muss ich leben. Eine Kritik ist eine subjektive Sache. Das ist jetzt nicht wie beim Weitsprung, wo man sagen kann, er ist bei 6 Meter 36 gelandet.“ Es ist wie mit einem Länderspiel, wenn 80 Millionen Deutsche vor der Glotze sitzen und Bundestrainer sind. „Das kann man gut vergleichen. Montags bekomme ich jede Menge Post mit Kritik an meiner Kritik. Genauso wie viele Fußballfans nach einem Länderspiel wissen, wen sie anstelle von – sagen wir – Mario Gomez aufgestellt hätten. Das gehört dazu und ist auch ein bisschen der Spaß an der Sache.“

    „Weimar versucht, das Münster des Ostens zu sein“

    Jeder Zuschauer hat seine Favoriten. Manche Tatort-Teams sind allerdings beliebter als andere. So haben die Ermittler in Münster (Axel Prahl und Jan-Josef Liefers) im vergangenen Jahr mit über 15 Millionen Zuschauern einen neuen Rekord aufgestellt. Dagegen hat der Weihnachts-Tatort aus Weimar (Nora Tschirner und Christian Ulmen) nicht einmal sechs Millionen vor die Fernseher gelockt. „Daran sieht man, welche unterschiedliche Akzeptanz die unterschiedlichen Tatorte beim Publikum haben. Das ist überraschend, weil Weimar im Prinzip auf dasselbe Konzept wie Münster setzt: auf Klamauk. Weimar versucht, das Münster des Ostens zu sein. Darum ist es für mich unverständlich, warum der eine Krimi beim Zuschauer so schwach abschneidet und der andere so gut.“ Einen tatsächlichen Qualitätsunterschied kann Schmitz zwischen den beiden Tatort-Reihen nämlich nicht ausmachen.

    Was im Westen der Tatort, war im Osten der „Polizeiruf 110“. Inzwischen laufen beide Krimireihen Sonntagsabends in unterschiedlicher Reihenfolge im Ersten. Schmitz sieht keine signifikanten Unterschiede:

    „Jeder Polizeiruf könnte als Tatort durchgehen. Erstaunlich ist, dass der Polizeiruf auch nach so vielen Jahren bei der Zuschauerquote zwei bis drei Millionen unter denen des Tatorts liegt, nur weil er Polizeiruf heißt. Dabei ist er oft der bessere Tatort. Wenn ich Matthias Brandt in München sehe oder Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner in Rostock, dann muss ich sagen: Es gibt viele Tatorte, die erreichen deren Niveau nicht.“

    Im Tatort und im Polizeiruf sieht Schmitz die letzte große Spielwiese für Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspieler – und zwar zur besten Sendezeit.

    Davon können Sie sich am Wochenende selbst überzeugen. Am Sonntag läuft wieder ein Tatort aus Weimar. „Es ist wieder ein Klamauk-Tatort, im Rahmen der ganzen Reihe. Deutlich wird das schon am Titel: ‚Die robuste Roswita‘. Der Plot ist dermaßen absurd, dass sich Weimar sogar selbst übertrifft.“ Mehr will der Kritiker noch nicht verraten, nur so viel: „Trotz des Klamauks kommen die Zuschauer auf ihre Kosten.“

    Die Kritik zum Tatort „Die robuste Roswita“ aus Weimar, Ausstrahlung am Sonntag, 26.08. um 20.15 Uhr in der ARD, im ORF und im SRF, lesen Sie vorab auf www.noz.de.

    Das komplette Interview mit dem Tatort-Kritiker Joachim Schmitz finden Sie hier:

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    Tags:
    TV-Serie, Kultur, Kriminalität, Serie, TV, Fernsehserie Tatort, ORF, ARD, Mario Gomez, Münster, Osnabrück, Deutschland