12:19 17 Oktober 2018
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    Gruppenfoto mit Preisträgern (von links nach rechts – Baillou, von Fritsch, Schwydkoi, Bolz, Fjodorowa, Stillmark, Aralowa, Sborowskaja

    Merck-Übersetzerpreis an drei Russinnen verliehen – für übersetzte deutsche Literatur

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    Nikolaj Jolkin
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    Wir lernen einander erst über unsere Literatur kennen, denn durch die Werke des Anderen schauen wir uns eigentlich in die Seele. Wir wissen warum er darüber lacht, warum er traurig ist, was ihm wichtig ist. So begrüßte der Botschafter Deutschlands in Moskau, Rüdiger von Fritsch, die Übersetzer, Preisträger des pharma-chemischen Unternehmens Merck.

    Wer könne aber schon ein Buch in einer anderen Sprache lesen, fragte er. „Deswegen sind wir auf die große Kunst der Übersetzer angewiesen. Sie festigen die kulturellen Verbindungen zwischen Russland und Deutschland dadurch, dass sie in Russland Interesse an der deutschen Literatur wecken. Deutsche und Russen haben immer durch die Geschichte ein ungewöhnlich hohes Interesse füreinander gezeigt. Und das war damit verbunden, dass wir uns auch um die Sprache des Anderen bemüht haben.“

    Bis heute wird in Russland zunehmend wieder viel Deutsch gelernt, so der Botschafter.

    „In Deutschland wird, hoffen wir, auch zunehmend Russisch gelernt. Übersetzen bedeutet Übertragen. Es bedeutet, die Geisteswelt des Anderen zu kennen. Gut übersetzte Literatur ist eine ganz große Leistung und etwas ganz Wunderbares, wenn man in einer anderen Sprache ein Werk genießen kann.“

    Michail Schwydkoi, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten in Fragen der internationalen kulturellen Zusammenarbeit, äußerte auch, dass die materielle Unterstützung, die für die Merck-Preisträger vorgesehen sei und die eine ganze Million Rubel ausmache, es ihnen erlauben werde, sich wenigstens für eine bestimmte Zeit ausschließlich auf ihre schöpferische Arbeit zu konzentrieren. „Im Endeffekt werden wir Leser davon profitieren.“

    • Schwydkoi (l.) und Baillou
      Schwydkoi (l.) und Baillou
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    • Rüdiger Bolz
      Rüdiger Bolz
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    Schwydkoi (l.) und Baillou

    Schwydkoi sagte weiter: „Möchte man Deutschland irgendwie begreifen, muss man sich Thomas Mann etwa in der Übersetzung von Solomon Apt vornehmen. Auf diese Weise bekommt man einen tieferen Einblick in das Deutschtum als auf jede andere. In Russland hat es stets eine große Übersetzungstradition gegeben, da in der Sowjetunion das eigene literarische Schaffen oft unmöglich war. Pasternaks Gedichte wurden nicht gedruckt, so beschäftigte er sich mit der Übersetzung von,Faust‘. Möglicherweise hätte Goethe nicht akzeptiert, was Pasternak aus,Faust‘ gemacht hat. Für uns aber, wenn wir diese seine Übersetzung lesen, ist gerade das echt Goethe.“

    Schwydkoi verwies auf das aus seiner Sicht wichtigste Problem der heutigen Welt, nämlich auf das gegenseitige Unverständnis. Deshalb sind ihm zufolge gute literarische Übersetzungen so wichtig. Denn die Übersetzer seien die großen Fremdenführer durch eine andere Literatur, „und gerade sie prägen ihr Gesicht.“

    Laut dem Leiter des Goethe-Instituts Moskau Rüdiger Bolz hilft die Literatur die Welt zu erschließen:

    „,Krieg und Frieden‘ auf Deutsch,,Faust‘ auf Russisch,,Madame Bovary‘ auf Japanisch. Wenn wir Werke schöngeistiger Literatur lesen, fällt uns aber die Frage selten ein, wer dahinter steht.“

    Dazu erzählte er folgende Anekdote: „Goethe war bereits 80, als er zum ersten Mal eine französische Übersetzung des,Faust‘ in die Hand bekommen hatte. Sein Übersetzer war 18. Goethe sprach gut Französisch. Er hat die Übersetzung auf das Gründlichste studiert, und dann hat er dem jungen Übersetzer geschrieben, er habe jetzt erst sich selbst verstanden. Und ergänzte in einem anderen Gespräch, auf Deutsch mag ich den,Faust‘ nicht mehr lesen, aber in dieser Übersetzung ist er lebendig, frisch und jung. Es weist darüber darauf hin, dass die Übersetzertätigkeit im Grunde eine mindestens so kreative Aufgabe ist wie das Verfassen des Originals.“

    Laut dem Leiter des Goethe-Instituts Moskau Rüdiger Bolz hilft die Literatur die Welt zu erschließen
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Laut dem Leiter des Goethe-Instituts Moskau Rüdiger Bolz hilft die Literatur die Welt zu erschließen

    Der Förderpreis des Goethe-Instituts für das Übersetzerdebüt ging an Tatjana Sborowskaja, die zwar eine junge Übersetzerin ist, aber schon 50 Veröffentlichungen zu verbuchen hat, darunter Übersetzungen von Heinrich Böll, Max Frisch und Ingo Schulze.

    Zum zweiten Mal wurde in Moskau der Merck-Preis für die besten literarischen Übersetzungen von Werken deutscher Autoren ins Russische verliehen. In der Kategorie „Belletristik“ ist Nina Fjodorowa für die Übersetzung Christa Wolfs „Moskauer Tagebücher. Wer wir sind und wer wir waren“ ausgezeichnet worden.

    „Als mir angeboten wurde, dieses Buch zu übersetzen, sagte ich gern zu, weil ich Christa Wolf persönlich gekannt und ihre Werke auch vorher übersetzt hatte. Auch die Menschen, an die sich Wolf in dem Buch wendet, habe ich gekannt. Deshalb übersetzte ich mit einem besonderen Gefühl.“

    Natalia Stillmark gewann den Preis in der Kategorie „Populärwissenschaftliche Literatur“. Sie hatte das Buch von Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren — Die Entdeckung einer verborgenen Welt“ übersetzt: „Ich habe immer selbst die Bücher gewählt, die ich übersetzt habe. Ich weiß, dass Deutsche ein besonderes Verhältnis zu den Wäldern haben. Die Arbeit an dem Buch ist mir leicht gefallen, weil ich selbst dem Wald nahe stehe. Auch alle meinen Vorfahren haben ihn gemocht. Die Hauptidee des Buches ist, dass die Bäume den Menschen ähnlich sind. Mir war eben daran gelegen, das dem russischen Leser zu vermitteln.“

    Jekaterina Aralowa, die den Preis in der Kategorie „Kinder- und Jugendbücher“ für die Übersetzung „Das große Buch vom Räuber Grabsch“ von Gudrun Pausewang erhalten hatte: „Die halbjährige Arbeit an der Übersetzung war eine immer tiefere Bekanntschaft mit dieser Räuber-Familie. Es war quasi das Zusammenleben mit neuen Verwandten.“

    Der Vorsitzende des Gesellschafterrates der E. Merck KG Johannes Baillou betonte, der Konzern habe den Übersetzerpreis dazu gestiftet, um den Abstand zwischen den russischen Lesern und den deutschen Autoren und somit auch der Kultur Deutschlands zu verringern.

    „Mag sein, dass das damit zusammenhängt, dass die Familie Merck sich immer schon sehr stark für Literatur interessiert hat. Einer unserer Ahnen war ein Freund von Goethe. Angeblich hat er (das wird immer wieder behauptet) das Vorbild für Mephisto in Goethes,Faust‘ gewesen. Und er hat Goethe am Anfang seiner Karriere stark unterstützt. Als Unternehmen fördern wir diesen kulturellen Austausch mit dem Ziel eines besseren Verständnisses zwischen den Völkern.“

    Die E. Merck KG feierte in diesem Jahr ihr 350. Jubiläum und 120 Jahre Tätigkeit in Russland.

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    Tags:
    Literatur, Kultur, Verbindung, Verleihung, Faust, Merck-Übersetzerpreis, Goethe-Institut, Johann Wolfgang von Goethe, Russland, Deutschland