16:01 19 Oktober 2018
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    „Völkerverständigung pur“ – Wie Musik Russen und Deutsche verbindet

    © Sputnik / Wladimir Astapkowitsch
    Kultur
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    Alexander Boos
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    Die Hansestadt Hamburg unterhält eine Partnerschaft mit der russischen Metropole Sankt Petersburg. Dieser Umstand führte in den frühen 90ern zur Gründung der Gartow-Musik-Stiftung in Hamburg. „Wir fördern seitdem Musiker aus Sankt Petersburg und Russland“, sagt Bettina Gräfin von Bernstorff von der Gartow-Stiftung gegenüber Sputnik.

    „Uns verbindet seit 1992 schon ganz viel mit Sankt Petersburg“, sagte Bettina Gräfin von Bernstorff, Geschäftsführender Vorstand in der Gartow-Stiftung, im Sputnik-Interview. „1992 haben wir diese Stiftung gegründet, die sich speziell darauf konzentriert, junge Musiker aus Russland in der Ausbildung zu unterstützen. Das ist entstanden, weil es damals ein persönliches Treffen mit einem russischen Pianisten gab, der fragte, ob man da nicht etwas tun könne. Egal wo: Auf den Straßen, auf den Plätzen – überall spielten fantastische Musiker in der russischen Stadt. Alle bestens ausgebildet. Aber sie hatten keine Verdienstmöglichkeiten. Da dachten wir: Wir würden gern etwas für sie tun. Und zwar längerfristig.“ Daraufhin entstand die Idee, die „Gartow-Stiftung“ für „Freunde der Musik in Sankt Petersburg“ zu gründen.

    Bei einem Privat-Konzert von Hamburger und russischen Musikern im Jahre 1991 auf Schloss Gartow im Hannoverschen Wendland in Niedersachsen „berichtete ein russischer Pianist von den Schwierigkeiten des Musiklebens in Sankt Petersburg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion“, heißt es auf der Homepage der Hamburger Stiftung. „Inspiriert von seinem Spiel und beeindruckt von seinen Schilderungen über das berühmte, traditionsreiche Rimski-Korsakow-Konservatorium gründeten wir spontan eine Stiftung. Wir wollen unseren Beitrag leisten, die Fortführung der großen Musiktradition in Russland zu unterstützen.“

    Keine Stars: „Wir fördern die Jugend“

    „Ein intensiver Dialog begann zwischen uns und den Professoren und Studierenden in Sankt Petersburg“, so die Stiftungs-Website weiter. „Wir lernten uns kennen, freundeten uns an, halfen bei der Beschaffung von Instrumenten, veranstalteten Wettbewerbe, vermittelten Reisen russischer Studentinnen und Studenten nach Deutschland und Europa. Wir fördern die individuelle Weiterbildung von besonders begabten russischen Nachwuchsmusikerinnen und Nachwuchsmusikern aus Sankt Petersburg im internationalen Ausland.“

    Hauptziel der Musik-Stiftung sei es, „junge Leute in der Ausbildung zu fördern“, erklärte die Gräfin vom Stiftungsvorstand. „Also jetzt keine Stars, weil die kommen auch ganz gut ohne uns durchs Leben. Wir haben am Anfang sehr viel musikalische Ausrüstung gespendet – also Notenständer, einen Steinway-Konzertflügel, Stühle … Danach haben wir überlegt: Was machen wir noch?“

    Konzerte „nach Leistungsprinzip“

    Daraus sei die Idee einer professionellen Musiker-Förderung „nach Leistungsprinzip“ entstanden.

    „Also haben wir Musik-Wettbewerbe durchgeführt“, erklärte die Stiftungs-Sprecherin. „Dabei boten die russischen Jung-Musiker vor einer internationalen Jury ihre Stücke dar. Die Jury-Mitglieder kamen aus Europa, den USA, Deutschland – wo immer wir in Kontakt stehen. Ungefähr 10 Jahre lang haben wir diese Wettbewerbe gemacht. Für Sänger, Blechbläser, Holzbläser.“ Irgendwann sei die Ausrichtung der Wettbewerbe durch die Hamburger nicht mehr notwendig gewesen, da in Russland „Ende der 90er Jahre eigene Wettbewerbe entstanden waren“. Das Land holte wirtschaftlich, sozial und kulturell auf.

    „Hauskonzerte spielten im bürgerlichen Europa des 19. Jahrhunderts eine besondere gesellschaftliche Rolle“, erklärt die Stiftung auf ihrer Homepage. „Wir haben diese Tradition wieder aufleben lassen. Bei unseren Hauskonzerten bekommen russische Musiktalente die Möglichkeit, in privaten Häusern vor geladenen Gästen aufzutreten, ihr Können zu präsentieren und Auftrittserfahrungen zu sammeln. Gastgeber und Gäste begegnen den russischen MusikerInnen in persönlicher Atmosphäre, lernen einander kennen und kommen ganz nah und intensiv mit Musik in Berührung. Ein wunderschöner Beitrag zur weiteren Annäherung von Russen und Deutschen – oder auch: Völkerverständigung pur.“

    Hamburg unterstützt russische Musiker

    Die Stiftung unterstütze jährlich etwa 100 russische Musiker, die sich in Ausbildung befinden, betonte die Stiftungs-Sprecherin. Sie können sich für Stipendien und weitere Fördermaßnahmen bewerben. „Die Musik-Studenten kommen aus Sankt Petersburg nach Hamburg, zu Hauskonzerten, und sie profitieren von Meisterkursen, die wir wiederum in Petersburg organisieren." 

    Mitte September erhielt die Gartow-Stiftung im Auswärtigen Amt in Berlin eine Auszeichnung im Rahmen des „Deutsch-Russischen Jahres der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018“. Dabei überreichte Matthias Platzeck (SPD), früherer Ministerpräsident von Brandenburg, Frau Gräfin von Bernstorff einen Preis.

    Im November: Stifter-Konzert in Hansestadt

    „Wir haben am 16. November unser Stifter-Konzert“, blickte sie voraus. „Das findet alljährlich in Hamburg statt. Dieses Jahr im Spiegelsaal. Da laden wir alle unsere Stifter und Unterstützer ein.“ Das geschäftsführende Vorstandmitglied bat im Interview um Spenden. Das liege aktuell daran, dass viele Spender und Stifter älter werden oder teilweise auch wegbrechen. Somit fehlten der Stiftung im jährlichen Etat heuer einige Mittel.

    „Wir verfügen über kein Stiftungskapital, aus dessen Erträgen wir unsere Arbeit finanzieren könnten“, berichtet die Website der Gartow-Stiftung. „Jeder Euro, der gestiftet wird, fließt direkt in die laufenden Projekte. Durch die großartige Hilfe unserer vielen Stifterinnen und Stifter konnten wir bisher jedes Jahr zwischen 100.000 und 120.000 Euro dem Stiftungszweck zuführen. Damit das so bleibt, brauchen wir auch Ihre Unterstützung.“

    Ebenso würde sich die Stiftungs-Vertreterin wünschen, dass das Kultur-Engagement der Hamburger in Russland bekannter werden würde – auch über Sankt Petersburg hinaus.

    Das Radio-Interview mit Bettina Gräfin von Bernstorff (Gartow-Stiftung) zum Nachhören:

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    Tags:
    Verständigung, Orchester, Völker, Musik, Gartow-Stiftung, SPD, Bettina Gräfin von Bernstorff, Matthias Platzeck, Sowjetunion, Niedersachsen, Hannover, Hamburg, Berlin, St. Petersburg, Deutschland, USA, Russland