14:19 15 November 2018
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    Werner Herzog (2l.) und Michail Gorbatschow (2r.) beim persönlichen Treffen

    Werner Herzogs „Meeting Gorbachev“ – Zwei Legenden zum Anfassen

    © Foto : Lena Herzog
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    Armin Siebert
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    Was für ein Gipfeltreffen! Der legendäre deutsche Regisseur Werner Herzog trifft den Architekten von Perestroika und Glasnost und damit Wegbereiter der deutschen Einheit Michail Gorbatschow. Dreimal haben die beiden sich getroffen. Entstanden ist daraus ein packender und doch warmherziger Dokumentarfilm, der gerade in Leipzig Premiere feierte.

    „Meeting Gorbachev“, der neue Dokumentarfilm von Star-Regisseur Werner Herzog über Michail Gorbatschow, eröffnete am 29. Oktober das berühmte Dokfilm-Festival in Leipzig. Herzog war auch selbst zu Gast bei der Premiere im Leipziger Cinestar und stellte dem Film mahnende Worte voraus:

    „Ich glaube, dass die Dämonisierung Russlands ein Fehler ist. Ich glaube, dass Russland ein natürlicherer Partner für den Westen ist als andere Mächte.“

    Am Eröffnungsabend des Festivals berührte Herzog die Gäste aus aller Welt mit seinem Film, der parallel zum Premierenkino auch noch in der Wartehalle des Leipziger Hauptbahnhofs gezeigt wurde. Herzog wollte sich später dort unters Volk mischen, um die Reaktion der Menschen zu erleben.

    Gipfeltreffen zweier Charismatiker

    Der erste Eindruck, den der Film hinterlässt, ist der von Respekt, den Herzog dem letzten Präsidenten der Sowjetunion zollt. Dabei hat Herzog auf seinem Gebiet auch nicht wenig aufzuweisen. Und der Münchner ist nicht unbedingt als umgänglicher Gesprächspartner und Regisseur bekannt. Mit dem deutschen Kult-Schauspieler Klaus Kinski war Herzog in den 1970er Jahren dem Wahnsinn nahe

    Michail Gorbatschow (r.) trifft Herzogs Drehteam
    © Foto : Lena Herzog
    Michail Gorbatschow (r.) trifft Herzogs Drehteam

    Nicht so bei „Meeting Gorbachev“ (geplanter Titel auf Deutsch „Gorbatschow — Eine Begegnung“). Hier treffen zwei Charismatiker aufeinander, wobei es offensichtlich Gorbatschow gelingt, dem eigenwilligen Regisseur den Ton zu diktieren.

    Herzog ist gut zehn Jahre jünger, fühlt sich aber anscheinend durchaus mit Gorbatschow einer Generation zugehörig. Zwei Männer blicken zurück auf (Lebens-)Geschichte. Und den Anfang macht der Krieg, den Herzog nur als Kleinkind gespürt, Gorbatschow schon als Jugendlicher mit den Deutschen als Feind gegenüber bewusst erlebt hat.

    Herzog provoziert gleich mit seiner ersten Frage: „Die ersten Deutschen, die Sie gesehen haben, wollten Sie töten.“ Gorbatschow antwortet mit einem klaren „Nein!“ und erzählt von den freundlichen russlanddeutschen Bäckern mit dem leckeren Kuchen in seinem Geburtsort im Ural.

    So übernimmt Gorbatschow das Ruder in dieser Tour de Force durch sowjetische und damit Weltgeschichte. Und Herzog lässt Gorbatschow erzählen – sicher nicht nur aus Altersmilde, sondern in erster Linie aus Bewunderung für das Lebenswerk Gorbatschows.

    Die Büchse der Pandora geöffnet

    Gorbatschows frühe Jahre werden von Herzog sehr persönlich erzählt. Der Tenor der Unterhaltung bleibt geschichtlich. Gorbatschow, der bereits zur Schulzeit Politiker wurde, als er in die kommunistische Partei eintrat, war schon in seiner nordkaukasischen Heimat als junger Landwirtschaftsaktivist berühmt für seine Volksnähe. Diese Art bewahrte er sich bis in die höchsten Ränge der Nomenklatura.

    Nachdem die „senilen Fossile“ Breschnew, Andropow und Tschernenko innerhalb weniger Jahre dahingerafft wurden, was Herzog in seinem Film mit schwarzem Humor darstellt, wird Gorbatschow 1985 jüngster Staatschef in der Geschichte der Sowjetunion. Sofort suchte er das Gespräch mit den Werktätigen und Bauern, um die Probleme der Gesellschaft aufzudecken, deren es zuhauf gab. Mitte der 1980er Jahre übernahm der Aufsteiger aus der Provinz in Moskau einen Laden, der nicht mehr rund lief. Der einzige Ausweg hieß Perestroika: ein kompletter Umbau der Gesellschaft, auch wenn der junge Reformer damit die Büchse der Pandora öffnete.

    Die Weltuntergangsuhr zurückgedreht

    Viele Dinge hat man verdrängt, zum Beispiel, wie Gorbatschow mit der Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl umgehen musste. Dies war ein Schlüsselerlebnis für den jüngsten Vorsitzenden, den die Sowjetunion je gesehen hatte, sich ab da vehement für die Abschaffung von Atomwaffen einzusetzen.

    Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, dass Gorbatschow persönlich die Weltuntergangsuhr um zehn Minuten zurückgestellt hat, als er mit dem INF-Vertrag die erste große Abrüstungswelle zwischen den USA und der Sowjetunion einleitete. Entsprechend besorgt äußert sich Gorbatschow auch im Film über die in den letzten Jahren wieder steigende Aufrüstung, die gerade mit der Ankündigung des Ausstieges der USA aus dem INF-Vertrag einen Höhepunkt erfährt.

    Neuer Wind aus Moskau

    Mit dem Abrüstungstauwetter zwischen den beiden Supermächten war das Ende des Kalten Krieges eingeleitet und der Weg für die deutsche Wiedervereinigung bereitet. Gorbatschow insistiert, dass diese Schritte von ihm, von der Sowjetunion ausgingen.

    Auch die anderen Ostblock-Länder spürten den neuen Wind aus Moskau. Während die DDR sich abschirmte, probte Ungarn den Aufstand. Der ungarische Wende-Premierminister Miklos Nemeth (1988-1990) öffnete im März 1989 3,5 Kilometer Grenzzaun zu Österreich – auch um Gorbatschow zu testen. Und Moskau schritt nicht ein. Der Rest ist Geschichte.

    Der Prophet im eigenen Land…

    Die Person Michail Gorbatschow ist insofern tragisch, als der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Während er als einer der wichtigsten Politiker in die Weltgeschichte eingehen wird, ist Gorbatschows Erbe zuhause in Russland umstritten. Ihm wird die Auflösung der Sowjetunion angelastet, was den ehemaligen Präsidenten bis heute trifft.

    Dies kreidet Gorbatschow wiederum zu Recht seinem Nachfolger Boris Jelzin an. Der hatte eigene Machtambitionen und opferte die Sowjetunion, um sich als Präsident der Russischen Föderation zu profilieren. Gorbatschow meint im Rückblick: „Ich hätte Jelzin zum Teufel jagen sollen. Aber so ist mein Naturell nun mal nicht.“

    Gorbatschow war im Nachhinein bestürzt von den Geistern, die er rief. Das Ende der kommunistischen Sowjetunion war nie sein Ziel – nur ihre Erneuerung. Gorbatschows Vision sei es gewesen, die Sowjetunion und Europa zusammenzubringen, sagt auch Horst Teltschik, der damalige Sicherheitsberater Helmut Kohls, im Film. Diese Vision hat sich bis heute nicht erfüllt.

    „Wir Deutschen lieben Sie, Mister Gorbatschow.“

    Herzog geht mit Gorbatschow nicht hart ins Gericht in Bezug auf dessen mögliche Fehler als Präsident der implodierenden Sowjetunion. Herzog geht milde und voller Sympathie mit dem kränkelnden Ex-Präsidenten um. Der Regisseur ist mehr daran interessiert, herauszukitzeln, wie so ein Gigant der Welt Geschichte fühlte, während er diese mitschrieb. Ein Deutscher fragt einen Russen.

    Gorbatschow hält Deutschland für den wichtigsten Partner Russlands. „Das Schicksal hat unsere beiden Völker verbunden.“ Herzog lässt sich im Gespräch mit dem Präsidenten der deutschen Wiedervereinigung sogar zu einem „Wir Deutschen lieben Sie, Mister Gorbatschow, und ich persönlich liebe Sie auch“ hinreißen. Und man glaubt ihm seine aufrichtige Bewunderung und Dankbarkeit.

    „Man hat mir das Leben genommen, als meine Frau starb“

    Berührend wird Herzogs Film vor allem, wenn es um Gorbatschows Frau Raissa geht. Die Liebe der beiden war immer offensichtlich. Nach Raissas Krebstod 1999 zog sich Gorbatschow mehr oder weniger aus der aktiven Politik zurück. Auf Herzogs Frage bestätigt Gorbatschow, dass er sich noch an alles, an das Lachen, an das Parfüm seiner Frau und „noch an vieles mehr“ erinnern kann. „Man hat mir das Leben genommen, als meine Frau starb.

    Werner Herzog (l.) und Michail Gorbatschow (i.d.Mitte)
    © Foto : Lena Herzog
    Werner Herzog (l.) und Michail Gorbatschow (i.d.Mitte)

    Herzog beschreibt Gorbatschow am Ende des Films als einsamen Mann. Auf der Pressekonferenz erzählt der Regisseur, dass der 87-jährige Ex-Präsident allein auf einer Datscha außerhalb von Moskau wohnt. Seine Tochter und die Enkelkinder leben in Berlin und haben ihn wohl länger nicht besucht. Gorbatschow selbst kann aufgrund seiner Gebrechlichkeit auch nicht mehr reisen. In den nächsten Tagen will Ko-Regisseur André Singer ihn besuchen, um ihm den Film zu zeigen.

    Den Amerikanern ihre eigene Perestroika

    Der 87-jährige russische Politiker wirkt gesundheitlich angeschlagen, aber in Herz und Geist hellwach und leidenschaftlich. Eine leichte Verbitterung ist Gorbatschow anzuhören. Er hat den Amerikanern und der westlichen Welt die Hand gereicht. Diese haben sich dann als Sieger verhalten:

    „Die Amerikaner denken, sie haben den Kalten Krieg gewonnen, und das ist ihnen zu Kopf gestiegen.“

    Der ehemalige Präsident der Sowjetunion meint in Herzogs Film auf die Frage, was er denn jetzt dem amerikanischen Volk sagen würde: „Ich wünschte, die Amerikaner würden ihre eigene Perestroika machen, anstatt darüber zu streiten, wer ihre Computer gehackt hat.“

    „Eine provokante Lüge“

    Aktuelle Politik – Putin, die Krim, die Ukraine – taucht im Film nur am Rande auf. Wobei sich Gorbatschow durchaus zu all diesen Dingen geäußert hat. Nur eben nicht in diesem Film. Gorbatschows Begeisterung über die Rückkehr der Krim zu Russland ist bekannt, wie Herzog auf der Pressekonferenz bestätigt.

    ​Der Regisseur selbst hat durchaus auch eine eigene Meinung zur aktuellen Russlandpolitik. Herzog findet es nachvollziehbar, dass sich Russland von der Nato „essentiell bedroht“ fühlt, sagt er auf der Pressekonferenz in Leipzig. Dass die amerikanischen Raketenabwehrsysteme in Rumänien und Polen Europa vor dem Iran schützen soll, hält Herzog für „eine provokante Lüge“.

    Der Regisseur findet es allerdings „toll, dass Trump Putin trifft, obwohl die gesamte amerikanischen Öffentlichkeit dagegen ist. Das ist ähnlich wie damals Reagan mit Gorbatschow, da haben auch erst alle gelacht. Gorbatschow sagte zu mir: Wir haben beide über den Horizont hinausgeschaut. Das hoffe ich jetzt auch wieder.“

    „Wir haben's versucht.“

    „Meeting Gorbachev“ ist kein Kunstwerk um der Kunst willen geworden, sondern in erster Linie ein geschichtliches Zeitdokument und lebendiger Nachlass Michail Gorbatschows. Handwerklich einwandfrei mit erklärendem Archivmaterial und Einordnungen von Zeitzeugen, lebt Herzogs Film vor allem von der Nähe zu dem sowjetischen Politiker. Interessant wird sein, ob der Film den „Totengräber der Sowjetunion“ auch den Russen wieder etwas näherbringen und sie versöhnen kann. Gorbatschow meint im Film mit einem Augenzwinkern, auf seinem Grabstein könnte doch stehen „Wir haben‘s versucht.“

    Herzogs Film als Eröffnung des Dokfilm-Festivals in Leipzig auszuwählen, könnte nicht passender sein. Denn das Symbol des Leipziger Festivals ist die Friedenstaube.

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    Tags:
    Perestroika, ZK der KPdSU, Kommunistische Partei, Wladimir Putin, Boris Jelzin, Juri Andropow, Leonid Breschnew, Werner Herzog, Michail Gorbatschow, Ural, Moskau, USA, Deutschland, Leipzig, Russland, Russische Föderation, Sowjetunion