05:47 11 Dezember 2018
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    „Drei Schwestern“ im Deutschen Theater Berlin

    Tschechows „Drei Schwestern“ als Transgender - in Berlin

    © Foto : Arno Declair
    Kultur
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    Andrej Iwanowski
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    Mit Anton Tschechows Stücken lässt sich ziemlich alles machen, sonst hätten sie nicht zu den weltweit meist gespielten gehört. Bei jeder Neuinszenierung muss man sich aber etwas Neues einfallen lassen, damit die altbekannte Story das Publikum aufs Neue beeindruckt. Das Deutsche Theater Berlin versuchte das nun mit radikalem chirurgischem Eingriff.

    So hat die Regisseurin Karin Henkel alle weiblichen Rollen mit Männern besetzt. Zur Verstärkung des Verfremdungseffekts, würde man annehmen. Genauer gesagt: Die Schauspieler Benjamin Lillie, Bernd Moss und Michael Goldberg spielen nicht nur die drei Protagonistinnen, sondern auch ihre Ehemänner bzw. Verehrer, genauso wie Felix Goeser den Andrej, den Bruder der drei Schwestern, aber ebenso seine Ehegattin Natascha mimt.

    Weg mit der Schauspielerei

    Zwischendurch ziehen die „Transgender“-Schwestern dazu noch Puppen-Masken an, was den Verfremdungseffekt wohl zusätzlich verstärken soll. Die Mimik der Schauspieler, eigentlich ein ganz wesentliches Element der Schauspielerei, wird quasi eliminiert. 

    „Drei Schwestern“ im Deutschen Theater Berlin
    © Foto : Arno Declair
    „Drei Schwestern“ im Deutschen Theater Berlin

    Eigentlich hatte das japanische Kabuki-Theater dies bereits im 17. Jahrhundert praktiziert: Alle Frauenrollen wurden von Männern übernommen, gespielt wurde in Puppen-Masken. Die Assoziation der meisten Zuschauer dürfte dabei aber eher in Richtung Zirkus-Klamauk und Clown-Masken gehen.

    Ein Klamauk ist dies jedoch im Deutschen Theater keinesfalls: Tschechows Text ist von bitterer Traurigkeit getragen. Es geht um Vergänglichkeit, Vergeblichkeit, Verzweiflung und Vergessen. „Die Zeit wird kommen, und wir werden für immer gehen“, sagt eine der Schwestern in der Schlussszene. „Man wird uns vergessen, unsere Gesichter, unsere Stimmen und wie viele wir waren …“

    „Nach Moskau, nach Moskau!“

    Apropos „eines der meist gespielten Theaterstücke“: Im scheidenden Jahr waren auf den Moskauer Bühnen mindestens drei „Drei Schwestern“-Versionen zu sehen. In einer davon, die eben als Klamauk gedacht war, sollten die Protagonistinnen kein Mitleid hervorrufen: Die Unzufriedenheit mit ihrem Leben wurde quasi auf ihr unbefriedigtes Libido reduziert. Die Olga etwa, die im Stück als einzige ohne Liebesleben bleibt, wiederholt dauernd: „Ich würde meinen Ehemann lieben.“

    In einer anderen Version ließ der Regisseur alle Figuren auf einem winzigen Fleckchen der Vorderbühne spielen, während der restliche Bühnenraum durch einen dichten Birkenwald abgesperrt war. Da sollte es wohl niemanden wundern, dass die Schwestern aus dieser tristen Enge ausbrechen wollen und dauernd „Nach Moskau, nach Moskau!“ rufen.

    Auf der Bühne des Künstlertheaters, wo das Drama 1901 uraufgeführt worden war, wird es heute im giftigen Neonlicht gespielt, die Bühne karg mit quasi-IKEA-Artikeln möbliert. Die Dialoge werden weitgehend gefühllos vorgetragen, die Schauspielerei wird auf ein Minimum reduziert – wohl mit dem gleichen Ziel, den „nackten“ Text wirken zu lassen. Übrigens: Die Rolle von Baron Tusenbach, den glücklosen Verehrer der Irina, spielt eine Frau. Die am nächsten liegende Erklärung dafür: Bei der Schauspielerin handelt es sich um die Gattin des Regisseurs, die keine der Schwestern spielen wollte.

    „Ein gewaltiger Sturm kommt auf uns zu“

    Die Absicht von Regisseurin Henkel geht in Berlin voll auf: Recht bald spielt es keine Rolle mehr, dass nur lauter Männer auf der Bühne sind, der Zuschauersaal konzentriert sich auf den Text. Diesen hat man, wohlgemerkt, ebenfalls radikal gekürzt, inklusive ein paar Figuren. Was vielleicht im Sinne des Autors wäre. In einem Brief an seine Frau schrieb Tschechow nämlich: „Zu viele handelnde Personen. Es wird zu eng. Ich befürchte, dass es nicht klar rüberkommt.“

    „Rüberkommen“ tut die Botschaft sehr wohl, besonders die Aussage, die von Tschechow 1900 in weiser Voraussicht formuliert wurde und heutzutage nicht weniger krass zu spüren ist: „Eine neue, gewaltige Zeit kommt auf uns zu, ein starker Sturm ist im Anmarsch, er kommt, er ist schon ganz nah…“

    Plakatiert wird diese Aussage bei Henkel durch das spektakuläre Spiel mit der Bühne, die hin und wieder in Schieflage gerät, so dass die Figuren und die Gegenstände darauf aus dem Gleichgewicht geraten.

    Der große Auftritt des Superstars

    Das gesamte rund zweistündige Happening in Berlin könnte bei Tschechow die Augenbrauen hoch steigen lassen. Hätte der Autor im November 2018 im Zuschauersaal des Deutschen Theaters auf einem der rotsamtenen Sessel gesessen, wäre er gegen Ende wohl doch auf seine Kosten gekommen. Denn die abschließenden 20 Minuten dominiert Angela Winkler das Geschehen. Mit ihren knapp 75 Jahren mimt der Superstar die 25jährige Irina. Das heißt, sie trägt das gleiche hellblaue Kleid.

    Der Text, den sie gefühlvoll vorträgt, ist aber eine Kompilation der Texte aller Schwestern. Sie schütten in der Schlusssequenz die ganze Schwermut und die ganze Verzweiflung auf die Zuschauer aus, lassen aber auch eine wage und naive Hoffnung in der Luft schweben. „Es scheint, als ob wir schon bald erfahren werden, wozu wir leben und wozu wir leiden … Bloß das weiß niemand, das weiß niemand!“

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    Tags:
    Transgender, Theateraufführung, Anton Tschechow, Russland, Berlin, Deutschland