16:35 15 Dezember 2018
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    Stück „Rettet den Kammerjunker Puschkin“

    Stanislawski erobert Spreemetropole: Moskauer Theater bekommt Spielstätte in Berlin

    © Foto : Theater „Schule des modernen Bühnenstücks“
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    Nikolaj Jolkin
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    Einer der beliebtesten Theater in Moskau, die „Schule des modernen Bühnenstücks“, eröffnet am 1. Dezember eine Spielstätte in Berlin. Nun will sie regelmäßig, zweimal im Monat, einige Aufführungen von ihrem Spielplan im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin zeigen. Sputnik sprach mit dem Theaterchef und Regisseur Josef Raichelhaus.

    Der Gründer und künstlerische Leiter des Theaters während der 30 Jahre seines Bestehens Josef Raichelhaus rechnet damit, dass seine Vorstellungen nicht nur von Landsleuten aus der ehemaligen Sowjetunion, die inzwischen in Berlin leben, sondern, was für ihn besonders wichtig ist, auch von Deutschen besucht werden – sowohl von denjenigen, die des Russischen mächtig sind, als auch von solchen, die es nicht beherrschen. Für Letztere sollen Untertitel erstellt werden. „Heute befinden sich Russlands Beziehungen zu der Welt in einem Zustand, der uns dazu verpflichtet, die Kultur und die menschlichen Kontakte so lange es geht aufrechtzuerhalten“, sagte der Chef-Regisseur bei der Ankündigung der Bühne.

    Theaterchef Josef Reichelhaus
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Theaterchef Josef Reichelhaus

    Diesen Gedanken griff der Moskauer Kulturminister, Alexander Kibowski, auf: „Im Hinblick darauf wollen wir unsere Beziehungen nicht nur auf offizieller Staatsebene gestalten, sondern auch über private Initiativen, ähnlich wie beim Theater von Raichelgaus. Informell werden wir einander besser hören können. Deswegen wünschen wir uns, dass dieses Theater von deutschem Publikum besucht wird, und nicht nur von der russischsprachigen Diaspora.“

    Kulturminister Alexander Kibowski (l.) und Theaterchef Josef Reichelhaus
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Kulturminister Alexander Kibowski (l.) und Theaterchef Josef Reichelhaus

    Er stellte insbesondere fest, dass beispielsweise trotz aller Hindernisse im Zentrum von Berlin, auf dem Gendarmenmarkt schon seit zwei Jahren am 8. Mai das Konzert „Lieder des Sieges“ stattfindet – mit Unterstützung des Senats von Berlin. „Wir betrachten dies als ein für uns wichtiges Zeichen des Wohlwollens. In diesem Jahr hatte das Konzert 27.000 Gäste. Das ist deutlich mehr als bei der ersten Veranstaltung. Dabei wurde das Lied ‚Meinst du, die Russen wollen Krieg?‛ von allen Anwesenden mitgesungen, Deutsch und Russisch. Es waren nicht nur Berliner da. Einige waren aus Hamburg oder sogar aus München gekommen.“

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    Das Theater „Schule des modernen Bühnenstücks“ wird seine Spielzeit in Berlin mit „Rettet den Kammerjunker Puschkin“ eröffnen. Im Gespräch mit „Sputnik“ erläuterte Raichelgaus, warum er gerade diese Aufführung nach Berlin bringt: „Auf der einen Seite enthält sie einen historischen Rahmen: Puschkin, d’Anthès, ihr Duell. Auf der anderen gibt es unsere Zeitgenossen, mit dessen Leben dieses Duell, diese Zeit, diese Figuren zusammenhängen. Mir liegt viel an dieser Aufführung. Nicht nur wegen der Relation zwischen Geschichte und Gegenwart, sondern auch, weil darin meine Schüler von der Russischen Akademie für Theaterkunst mitwirken, die mit Deutschland und Berlin eng verbunden sind. Sie sollen den Zuschauern zeigen, wie das Stanislawski-System, auf das die russische Theaterwelt stolz ist, auf der Bühne umgesetzt wird.“

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    Doch soll das Publikum, sagt der Regisseur weiter, darüber hinaus noch zwölf Aufführungen zu sehen bekommen. „Wir wollen auch ein Kinderstück zeigen, das wir 900 Mal, stets vor vollem Haus, gespielt haben. Wir werden auch alle unsere musikalischen Erfindungen demonstrieren. Nach der Vorstellung werden wir Besprechungen mit deutschen Zuschauern veranstalten. Wir sind die Schule des modernen Bühnenstücks, so gestalten wir selbst klassische Stücke neu, wenn wir sie inszenieren. Etwa Gogols „Mantel“ heißt bei uns „Mantel/Paletot“. Darin wurden moderne Musik und moderne Gedichte eingefügt. Während es bei Gribojedow „Verstand schafft Leiden“ heißt, spielen wir „Russische Leiden… infolge des Verstands“.

    • Stück „Rettet den Kammerjunker Puschkin“
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    Bezüglich des Puschkin-Stücks räumte Raichelgaus jeden Zweifel aus, ob die darin enthaltenen zutiefst sowjetischen Realien dem deutschen Zuschauer auch einleuchten. „Der Zuschauer ist überall intelligent. Auch wenn er mit den Realien nicht vertraut ist, begreift er gleichwohl den Querschnitt des Lebens, den wir schildern. Er wird den Sinn des Geschehens hier und jetzt sehen. Sind die Darsteller motiviert und genau, arbeiten sie nach unserer Methode, indem sie nicht zeigen, sondern durchleben, fühlt es das Publikum sofort.“

    Der Regisseur hofft darüber hinaus, im Laufe des Jahres ein Projekt mit modernen deutschen Theaterstücken entwickeln und starten zu können. Zugleich möchte er irgendein modernes russisches Stück an ein deutsches Theater vermitteln. „Es ist schön, wenn Menschen auf der Ebene des Theaters, der Kultur und der menschlichen Beziehungen miteinander verbunden sind. Genau das streben wir an.“

    Auf lange Sicht könnten auch andere Moskauer Theater in Europa ihre Spielstätten eröffnen. Geplant sind ferner Gemeinschaftsprojekte mit deutschen Regisseuren und Schauspielern sowie ihre Gastspiele in Moskau. 

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    Tags:
    Konzert, Theater, Alexander Puschkin, Berlin, Deutschland, Russland