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    „Das Taschentuch nass weinen, kann ich später“ – Berlinale-Chef Kosslick tritt ab

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    In wenigen Tagen startet die 69. Berlinale. Für Festivalchef Dieter Kosslick wird es die letzte sein. Seinen Abschied vor den Journalisten des Vereins der ausländischen Presse (VAP) in Berlin nutzte er sowohl für einen Rück- als auch Ausblick. Das betraf vor allem auch die langjährigen Beziehungen des Festivals zum sowjetischen und russischen Film.

    Als Dieter Kosslick 2002 als Direktor der Berlinale anfing, gehörte zu seinen ersten Amtshandlungen die Produktion eines bis heute gültigen Image-Trailers. Die Berlinale hat unter Kosslicks Leitung den Status als eines der drei wichtigsten Festivals für Filmkunst in der Welt behaupten können. Ewiger Begleiter, das Auf und Ab von Kritik und Lob für das Programm, mal zu viel, mal zu wenig Kommerz oder Arthaus-Kino, mal zu wenig, mal zu viel deutsche Filme.

    „Ich erinnere mich noch, im allerersten Jahr waren es vier deutsche Filme. Und ich war kurz nach der Berlinale in Moskau, und ein Filmjournalist, der mich dort interviewt hat, hat gesagt, ja, wollen sie denn das internationale Flair der Berlinale zerstören? Sie haben ja jetzt nur noch deutsche Filme!“

    Die Berlinale war auch immer Begegnungsstätte während des Kalten Krieges. Ein Vierteljahrhundert dauerte es, bis der DDR-Starregisseur Konrad Wolf 1978 in der Berlinale-Jury saß. Das war nur möglich, weil zuvor die Sowjetunion ihren Boykott der Berlinale beendet hatte. 1975 erhielt der Film "Hundert Tage nach der Kindheit" einen Silbernen Bären. 1977 Larissa Schepitkos "Aufstieg" sogar den Goldenen. 2018 konnte Elena Okopnaya einen Silbernen Bären für Kostüme und Produktionsdesign in Alexej German Juniors Sittengemälde der Breschnew Ära "Dovlatov" erringen.

    >>>Mehr zum Thema: Erster Berlinale-Tatort. Alles nur Film?<<<

    2019 sind keine russischen Filme im Wettbewerb. Darauf angesprochen, ob das Verhältnis zur russischen Filmindustrie und den dortigen staatlichen Behörden schwierig sei, antwortet Dieter Kosslick mit Gelassenheit:

    „Ich würde mal sagen, das Verhältnis ist jetzt nicht besser geworden in den letzten Jahren, aber wir sind immer noch Russland-minded. Und wenn es einen gibt, dann nehmen wir den auch. Und das haben wir ja auch gezeigt, mit Bären ausgezeichnete Filme. Also, es gibt nicht irgendwas, wo wir sagen, die russische Cinematographie ist bla-bla-bla, das sind alles nur Wellen, die mal so sind und mal so.“

    Und Russland ist ja durchaus bei der Berlinale 2019 dabei. Zum Beispiel mit "Kislota". Der Debütfilm von Alexander Gorchilin feiert in Berlin seine internationale Premiere und befasst sich mit der Sinnsuche heutiger russischer junger Erwachsener. In der Reihe "Panorama 40" wird "100 Tage, Genosse Soldat“ aus dem Jahr 1990 wiederaufgeführt, der zwei kontroverse Themen der russischen Gesellschaft aufgreift, Gewalt in der Armee und Homosexualität. Und der Film "Ein russischer Junge" aus dem Jahr 2017 erzählt eine tragische Geschichte während des ersten Weltkrieges.  

    Über die Beziehungen der Berlinale während der Existenz der Sowjetunion kann Kosslick nur gutes sagen:

    „Meine historische Empfindung mit Sowjetunion und Berlinale war eigentlich, dass das supergut lief. Es gab da supergute Verbindungen. Und deshalb gab es auch viele Filme aus der Sowjetunion, und es war hochpolitisch. Die Berlinale wurde sowohl von den Amerikanern als auch, ich sag jetzt mal Russen, sie verstehen mich schon, was ich meine, von den beiden auch benutzt als kulturelle Plattform und als Plattform im Ost-West-Konflikt und im Kalten Krieg.“

    Der Kalte Krieg spielt auch eine Rolle im Film von Agnieszka Holland. Die bekannte polnische Regisseurin tritt mit dem Streifen „Mr. Jones“ im Wettbewerb an. Er erzählt die Geschichte des walisischen Journalisten Gareth Jones, der Anfang der 1930er Jahre über eine Hungerkatastrophe in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine berichtet. Jones machte Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft für die Katastrophe verantwortlich. Jones wurde schon damals eine fragwürdige Nähe zu Nazis und insbesondere Hitler unterstellt. Ukrainische Politiker bemühen sich immer wieder, die Hungersnot als Völkermord zu deklarieren. Russland ehrt der Toten, aber ist nicht alleine mit der Zurückweisung des Genozid-Vorwurfs. Historiker streiten sich international über die tatsächlichen Ursachen und Hintergründe für diese Tragödie.  

    >>>Mehr zum Thema: Russischer Film auf Berlinale ausgezeichnet<<<

    Vom nichtstaatlichen russischen Fernsehsender RTVi gefragt, inwieweit dieser Film unbequem für russische Behörden oder das dortige Publikum sein könnte, erinnerte Kosslick daran, dass auch derartige Dramen verschiedene Dimensionen haben, die auch der Film widerspiegelt:

    „Das ist nicht nur dieser Hungertodfilm, obwohl es ziemlich brutal ist, es ist auch der Film über Politik und wie damals so Achsenmächtepolitik getrieben worden ist. Also, es ist ein sehr interessanter Film. Und ich glaube sogar, er könnte in ihrem Land – man schaut sich das nicht gerne an, das würde ich auch nicht gerne anschauen – aber das ist ein sehr gut gemachter Film, und ich glaube, das ist für die Leute ganz interessant und aufschlussreich.“ 

    Für Kosslick ist „Mr. Jones“ aber vor allem deshalb interessant, weil Gareth Jones den Schriftsteller George Orwell zu seinem Buch „Animal Farm“ (Farm der Tiere) inspiriert haben soll. Bis heute wird es für antisowjetische Propaganda genutzt. Warum der bekannte Animationsfilm „Farm der Tiere“ aus dem Jahr 1954 in seinem Ende deutlich von der Buchvorlage abweicht, hat einen Grund, den die britische Journalistin Frances Stonor Saunders 1999 in ihrem Buch „Who Paid the Piper? The CIA and the Cultural Cold War'' enthüllte. Orwells Witwe hatte die Filmrechte nach seinem Tod ohne es zu ahnen an Strohmänner des CIA verkauft. Denen war das Original nicht antikommunistisch genug.

    Für Dieter Kosslick spielt das alles keine Rolle mehr. Er ist glücklich, wie er sagt, dass er 18 Jahre Direktor dieses wunderbaren Filmfestivals sein durfte.

    „Das Taschentuch vollweinen kann ich auch später noch.“

    Tags:
    Chef, Rücktritt, Filmfestival, Berlinale, Dieter Kosslick, Russland, Berlin, Deutschland
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