06:01 10 Dezember 2019
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    Der Gründer und Chefregisseur des Theaters, Josef Reichelhaus (r.)

    Fanfare ruft: Russen kommen! (mit der Theaterkunst)

    © Foto : Mordvinova/Theater „Schule des modernen Schauspiels“
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    Nach dem Einzug in das berühmte Gebäude* am Trubnaja-Platz in Moskau, das nach dem Brand von 2013 wiederhergestellt wurde, gibt das Theater „Schule des modernen Schauspiels“ wieder zwei Vorstellungen in seiner Filiale im Russischen Haus in Berlin.

    Der Gründer und Chefregisseur des Theaters, Josef Reichelhaus, ist mit den ersten Vorstellungen der Filiale durchaus zufrieden. „Erfreulich ist das Interesse der Zuschauer und ihre Reaktion auf die Schauspieler. Die Übersetzung wird auf dem Bildschirm gezeigt. Ich sehe im Zuschauerraum internationale Ehepaare, etwa eine russische Frau mit deutschem Ehemann oder umgekehrt. Ich sehe Jugendliche, die mit ihren Eltern einst ausgewandert sind und vom russischen Theater keine Ahnung haben. Und sie entdecken es und dadurch auch die russische Literatur. Dies ist an unserem Projekt das Wertvollste. Gerade jetzt, im Hinblick auf die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen sollte man kulturellen Austausch pflegen, statt sich mit den USA zu messen, wer von beiden mehr Raketen besitzt und in welcher Entfernung sie die größte Gefahr füreinander darstellen.“

    Das Theater von Reichelhaus ist in Deutschland schon seit der Zeit der Biennale Bonn bekannt, die zu den bedeutendsten Festspielen für modernes Drama gehört hat, wobei seine Aufführungen stets stürmische Debatten auslösten, die laut dem Regisseur viel länger dauerten als die Schauspiele selbst. Danach gastierte das Theater mehrmals in Deutschland und hat nun in Berlin eine Filiale eröffnet, in der es zweimal monatlich Stücke zeigt, die mit großem Erfolg auch in Moskau laufen.

    Die Filiale ist nicht ohne räumlichen Bezug eröffnet worden, merkte Reichelhaus im Sputnik-Gespräch an. „In Berlin sind viele russische Regisseure bzw. Regisseure russischer Herkunft tätig.“ Und das Berliner Musiktheater „Kabarett Lori“ übernahm die Aufführung von Reichelhaus „Wieso haste denn ’nen Frack an“, bei der Schauspieler Moskauer und Berliner Theater mitwirkten. Reichelhaus rechnet damit, dass sich seiner Initiative das Puschkin-Theater und andere Moskauer Schauspielhäuser anschließen, mit finanzieller Unterstützung des Kulturreferats der Moskauer Stadtregierung.

    Balletttänzerinnen begrüßen Gäste
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Balletttänzerinnen begrüßen Gäste

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    Im Februar zeigt das Theater „Schule des modernen Schauspiels“ zwei Spitzenstücke von Reichelhaus: „Das Haus“ und Gogols „Der Mantel“, allerdings nicht ganz nach Gogol. „Das Haus“ läuft in Moskau seit inzwischen 15 Jahren, und der Großteil der Truppe ist darin engagiert. Die Aufführung setzt sich, so der Regisseur, aus zwei Teilen zusammen. „Der erste spielt in unseren Tagen. Es ist eine moderne Geschichte, bei der die Zuschauer auch an ihre eigene Lebenserfahrung erinnert werden.“

    Stück „Der Mantel“
    © Foto : Theater „Schule des modernen Schauspiels“
    Stück „Der Mantel“

    Ein erfolgreicher Arzt ist zu dem Schluss gekommen, dass sein Glück ohne ein gutes Landhaus mit allem Komfort unvollständig bleibt. Das Geld reicht ihm allerdings nicht dazu. Da wird er unangenehm überrascht: Es erweist sich, dass keiner von seinen wohlhabenden Patienten bereit ist, seinen Privatarzt mit einer unbefristeten Anleihe zu belohnen. Im zweiten Teil aber wird ein Film von Sergei Solowjow vorgeführt, der diese Figuren ins 19. Jahrhundert versetzt, in dem man in eigenen Häusern gewohnt und in einer anderen zeitlichen Dimension gelebt hat.

    Josef Reichelhaus (l.) und Schauspieler des Stücks Das Haus
    © Foto : Marija Kultschinskaja
    Josef Reichelhaus (l.) und Schauspieler des Stücks "Das Haus"

    Bei dem „Mantel“ handelt es sich um eine Erstaufführung nach Gogol, „der in unserem Theater sozusagen gewendet auftritt. Neben dem klassischen Text von Gogol spielen wir mit ihm. Da gibt es Musik von Maxim Dunajewski, es gibt Jazz, der Hauptpart des armen Beamten Baschmatschkin wird von Dmitri Choronko gesungen(!). Dazu kommt, dass die ganze Handlung auf Eis spielt, weil der Newski-Prospekt in Petersburg von Eis bedeckt ist. Deshalb treten die Darsteller in Schlittschuhen auf“.

    Stück „Der Mantel“
    © Foto : Theater „Schule des modernen Schauspiels“
    Stück „Der Mantel“

    Das, was in Berlin gezeigt wird, ist eine ungewöhnliche Interpretation des „Mantels“ von Gogol, eines klassischen Werks, das von Leiden eines „kleinen Mannes“ handelt. Dabei wird aber auch festgestellt, dass alle Menschen gleich sind und jeder des Mitgefühls wert ist, unabhängig von seiner Stellung, selbst ein niedriger Beamter. Und während wir alle laut Dostojewski dem „Mantel“ von Gogol entsprungen sind, hat Reichelhaus seine Aufführung so gestaltet, dass alle versuchen, in den Mantel zurückzukehren. „Deshalb endet das Stück damit, dass der Schneider Petrowitsch für alle Zuschauer einen Gogol-Mantel näht.“

    Der Gründer und Chefregisseur des Theaters, Josef Reichelhaus während der Probe des Stücks Das Haus
    © Foto : Olga Schwetsowa
    Der Gründer und Chefregisseur des Theaters, Josef Reichelhaus während der Probe des Stücks "Das Haus"

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    Reichelhaus lässt die Darsteller nicht nur mit Gogols Text, sondern auch mit dem Publikum spielen: Man bekommt nicht gleich mit, wann die Vorstellung startet und wann sie zu Ende geht; ehe man sich’s versieht, wird man selbst in die Handlung einbezogen. Auf den Vorwurf der Theaterkritiker, man dürfe mit der Klassik nicht so frei umgehen, erwidert der Regisseur: „Doch, man darf es. Unserer "Schule des modernen Schauspiels" ist es erlaubt, selbst mit der Klassik zu scherzen. Ein klassischer Dichter erfährt dadurch keinen Abbruch. Im Nachteil bleibt irgendein Gegenwartsautor, der im Theater nicht aufgeführt wird“.

    Reichelhaus beklagt sich darüber, dass die Mehrheit seiner Kollegen moderne Autoren außer Acht lässt, in der Meinung, es wären alles schwache Dramatiker, während diese Regisseure in Moskau zum dreißigsten und fünfzigsten Mal „Hamlet“, Molière, Ostrowski und Tschechow auf die Bühne bringen. Er selbst nimmt sich ein Beispiel am Theater der Antike, wo ein Stück, morgens von dem Dichter verfasst, am gleichen Tag bzw. Abend gespielt wurde, sowie am Markttheater des Mittelalters, an Shakespeare und Molière, die jedes neue Stück sofort mit ihren Schauspielern aufführten. „Das Maly Theater Moskau mit Ostrowski und das Künstlertheater mit Tschechow und Gorki waren ja auch Schulen des modernen Schauspiels. Sie führten Werke ihrer Zeitgenossen auf, genauso wie wir.“

    *Historiker haben Beweise entdeckt, dass im wiederhergestellten Gebäude des Theaters am Trubnaja-Platz Ende des 19. Jahrhunderts das Hotel und das trendige Restaurant „Ermitage“ untergebracht waren, wo von dem berühmten Koch Lucien Olivier der Salat aus Wurst und sauren Gurken mit Mayonnaise-Sauce erfunden wurde, der bisher in Russland gern gegessen und in Deutschland als Russischer Salat bezeichnet wird. Tschaikowski feierte dort seine traurige Hochzeit, und Tschechow diskutierte mit seinen Verlegern den Vertrag über die Gesamtausgabe seiner Werke.

    Gogols „Der Mantel“ wird am 8. Februar und „Das Haus“ am 9. Februar 2019 im Konzertsaal des Russischen Hauses der Wissenschaft und Kultur in Berlin (Friedrichstraße 176-179) gespielt. Beginn ist um 19 Uhr, Tickets können an der Abendkasse sowie Online zum Preis von 15 Euro erworben werden.

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