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23:50 18 September 2019
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    Die Oper „GerMANIA“

    Hitler und Stalin im Duett: Oper „GerMANIA“ für internationalen Preis nominiert

    © Foto : Stofleth
    Kultur
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    Ein Werk mit Brisanz: Hitler und Stalin liefern sich posthum auf der Bühne ein tödliches Duett. Die Oper „GerMANIA“ des Komponisten Alexander Raskatov basiert auf der Dramenreihe Heiner Müllers. Bei den International Opera Awards ist sie in der Endauswahl zur „Besten Weltpremiere 2018“. Sputnik hat mit dem Komponisten über seine Arbeit gesprochen.

    Im Jahr 2018 sind Josef Stalin und Adolf Hitler wiederauferstanden, singen ein Duett auf der Bühne und bringen musikalisch den Schrecken der Geschichte zurück. In der Oper „GerMANIA“ des russischen Komponisten Alexander Raskatov fechten die beiden Diktatoren einen ganz persönlichen Kampf des Größenwahns aus, weit  von der Realität entrückt. Sie sind umgeben von den Gräueltaten der Kriegsparteien, dem Schrecken der Zivilisten und schrillen Flugsirenen, die vor Bomben warnen. In der Aufführung in der Opéra Lyon laufen sie zu düster-erschreckenden Melodien auf Leichenbergen, die die minimalistische Kulisse des englischen Regisseurs John Fulljames bilden.

    Die Oper „GerMANIA“ basiert auf den Dramen „Germania Tod in Berlin“ und „Germania 3 Gespenster am toten Mann“ des bedeutenden DDR-Dramatikers Heiner Müller. Diese Werke konzentrieren sich nicht auf Hauptfiguren, stattdessen sollen die Schrecken und Probleme von totalitären Systemen geschildert werden. Sputnik sprach mit Komponist Alexander Raskatov  über seine Oper und ihren Ursprung in Müllers Stücken.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Russisch-Deutsche Kulturdiplomatie – „Russian Seasons 2019“ in Deutschland eröffnet<<<

    „Das kann jederzeit überall wieder passieren“

    „Im Jahr 2014 hat sich der Direktor des Lyoner Opernhauses, Serge Dorny, an mich mit der Idee gewandt, eine Oper nach Heiner Müllers Germania-Texten zu schreiben“, erzählt Raskatov. „Ich las die Texte und war sofort Feuer und Flamme für die Idee.“ Für den Komponisten schildern die Dramen kein einmaliges Ereignis, sie zeigen stattdessen wie aktuell das Thema nach wie vor bleibt: „Germania handelt nicht nur von Deutschland, nicht nur von der Sowjetunion jener Zeit. Es ist auch ein Buch, das eine ganz allgemeine Warnung ausspricht. Ich bin zwar kein Politiker und habe diese Oper auch nicht in politischer Hinsicht geschrieben: Aber wenn man sich die heutige Weltlage anschaut, kann so eine Sache – rein von der Natur des Menschen her betrachtet – an jedem Ort dieses Planeten wieder passieren.“

    © Foto : Stofleth

    Raskatovs Biographie fließt ebenfalls in die Opernbearbeitung „GerMANIA“: „Ich hätte nie so ein Thema angerührt, wenn nicht mein persönliches Schicksal und das meiner Familie damit so eng verknüpft wäre“, bemerkt er. „Aber ich habe immer die Fotografien vor Augen: Mein Großvater, der nach Beendigung des Kriegs acht Jahre in Workuta verbracht hat. Meine Verwandten väterlicherseits, denn mein Vater wurde in Kiew geboren und viele aus seiner Familie sind unter der Nazi-Besatzung gestorben. Mein Onkel, der im Alter von 22 während des Krieges in einem Panzer verbrannt ist – übrigens auf dem Territorium der jetzigen Ukraine. Meine Mutter, die den ganzen Krieg als Ärztin mitgemacht hat und über 400 Menschen vom Schlachtfeld gezerrt und gerettet hat. Sie ist von Stalingrad bis nach Prag mit den Truppen gezogen. Ich weiß, wie modisch zurzeit die Themen Hitler und Stalin und so weiter sind, aber in meinem Verhältnis zu diesem Thema war nichts Spekulatives, das habe ich sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen.“

    Die Oper zeigt unter anderem eindringlich die Angst und Indoktrination der Zivilisten: Drei deutsche Ehefrauen von Wehrmachtsoffizieren nehmen sich  vor dem Einmarsch der Roten Armee das Leben
    © Foto : Stofleth
    Die Oper zeigt unter anderem eindringlich die Angst und Indoktrination der Zivilisten: Drei deutsche Ehefrauen von Wehrmachtsoffizieren nehmen sich vor dem Einmarsch der Roten Armee das Leben

    Die Kompositionen selbst enthalten viele historische Fakten und Anspielungen. „Was Hitler und Stalin als Schlüsselfiguren betrifft, so wissen wir, wie Hitler gesprochen hat. Diesen verkörpert ein Tenor mit einem gigantischen Stimmumfang und großem Reichtum an besonderen vokalen Kunstgriffen“, bemerkt der Komponist. Zu der schrillen Stimme des „Führers“ stoßen musikalische Zitate hinzu, zum Beispiel das Soldatenlied „Der gute Kamerad“. Unter den Nationalsozialisten stieg es als „Ich hatte einen Kameraden“ zu einer Art „faschistischer Hymne“ auf.

    Das Duett der Diktatorengiganten
    © Foto : Stofleth
    Das Duett der Diktatorengiganten

    Hitlers Widerpart Josef Stalin steht  in der Oper mit seinen tiefen Bass in starkem Kontrast. Außerdem muss der Sänger nach den Partiturangaben des Komponisten mit georgischem Akzent  singen. Für die sowjetische Seite transformiert der Komponist die weltweite Hymne der Arbeiterbewegung „Die Internationale“ in eine „blasphemische Darstellung“, die des ursprünglichen Sinnes beraubt ist.  Raskatovs Version ertönt in einer Szene, die nach Ansicht des Komponisten „die ganze Relativität dieses Begriffs zeigt“. Ein Mann, zuerst als Kommunist im KZ, wird nach der Befreiung des Lagers durch sowjetische Truppen ins nächste Lager geführt – diesmal als „Anti-Kommunist“. „Das Ganze wird noch dadurch unterstrichen, dass diese Musik von Balkonen ertönt, wo ein getrenntes zusätzliches Bläserorchester sitzt.“ – als Metapher dafür, dass es von oben verordnet wurde, weit weg vom Kampfgeschehen und ohne jeglichen differenzierenden Blick.

    Der Verlust der Kultur als Folge der Weltkriegswirren

    Gegen Ende der Oper finden die Folgen der Weltkriegswirren auf die Nachkriegsgeneration ihren Niederschlag in der Gestalt eines rosa Riesen – eine historische Anspielung auf den Boulevard-Titel des  DDR-Serienmörders Wolfgang Schmidt. „Der rosa Riese ist die vollkommen zerfallene, sadistisch-perverse Generation, der jegliche innere Kultur fehlt, die in dieser Szene mit einer gewissen Rockmusik assoziiert wird. Und die Hysterie dieses Riesen, der noch höher als Hitler singt, macht ihn zu einer Art transformiertem Hitler der heutigen Zeit, mit all seinen Pathologien, an denen er im Grunde nicht schuld ist, weil ihn die Erziehung in den Kriegswirren und der Nachkriegszeit geprägt hat, wie der Text Heiner Müllers es selbst andeutet. Die Musik des rosa Riesen unterstreicht also den Verlust von Kultur in unserer Zeit, den Verfall aller sittlichen und moralischen Kriterien der Gesellschaft, in der wir eigentlich bis heute leben. Der rosa Riese zeigt das vollkommen zerlegte Bewusstsein des Gegenwartsmenschen als ein Produkt aus all den Ereignissen, die zuvor passiert sind“, erklärt Raskatov.

    Die Oper endet wie in Heiners Müllers „Germania 3“ im Kosmos mit Juri Gargarins ersten Worten eines Menschen im All: „Dunkel ist der Weltraum, Genossen, sehr dunkel“
    © Foto : Stofleth
    Die Oper endet wie in Heiners Müllers „Germania 3“ im Kosmos mit Juri Gargarins ersten Worten eines Menschen im All: „Dunkel ist der Weltraum, Genossen, sehr dunkel“

    Alexander Raskatovs Oper „GerMANIA“ schaffte es bei International Opera Awards unter die sieben Finalisten für die Auszeichnung zur besten Opern-Weltpremiere des Jahres 2018. Am 29. April wird der Gewinner bekannt gegeben.

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    Tags:
    Nominierung, Verbrechen, Oper, Krieg, Musik, Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus (Nazismus), International Opera Awards, Alexander Raskatov, Heiner Müller, Adolf Hitler, Josef Stalin, Sowjetunion, Lyon, Deutschland, Frankreich