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10:34 16 Juli 2019
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    Ein historischer Foliant im Museum

    Wem gehören kriegsbedingt nach Russland verlagerte deutsche Bücher?

    © Sputnik / Wladimir Astapkowitsch
    Kultur
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    Nikolaj Jolkin
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    In Moskau wurde ein Katalog von Büchern aus der Bibliothek des Grafen Carl-Hans von Hardenberg, eines Urgroßneffen des preußischen Staatskanzlers Karl August Fürst von Hardenberg, eines der großen Reformatoren in der deutsch-preußischen Geschichte, präsentiert, der das Ergebnis eines jahrhundertelangen Sammelns darstellt.

    Karl-Hans Graf von Hardenberg hat diese Bibliothek bis 1945 besessen, bevor er von den Nationalsozialisten enteignet und als Widerstandskämpfer ins KZ Sachsenhausen deportiert wurde. 1946 ist ein Teil dieser Sammlung dann in die Sowjetunion gelangt. „Und damit sind wir bei einem Kapitel, das uns bis heute trennt, nämlich der Frage, wo diese Bücher hingehören“, merkte der deutsche Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, bei der Präsentation an.

    Sollen sie in Russland bleiben oder nach Deutschland zurückkehren? Diese Frage, wo unsere Länder unterschiedliche Rechtsauffassungen haben, wurde beim Event erörtert.

    „Über diese Frage haben wir uns lange schon unterhalten“, so der deutsche Botschafter. „Wir waren auch schon mal recht beieinander, vielleicht kommen wir eines Tagen ganz zueinander, aber solange das nicht der Fall ist, finde ich es so wunderbar, dass Projekte möglich werden wie dieses, dass sich Forscher, Experten, Interessierte unserer Länder zusammenfinden und sich damit beschäftigen.“

    Wichtig sei, unterstrich von Fritsch, „dass wir mit der Situation konstruktiv umgehen können, die historisch nun uns mal so vorgegeben ist, dass Teile der wunderbaren Sammlung der Bilder von Lukas Cranach, die in Gotha war, heute in Moskau sind. Wir machen eine großartige Sammlungsausstellung aller Bilder im Puschkin-Museum. Oder wir machen einen großartigen Katalog der Bücher aus der Sammlung der Grafen Hardenberg. Wir erleben, dass es von beiden Seiten ein großes Interesse, Aufgeschlossenheit, Unterstützung und Enthusiasmus gibt.“

    Deutsche und russische Forscher haben eine gemeinsame Studie vorgenommen und ca. 600 Bücher aus der Sammlung des Fürsten entdeckt, die in verschiedenen russischen Bibliotheken lagern. Das Hauptziel war, diese Bücher der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Katalog dokumentiert alle Druckwerke und teilt ihre Geschichte mit. „Er erschließt seltene historische Schriften“, berichtete der Direktor der Öffentlichen historischen Bibliothek Russlands, Michail Afanassjew. „Er enthält wunderbare französische und deutsche Drucke aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, auch Dissertationen — seltene, in kleinen Auflagen erschienene Publikationen zur deutschen Geschichte. Somit ist dieser Katalog für unsere Leser außerordentlich wichtig und wertvoll.“

    Die Hardenberg-Bibliothek setzte sich größtenteils aus Schriften zu Geschichte, Recht und Wirtschaftswissenschaft zusammen, enthielt aber auch die ersten Hefte der französischen Zeitschrift „Bibliothèque Britannique“ für 1796, die sich in der Nachfolge zu der berühmten Enzyklopädie entwickelte, sowie Literatur über Kunst, Reisebeschreibungen, schöngeistige Werke bedeutendster deutscher und französischer Autoren. Von besonderem Interesse ist die 1788 erschienene mehrbändige Ausgabe des Briefwechsels zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire, welcher abgesehen von kurzen Unterbrechungen 42 Jahre gedauert hat.

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    Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, meinte, dass „die russischen und deutschen Bibliothekskollegen eine Vorreiterrolle annehmen, indem sie durch ihre Digitalisierungsprojekte zeigen, wie man Sammlungen rekonstruieren kann, ohne die politische Fragestellung zu tangieren. Dabei geht es darum, dass Objekte der gesamten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Denn wir wissen, dass durch diese kriegsbedingte Verlagerung viele Objekte bisher nicht bekannt sind.“

    „Wir wissen auch, dass kulturelle Identität unsere beiden großen Nationen tatsächlich verbindet“, betonte sie. „Wir haben eine gemeinsame Geschichte und eine nicht nur leidvolle Vergangenheit. Ich glaube, dass die Bibliotheken den Museen ein Stück weit den Weg weisen können, wie man mit gemeinsamen Digitalisierungsprojekten, und es geht nicht nur um die technische Handhabung, sondern um die tatsächlich intellektuelle und wissenschaftliche Aufarbeitung und Zurverfügungstellung in den digitalisierten Katalogen, den richtigen Weg geht.“

    Britta Kaiser-Schuster, Leiterin des Deutsch-Russischen Museumsdialogs, berichtete über zwei große Forschungsprojekte — ein Projekt, das die Verluste von über 80 deutschen Museen aufarbeitet, und ein Projekt unter dem Titel „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“, gestartet 2008, das exemplarisch die Verluste von 140 russischen Museen anhand von sechs Fallbeispielen beforscht hat. Es sind vier Zarenschlösser um St. Petersburg und Kreml-Museen in Pskow und Nowgorod. Diese Publikation wird im März auf der Leipziger Buchmesse der Öffentlichkeit vorgestellt.

    Aufklärung und Transparenz in der wissenschaftlichen Kooperation seien die Themen, so die Dezernentin der Kulturstiftung der Länder, „zu denen wir unseren Beitrag leisten können, alles andere muss die Politik richten. Wir können nur zeigen, wie man miteinander spricht und zusammenarbeitet.“

    Es sei betont, dass es sich dabei bereits um den dritten Katalog der Büchersammlungen berühmter deutscher adliger Familien handelt, die am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt waren. Vorher sind als Ergebnis der Zusammenarbeit russischer und deutscher Bibliothekare Kataloge der Büchersammlungen des Grafen Friedrich-Werner von der Schulenburg (2009) und des Grafen York von Wartenburg (2012) erschienen.

    Auf die Sputnik-Frage, wie wir wohl die Bücher unter uns teilen würden, entgegnete Karina Dmitrijewa von der Bibliothek für Auslandsliteratur in Moskau, dies käme gegenwärtig nicht infrage. „Es heißt anders: Wie können wir mit gebündelten Kräften unsere Kriegsverluste ergänzen? Mit der Erfassung der Büchersammlungen stellen wir die historische Gerechtigkeit ja wieder her. Indem wir dieses ganze Material zusammenführen, holen wir die Geschichte einzelner Menschen und ihrer Familien quasi wieder ins Leben, schließen Lücken in unserem Wissen, was für die Forscher beider Länder sehr wichtig ist.“

    Aus diesem Anlass bemerkte Michail Afanassjew: „Bücher, wie auch andere Kulturschätze ließen sich nicht ohne weiteres in einen Eisenbahnwagen verladen und zurück nach Deutschland befördern. 1998 ist in Russland ein Gesetz über kriegsbedingt verlagerte Kulturschätze verabschiedet worden, mit dem ein strikter Rahmen für ähnliche Aktivitäten abgesteckt wurde. Es ist allerdings vorgekommen, zwar nicht mit Deutschland, doch mit anderen Ländern, dass solche Bücher an ihre Eigentümer zurückgegeben wurden. Eine weitere Möglichkeit wäre die Schaffung eines virtuellen Raums, in dem wir alle auf die Schätze unserer Kulturen zurückgreifen könnten.“

    • Britta Kaiser-Schuster, Leiterin des Deutsch-Russischen Museumsdialogs
      Britta Kaiser-Schuster, Leiterin des Deutsch-Russischen Museumsdialogs
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    • Bücher des Fürsten Karl August von Hardenberg
      Bücher des Fürsten Karl August von Hardenberg
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    • Britta Kaiser-Schuster, Leiterin des Deutsch-Russischen Museumsdialogs
      Britta Kaiser-Schuster, Leiterin des Deutsch-Russischen Museumsdialogs
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    • Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin (l.) und Karina Dmitrijewa von der Bibliothek der Auslandsliteratur in Moskau
      Barbara Schneider-Kempf, Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin (l.) und Karina Dmitrijewa von der Bibliothek der Auslandsliteratur in Moskau
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    • Michail Afanassjew – Direktor der Staatlichen öffentlichen historischen Bibliothek Russlands
      Michail Afanassjew – Direktor der Staatlichen öffentlichen historischen Bibliothek Russlands
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    • Präsentation des Katalogs „Büchersammlung des Fürsten Karl August von Hardenberg in russischen Bibliotheken“ (v.l.n.r.): Britta Kaiser-Schuster, Moderator Miodrag Soric, DW-Chefkorrespondent, Barbara Schneider-Kempf, Karina Dmitriewa
      Präsentation des Katalogs „Büchersammlung des Fürsten Karl August von Hardenberg in russischen Bibliotheken“ (v.l.n.r.): Britta Kaiser-Schuster, Moderator Miodrag Soric, DW-Chefkorrespondent, Barbara Schneider-Kempf, Karina Dmitriewa
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    Geschichte, Forschung, Streit, Besitzer, Kulturerbe, Museen, Bibliothek, Rückkehr, Kulturgüter, Bücher, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Auswärtiges Amt, Rüdiger von Fritsch, Drittes Reich, UdSSR, Sowjetunion, Deutschland, Russland