15:58 19 März 2019
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    Askari der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika (Archiv)

    Alte Beute oder bildende Volkskunst: Wohin mit Deutschlands Afrika-Schätzen?

    © Foto : F. Bruckmann A. G., München
    Kultur
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    Beata Arnold
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    „Erste Eckpunkte“ im Umgang mit dem Kolonialerbe präsentierte die 1. Kulturministerkonferenz am Mittwoch in Berlin. Noch im Vorfeld bezweifelte Berlins Kultursenator die Konsensfähigkeit gemeinsamer Rückgabeprinzipien. Die Krux: Kultur ist Länderangelegenheit. Wohin geht die Reise bei der Vergangenheitsbewältigung überhaupt?

    Im Deutschen Historischen Museum steht die Stele von Cape Cross. Die 3,5 Meter hohe Wappensäule mit dem Kreuz wurde 1486 von portugiesischen Seefahrern in Afrika aufgestellt. Sie diente der Orientierung für andere Seeleute, kündete aber auch von Portugals Missionierungsfeldzug. 1894 brachte die kaiserliche Marine die Säule nach Deutschland. Im ehemaligen „Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika“, wurde auf Geheiß Kaiser Wilhelms II. eine Kopie errichtet — um seine Insignien ergänzt. Das Original soll Teil eines Mahnmals für die Opfer der Kolonialherrschaft werden. Seit 1925 bittet Namibia um die Rückgabe. Bislang erfolglos, denn einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht. 

    90 Prozent des afrikanischen Kulturerbes sollen in Europa sein. Die Kolonialkrieger des deutschen Kaisers brachten zwischen 1884 und 1918 eine Flut von Trophäen aus Papua-Neuguinea, Kamerun oder Namibia heim: Vom heiligen Kultgegenstand über Stammeskunst bis hin zu menschlichen Gebeinen. Hunderttausende Objekte lagern heute in ethnologischen, historischen, archäologischen und Naturkunde-Museen, an Unis und in Privatsammlungen.

    Europa hat sich nun die Wiedergutmachung des kolonialen Unrechts auf die Fahnen geschrieben. Ein Bereich sind die Restitutionen, die Rückerstattung geraubter Kunstgegenstände an die ehemaligen Kolonien. Zur Ermittlung der Herkunft, des Urhebers oder des Zeitraumes gibt es die Provenienz-Forschung.  

    Vorreiter der Rückgabe-Diskussion sind die Franzosen. Experten haben in einem Gutachten für Präsident Emmanuel Macron vorgeschlagen, einfach alles an die ehemaligen Kolonien zurückzugeben. Notfalls ohne detaillierte Herkunftsprüfung, denn alle Gegenstände in der Zeit seien widerrechtlich erlangt.

    „Eine zu vereinfachte Sichtweise“, so Dr. Matthias Weller gegenüber Sputnik. Er ist Professor für Kunst- und Kulturgutschutzrecht an der Uni Bonn: „Da ein Anliegen der Rückerstattungsbemühungen Anerkennung von Unrecht ist, hängt die Sinnhaftigkeit der Rückgaben auch davon ab, dass der historische Kontext aufgeklärt wird.“ Die Dokumentenlage sei, anders als bei der nationalsozialistischen Raubkunst, um ein Vielfaches schlechter und so könne man tatsächlich nicht bis ins Einzelne aufklären. Man dürfe aber normale Tausch- oder  Erwerbssituationen nicht pauschal ausschließen. Fraglich ist natürlich, ob unter den Bedingungen fairer Handel überhaupt stattfinden konnte.

    Ein Blick auf Deutschland: Im Alleingang hatte Baden-Württemberg Anfang März Kolonialbeute an Namibia zurückgegeben, und zwar Peitsche und Bibel des afrikanischen Nationalhelden Hendrik Witbooi. Kulturhoheit und die Staatsqualität des Bundeslandes machten dies möglich. Die Transaktion erfolgte nach einem Rechtsstreit, der sogar vor dem Landesverfassungsgericht landete. Nachfahren vom Stamm der Nama hatten die Gegenstände zurückgefordert. Bekommen hat sie allerdings der namibische Staat, wo der Stamm der Ovambo dominiert.

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    Die Rechtslage sei ohnehin generell denkbar unscharf, moniert Weller gegenüber Sputnik. „Wir haben keine präzisen greifenden Rechtsregeln. Das Ganze ist auf einer allenfalls quasi-rechtlichen und allgemein-moralischen Ebene zur Wahrnehmung unserer historischen Verantwortung angesiedelt. Es ist aber dann nicht ausreichend, einfach nur den ersten Intuitionen und Emotionen nachzugeben“.

    Bei der 1. Kulturministerkonferent (Kultur-MK), die an die Kultusministerkonferenz (KMK) angelehnt ist, haben sich Länder, Bund und kommunale Verbände nun auf „Erste Eckpunkte“ für Rückgaben verständigt: Auf akkurate Dokumentation, Provenienzforschung und Offenlegung der Bestände. Und die Rückführungen selbst. Im Vorfeld gab es Zweifel und es wurde um den Wortlaut gerungen.

    Wer, wann, was genau und an wen konkret zu leisten hätte – das ist nicht erkennbar, allerdings gibt es landesweit bereits einige Institutionen, die sich um die Aufarbeitung kümmern. So zum Beispiel seit Jahresbeginn das „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“ in Magdeburg, wo der Historiker Dr. Jan Hüsgen mit drei Kollegen Anträge zur Herkunftsforschung bearbeitet. Vor Ort hat man Erfahrung, man kümmert sich nämlich ebenfalls um Nationalsozialistisches Raubgut, wie den Kunstfund „Gurlitt“.

    Zuvor hatte der Deutsche Museumsbund bereits einen Leitfaden verfasst. Dort wurde zu bedenken gegeben, dass mit kolonialem Kontext mehr als das ehemalige Kolonialgebiet gemeint sei. Andererseits solle dem Sammlungsgut selbst aber nicht automatisch eine problematische Herkunft anhaften. Die Rückgabe von Kulturgut sei eine Option, doch es bestünde durchaus die Möglichkeit, dass die Objekte in Deutschland blieben.

    Die zwingend notwendige Herkunftsermittlung als Grundlage für die Restitution „dürfe kein Vehikel zur Verzögerung werden, denn man kann jetzt nicht noch 100 Jahre forschen zur Herkunft.“ Und nationale Gerichte könnten dies nicht leisten, so Weller. Ein unabhängiges Expertengremium aus Rechtswissenschaftlern, Ethikern, Kunsthistorikern, und Politikern sei die Lösung – ausgewogen besetzt mit Mitgliedern aus europäischen und afrikanischen Ländern. Vorbild könnten vergleichbare anerkannte Institutionen zur NS-Raubkunst sein, wie die "Beratende Kommission“ und international ein an die „Washingtoner Erklärung“ angelehnter Rahmen.

    Der am Mittwoch betonte Schulterschluß mag optimistisch stimmen, doch die rechtlichen Voraussetzungen für eine mögliche Rückführung des Kolonialerbes sind abhängig vom jeweils geltenden Bundes-, Landes- und Organisationsrecht, insbesondere den Haushaltsordnungen. So sollen Rückgaben grundsätzlich möglich sein und „sofern rechtlicher Handlungsbedarf besteht, um die Rückführung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten zu ermöglichen, wird dem nachgekommen“. Im Umkehrschluß bedeute dies aber auch, dass Spielraum besteht. Einheitliche Regeln wurden demnach nicht festgelegt.

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    Die Kulturhoheit der Länder und knappe Kassen stellten schon so manch hehrem Vorhaben ein Bein.

    Bundeskulturministerin Monika Grütters betonte daher, dass „alle an einem Strang ziehen“ sollten. Und es darum ginge, „verantwortungsvolle, faire Lösungen“ zu entwickeln, um die „historische Verantwortung, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten“. Auch der Vorsitzende der Kultur-MK, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, blies ins gleiche Horn.

    Ob in Afrika nun euphorisch allerorten die Augen glänzen, sei dahingestellt, denn auch die Rücknahme muss gewollt und machbar sein.

    Provokante Aussagen zur De-Kolonialisierung kommen etwa von Achille Mbembe. Der aus Kamerun stammende Politikwissenschaftler und Historiker befindet, dass Europa kein Recht auf schnöde Rückgabe hätte. Kulturgüter sollten im Idealfall ohnehin in der Welt frei zirkulieren. Eine Utopie, in der dann Waren und Menschen nebst Nefretete, Schrumpfköpfen, Ischtar-Tor und Trojas Gold auf permanenter Reise wären.

    Doch ein ganz real von der Rückgabeflut überforderter afrikanischer Museumsdirektor muss anders planen. Laut Professor Germain Loumpé, der in Kulturfragen auf dem Kontinent berät, gibt es vor Ort keine etablierte Kulturpolitik. Rückgaben seien auch vor dem Hindergrund multiethnischer Stammesbefindlichkeiten geradezu „gefährlich“. Bei BR24 kritisierten der Professor und Frank Werner vom Goethe-Institut in Daressalam, Tansania, das geringe Gewicht der afrikanischen Perspektive auf die Problematik.

    Nach den Vorstellungen der Kultur-MK soll ein sogenannter „euro-zentrischer“ Ansatz abgefedert werden durch Angebote an die ehemaligen Kolonialgebiete zum „Dialog“ und für “internationale Kooperationen und Kulturaustausch“. Es heißt, das Auswärtige Amt plane eine millionenschwere Agentur dafür.

    Tatsächlich gibt es eine enge Verquickung europäischer mit afrikanischer Kunst:  Künstlern der Moderne, den Expressionsten etwa, dienten die Artefakte als Quelle der Inspiration.

    In Konsequenz bietet diese Verflechtung also ein Gerüst, auf dem ein künstlerischer Austausch logisch erscheint. Ein Wiedergutmachungsansatz wäre, zeitgenössischen afrikanischen Kulturschaffenden den Zugang zum europäischen Kunstmarkt zu erleichern. Auch bestehende Sammlungen könnten im Lichte aktueller Perspektiven neue Bewertungen erfahren. Denn afrikanische Kunst darf nicht nur für koloniales Unrecht stehen.

    Im Fall der eingangs erwähnten Stele von Cape Cross gibt es mittlerweile Bewegung: Sie soll endlich zurückgegeben werden. Moral vor Recht.

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    Tags:
    Geschichte, Erbe, Kolonisierung, Kolonialmacht, Afrika, Deutschland