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    Peter und Maria vor den Ruinen des Deutschen Theaters in Almaty

    Plötzlich Deutsche? – Doku: „Eine Zeitreise mit dem Russland-Deutschen Theater“

    © Foto : Ralph Weihermann und Alexej Getmann
    Kultur
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    Paul Linke
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    Ein deutsches Theater in Zentralasien? Ja, das gibt’s. Das einzige russlanddeutsche Theater-Duo der Bundesrepublik macht sich auf den „Weiten Weg zurück“ in die Vergangenheit – nach Kasachstan. Der emotionale Road Trip feiert nun als Dokumentarfilm seine internationale Premiere.

    Im Jahr 1993 kamen die beiden Spätaussiedler Maria und Peter Warkentin nach Niederstetten (Baden-Württemberg). Beide waren langjährige Ensemblemitglieder im „Deutschen Theater“ in Kasachstan und setzten wenige Jahre nach ihrer Ankunft ihre Schauspielkarriere im bundesweit einzigen „Russland-Deutschen Theater“ fort. Heimat, Ankommen, Integration sind die großen Themen des Theaters.

    Nun greift der Dokumentarfilm „Der weite Weg zurück — Eine Zeitreise mit dem Russland- Deutschen Theater“ die Geschichte der beiden auf. Sie machen sich auf eine emotionale Reise zurück zu ihren Wurzeln. Der Film porträtiert das Theater-Duo und begleitet sie auf ihrer Spurensuche unter anderem durch Deutschland und die Steppe Kasachstans. Dort an den Ursprungsstätten ihres schauspielerischen Wirkens in den Städten Karaganda, Temirtau und Almaty, wo heute noch das „Deutsche Dramaturgische Staatstheater“ existiert, berichten die Schauspieler unter anderem von ihren Motiven für die Ausreise nach Deutschland und von ihren Erinnerungen an diese glanzvolle, aber auch von Existenzängsten und Identitätsfragen geplagte Zeit.

    Emotional berührt von dieser Reise zeigt sich Co-Autor und Co-Regisseur der Doku, Alexej Getmann, im Sputnik-Interview, der ebenfalls als Spätaussiedler mit seiner Familie in jungen Jahren aus der kasachischen Stadt Temirtau nach Deutschland auswanderte: „Diese Geschichte und diese Reise war für mich eine ganz besondere, weil das auch ein Teil meiner eigenen Familiengeschichte ist. Und dann auch noch dieses Theater in meiner Geburtsstadt. Persönlicher geht es ja kaum.“ Temirtau sei eine „relativ hässliche“ Industriestadt. Das Theater, wo die Schauspielkarriere der Protagonisten begann, sei dort das schönste Gebäude der Stadt und das kenne dort jeder, erzählt der Autor.

    Ralph Weihermann (Mitte rechts) und Alexej Getmann (rechts) nach der Premiere mit der Familie Warkentin
    © Foto : Ralph Weihermann und Alexej Getmann
    Ralph Weihermann (Mitte rechts) und Alexej Getmann (rechts) nach der Premiere mit der Familie Warkentin

     

    Deutsche Kultur in Kasachstan?

    Bei dieser Reise sei es darum gegangen, zu erfahren, wie viel deutsche Kultur es noch in Kasachstan und überhaupt in Russland gebe. Sowohl in Deutschland als auch in den ehemaligen Sowjetrepubliken sei über die russlanddeutsche Diaspora und die Vertriebenen bisher wenig gesagt und geschrieben worden, findet Getmann. Und eben das sei das Interessante dabei gewesen, „dass Leute in Kasachstan, die seit Generationen, seit über 200 Jahren dort leben, sich immer noch als Deutsche und der deutschen Kultur verbunden fühlen“, so die Erfahrung des jungen Autors. Es gebe weiterhin noch Gemeinden, wo Leute ein Deutsch sprechen, was man im 18. Jahrhundert gesprochen hat, „wie zu den Zeiten von Katharina der Großen“, bemerkt Getmann.

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    Das sei ein Kulturgut, was in Deutschland komplett abhandengekommen sei. „Dort wurde es erhalten, weil die Deutschen in deutschen Dörfern gelebt haben, die zum Teil auch sehr abgegrenzt waren.“ Auch deswegen tauche im Titel des Films das Wort „Zeitreise“ auf. „Der weite Weg zurück“ habe eine sehr doppeldeutige Bedeutung, unterstreicht der Filmemacher: „Zum einen heißt so ein Stück der Warkentins, in dem es um die Rückkehr der ethnischen Deutschen auf deutschen Boden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion geht. Zum anderen, weil wir mit dem Film — jetzt nach über 20 Jahren in Deutschland — wieder an den Ausgangspunkt des Theaters zurückkehren und gucken, wie es jetzt dort in Kasachstan ist und was das deutsche Theater heute macht?“

    Schauspielerduo Warkentin vor dem Theater in Temirtau
    © Foto : Ralph Weihermann und Alexej Getmann
    Schauspielerduo Warkentin vor dem Theater in Temirtau

    „Es ist nicht mehr so, wie es war“, erklärt Getmann. „Natürlich nicht“, denn der Nachwuchs, die Studenten, die heute an dem „Deutschen Dramaturgischen Staatstheater“ in Almaty lernen, beherrschten nicht mehr die Sprache. „Es gibt ein paar, die lernen es, es ist aber nicht so, dass sie in der Sprache spielen können.“ Trotz dessen wurde für die Filmcrew sowie die Hauptdarsteller ein Stück auf Deutsch aufgeführt. Der deutsche Bezug sei zudem insofern gegeben, „weil dort deutsche Stücke, beispielsweise von Schiller und Goethe, aufgeführt werden“.

    „Russlanddeutsche sind endlich Deutsche“?

    Der Film porträtiert weiterhin das Leben und das kulturelle Schaffen der Warkentins in Deutschland. Ihr „Russland-Deutsches Theater“ — das einzige bundesweit – wurde 2016 mit dem „Russlanddeutschen Kulturpreis“ für ihre integrative, kulturfördernde Wirkung ausgezeichnet. Doch nicht immer waren die Russlanddeutschen hierzulande willkommen, merkt Regisseur Getmann an: „Die Leute wollten uns ja nicht. Wir waren die wilden Russen, die Wodkatrinker.“

    Maria Warkentin auf der Bühne im „Stanislavki Theater“ in Karaganda, wo sie einen Mix aus verschiedenen Stücken aufführen.
    © Foto : Ralph Weihermann und Alexej Getmann
    Maria Warkentin auf der Bühne im „Stanislavki Theater“ in Karaganda, wo sie einen Mix aus verschiedenen Stücken aufführen.

    Im Dokumentarfilm erzählt die Hauptdarstellerin Maria eindrucksvoll von einer Erfahrung, die sie in einem künftigen Theaterstück thematisieren möchte: Bei einer Bürgerversammlung in Niederstetten, wo die Flüchtlingsproblematik angesprochen wurde, sei ihre Dankesrede an die Gemeinschaft auf große Resonanz gestoßen. „Auf einmal haben sie wahrgenommen, dass diese Russen, die damals gekommen sind — vor denen wir so Angst teilweise hatten — die sind ja immer noch da.“ Eine Frau habe ihre Begeisterung für die warmen Worte ausgesprochen und Selbstverständnis für die damalige Aufnahme der Spätaussiedler betont. „Aber Frau Warkentin, Sie sind ja Deutsche“, hätte die Frau gesagt. „Und dann habe ich gedacht: Jetzt sind die Russlanddeutschen endlich Deutsche! 20 Jahre hat man zu uns ‚Russen‘ gesagt. Jetzt endlich. Das ist lustig“, meint die Schauspielerin zum Ende des Films.

    Maria und Peter Warkentin auf der Bühne im „Stanislavki Theater“ in Karaganda, wo sie einen Mix aus verschiedenen Stücken aufführen
    © Foto : Ralph Weihermann und Alexej Getmann
    Maria und Peter Warkentin auf der Bühne im „Stanislavki Theater“ in Karaganda, wo sie einen Mix aus verschiedenen Stücken aufführen

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    Die Warkentins seien anders als die anderen Spätaussiedler gewesen und hätten sich selbstbewusst hinter ihre eigene Geschichte gestellt und diese von der Bühne erzählt. „Das hat funktioniert“, erzählt begeistert der Dokumentarfilmer. Das sei überraschend gewesen, dass so ein Paar kommt, Kultur reinbringt und Theater macht. „Denn die Russlanddeutschen waren nach ihrer Ankunft mit sich selbst beschäftigt“, zitiert Getmann die Darstellerin Maria aus dem Film. Die meisten wären leise gewesen, hätten sich zurückhaltend gezeigt, hätten ihre Arbeit gemacht und dachten: „Bloß kein Ärger jetzt“, erzählt der Filmautor weiter und führt das zum Teil auf die Mentalität und die tragische Geschichte der Sowjetdeutschen zurück — „nach 70 Jahren Kommunismus“.

    Die fast vergessene Sprache

    Eine weitere Besonderheit des „Russland Deutschen Theaters“ ist die Sprache. In ihren Stücken spricht Maria einen schon fast vergessenen und aussterbenden wolgadeutschen Dialekt. Ihr Ehemann Peter spricht zum Teil Plattdeutsch. Eine Sprache, die oft in den Regionen Russlands und später der Sowjetunion gesprochen wurde, wo Mennoniten gelebt haben. Diese Sprachen – vor allem das Wolgadeutsche — seien im Grunde fast ausgestorben. „Erst vor kurzem ist es mir klar geworden, wie wichtig dieses Kulturgut ist, diese Sprache als Kulturgut. Sie steht kurz davor, verloren zu gehen“, stellt Alexej Getmann fest.

    Der Film „Der weite Weg zurück — Eine Zeitreise mit dem Russland- Deutschen Theater“ feierte am 21. Oktober seine Premiere in Detmold, im Museum für Russland-Deutsche Kultur und Geschichte. Mit großem Erfolg wurde die Doku im Februar in Sibirien — in den Städten Omsk, Novosibirsk und Tomsk — vorgestellt. Die Regisseure Alexej Getmann und Ralph Weihermann wollen in den nächsten Jahren mit ihrem Werk an verschiedenen internationalen Festivals und Wettbewerben teilnehmen. Spätestens in zwei Jahren soll der Film dann auch für die breite Masse zugänglich sein, verspricht Getmann.

    Screenshot aus dem Film „Was für ein Theater“
    © Foto : Ralph Weihermann und Alexej Getmann
    Screenshot aus dem Film „Was für ein Theater“

    Das komplette Interview mit Alexej Getmann zum Nachhören:

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    Tags:
    Aussiedler, Russlanddeutsche, Theater, Kasachstan, Deutschland