00:48 20 Juni 2019
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    Karoline Herfurth und Ben Whishaw in dem Film Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders

    Einst Junge vom Starnberger See, nun Vater des weltbekannten Frauenmörders

    © Foto: imdb
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    Liudmila Kotlyarova
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    Am Dienstag feiert Patrick Süskind, einer der markantesten Erfolgsautoren, seinen 70. Geburtstag. Aus der Öffentlichkeit längst zurückgezogen, kann er sich durch den Bestseller „Das Parfum, die Geschichte eines Mörders“ Ruhe leisten - den Luxus, von dem viele nur träumen. Auf der Spurensuche des schweigsamsten Schriftstellers der Gegenwart.

    Er distanzierte sich von allem möglichen Weltruhm, aller Hektik und Lärm. Niemand weiß genau, wo er lebt und was er tut. Er gibt keine Interviews und lehnt Prämien ab. Die Welt sah nur drei Fotografien von ihm.

    So ist Patrick Süskind, der Autor des einzigartigen Monostückes „Der Kontrabass“, der kindheitlichen „Geschichte von Herrn Sommer“ und — des weltbekannten Romans „Das Parfum, die Geschichte eines Mörders“ aus dem Jahre 1985, der bisher in 45 Sprachen übersetzt wurde und auf 20 Millionen verkaufte Exemplare verweisen kann. 2006 wurde das Werk mit dem gleichnamigen Film von Tom Tykwer gekrönt. Noch als Junge soll Patrick davon gesprochen haben, einmal einen Roman schreiben zu wollen, von dessen Erträgen er dann leben könnte. Er hat es geschafft. Aber wie? 

    Ein Dorfjunge vom Starnberger See

    Geboren wurde der kleine Patrick am 26. März 1949 im Dorf Holzhausen am Starnberger See in der Familie von Wilhelm Emanuel Süskind, der in der Hitler-Zeit längst als literarischer Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung tätig war. Seine eigene Literaturkritik soll jedoch keine Nähe zur Literaturpolitik des Dritten Reiches gezeigt haben.

    Da sein Vater die Musik verehrte, sollte sein Sohn auch Klavier spielen lernen. Nach der Schule diente Patrick Süskind in der Bundeswehr, ab 1968 studierte er mittelalterliche und neue Geschichte an der Universität München. Ab 1974 war Süskind vor allem als Drehbuchautor der Serien „Der ganz normale Wahnsinn“, „Monaco Franze – Der ewige Stenz“ sowie der Komödie „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ bekannt.

    „Ich kenne Menschen, in denen steckt ein ganzes Universum, unermesslich. Aber herauskriegen tut man es nicht. Ums Verrecken nicht.“ („Der Kontrabass“)

    Richtig erfolgreich wurde Süskind aber erst mit der Aufführung seines Stücks „Der Kontrabass“ aus dem Jahre 1984. Die Performance war so erfolgreich, dass eine Vertreterin des prominenten Zürcher Verlags „Diogenes“ sich nach einer Vorstellung des Stückes für den Autor interessiert zeigte und das schon längst fertige „Das Parfum…“ aus der Schublade des scheuen jungen Mannes herausholte, heißt die Legende.

    „Auf der andern Seite ist eines unvorstellbar, nämlich ein Orchester ohne Kontrabass. Man kann sogar sagen, dass Orchester, Definition jetzt, überhaupt erst da anfängt, wo ein Kontrabass dabei ist.“ („Der Kontrabass“)

    Die Hauptfigur dieses One-Act-Stücks, ein Musiker, liebt sein Instrument über alle Widrigkeiten. Obwohl der Kontrabass ihm mal so unbequem und schwerfällig scheint, kann er seinen treuen Lebensgefährten nicht aufgeben. Für ihn ist der Kontrabass wichtiger als alle Menschen, denn er wird anders als die Menschen niemals seinen Besitzer verlassen.

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    „So einen Roman zu schreiben ist furchtbar“

    Und dann wurde sein großes Lebenswerk, ein Genremix aus Kriminalroman, Entwicklungs- und Bildungsroman, Künstlerroman und historischem Roman, veröffentlicht. Um die Geschichte über den maniakalen Parfümeur Jean-Baptiste Grenouille zu schreiben, lernte der Autor die Erzeugung von Düften in der Aufklärung und der Neuzeit kennen und besuchte alle im Roman beschriebenen Orte persönlich. Er soll gleich begriffen haben, dass „Das Parfum…“ zu seinem Hauptwerk werden sollte. „So einen Roman zu schreiben ist furchtbar. Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal machen werde“, sagte er. Der Verlag tastete den Erfolg zunächst sehr vorsichtig mit der Erstausgabe von nur 10.000 Exemplaren ab, ließ aber schon zwei Monate später das Buch in einer Auflage von 150.000 Exemplaren erscheinen. Nun wird das Buch jährlich neu gedruckt.

    „Das Unglück des Menschen rührt daher, dass er nicht still in seinem Zimmer bleiben will, dort, wo er hingehört. Sagt Pascal“. („Das Parfum, die Geschichte eines Mörders“)

    „Süskinds Erzähler moderiert, kommentiert, wertet und ironisiert alle handelnden Figuren, was den Leser auf Distanz hält und amüsiert: Er hat es nicht mit dem klassischen auktorialen Erzähler zu tun, der sich geschmeidig in die dramatische Erzählung einfügt, sondern mit einer Instanz, die durch epische Brechungen besticht“, sagt die Drehbuchautorin und Dramaturgin Charlotte Feldmann, die einst ein Buch über die Erzähltechniken Süskinds mit denen im Film von Tom Tykwer verglich. Der Wort- und Bilderreichtum des Werkes werde durch hunderte Metaphern besiegelt, die durch den ironischen Duktus aber nie Gefahr laufen würden, in Kitsch abzudriften oder das olfaktorische Genie Grenouille zu romantisieren.                                                                                

    „Wer die Gerüche beherrscht, der beherrscht die Herzen der Menschen“. („Das Parfum, die Geschichte eines Mörders“)

    Selbst die Autorin dieses Textes kann nicht sagen, dass Süskinds Meisterwerk zu ihren Lieblingsbüchern gehört. Aber es gibt doch etwas daran, was einen fasziniert und dann schon nicht mehr aus dem Sinn kommt. Charlotte Feldmann erklärt dies mit dem besonderen Geist des Romans. Er besteht für sie in der Kunst darin, den Leser in die Geschehnisse hineinzuziehen und gleichzeitig auf Distanz zu halten. „Grenouille fasziniert den Leser, er folgt ihm erwartungsvoll auf Schritt und Tritt, ohne sich jedoch mit ihm zu identifizieren.“ Zwar werde an einigen Stellen Mitleid im Leser geweckt, doch bleibe die Hauptfigur im Ganzen der geniale, aber doch geruchlose und mordhungrige „Frosch“.

    „Ja so lasst mich doch endlich in Frieden!“. („Die Geschichte von Herrn Sommer“)

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    Nach dem „Das Parfum…“ sind noch einige Kurzgeschichten von Süskind zur Welt gekommen, die sich von dem Roman grundlegend unterscheiden. Am bekanntesten darunter sind „Der Zwang zur Tiefe“ (1986), „Die Taube“ (1987), und eine, wie manche Philologen behaupten, autobiografische Erzählung „Die Geschichte von Herrn Sommer“ aus dem Jahre 1991. Am 20. März 2019 ist eben seine neue Kurzgeschichte „Ein Kampf“ über das Schachspiel von zwei Männern im Pariser Jardin du Luxembourg erschienen. Wem schenkt das Publikum seine Gunst? Wessen König fällt zuerst?— fragt uns „Diogenes“ zur Geschichte. Unsichtbar schaut deren Autor uns an, einer der wenigen, die sich diesen Luxus noch leisten können: ungestört und zurückgezogen in Frieden und Ruhe zu leben.

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    Geruch, Geruchssinne, Klavierspielen, Schriftsteller, Genie, Literaturpreis, Roman, Mörder, Buch, Literatur, Frauen, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Adolf Hitler, München, Deutschland, Frankreich