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20:20 12 November 2019
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    Adolf Hitler beim Besuch der Gemäldeausstellung (Archiv)

    Aus Hitlers Privatsammlung: Bund soll Gemälde an rechtmäßige Erben herausgeben

    © AFP 2019 / SNEP
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    Nach langem Rechststreit sollen zwei sich im Eigentum des deutschen Finanzministeriums befindliche Werke an Erben des jüdischen Kaufhausmagnaten Max Emden zurückgehen: Das „Zentrum Kulturgutverluste“ gab am Dienstag eine entsprechende Empfehlung zur Rückgabe von NS-Raubkunst bekannt. Sputnik sprach mit Anwalt Markus Stötzl, der die Erben vertritt.

    „Etwas, was der Bund bis heute als rechtmäßiges Eigentum betrachtet.[…]Er tut sich […] schwer, mit diesem Erbe umzugehen […]mit dem Argument, das Geschäft habe außerhalb des Deutschen Reiches stattgefunden”, so Restitutionsanwalt Markus Stötzl, Erbenvertreter im Fall Dr. Max James Emden.

    Der NS-Kunsthändler Karl Haberstock kaufte 1938 zwei Werke des italienischen Meisters Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, für die Privatsammlung Adolf Hitlers. Veräußert wurden sie unter Fluchtdruck vom aus Hamburg stammenden Kaufhausmagnaten Max James Emden. Er war während der NS-Herrschaft als Jude verfolgt, floh in die Schweiz und verlor seinen gesamten Besitz.

    Nach Ende des 2.Weltkrieges gelangten die Gemälde aus Hitlers Besitz über eine Sammelstelle bei den Aliierten, da der unmittelbare Erbe nach Südamerika geflohen war, in den Besitz des Bundes, eine sogenannte Treuhandverwaltung. Dieser gab die besten Stücke der wertvollen Kunst in den 1960er Jahren zumeist als Leihgabe weiter, etwa an diplomatische Vertretungen oder Ministerien. 15 Jahre lang stritt nun das Finanzministerium, vertreten vom Bundesverwaltungsamt, mit dem in Argentinien ansässigen Enkelsohn des Kunstsammlers um die Herausgabe, berichtet sein Anwalt Markus Stötzl.

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    Der Bund tat sich mit der Anerkennung der Position als Erbe schwer, denn der Großvater hatte die Kunstwerke verkauft, so dass sie nicht im herkömmlichen Sinne als Raubgut angesehen wurden.  Dass die Transaktion im besonderen Lichte der Umstände geschah, also unter Zwang, hat nun wohl endlich Berücksichtigung gefunden, so Stötzl. Es handele sich dabei um sogenanntes Fluchtgut, welches auch von der sogenannten Washingtoner Erklärung erfasst sei.

    Im Jahr 1998 vereinbarten mehr als 40 Staaten, die Verbrechen des Nazi-Regimes gegenüber jüdischen Kunstsammlern und Kunsthändlern rückhaltlos aufklären zu wollen. Und so zumindest den Nachfahren der Opfer gerecht zu werden. Rechtlich sind diese Vereinbarungen zwar unverbindlich, sollten aber moralisch verpflichtende Grundsätze sein. Insbesondere auch, da wegen der im Zivilgesetzbuch festgeschriebenen Verjährung keine Verpflichtung besteht, jüdischen Eigentümern verfolgungsbedingt entzogene Kunstwerke zurückzugeben.

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    Noch im November vergangenen Jahres hatte sich auch der Bund erneut zu diesem Abkommen bekannt. Daher sei wohl auch Bewegung in die Sache gekommen, meint Stötzl.

    Bereits im Jahr 2003 wurde aufgrund einer „Absprache“ zwischen Bund, Ländern und Spitzenverbänden die sogenannte „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz“ ins Leben gerufen. Sie kann bei entsprechenden Streitigkeiten angerufen werden. Ihr gehören Experten aus den Bereichen Geschichte, Kunst und Recht an: So der ehemalige  Präsident des Bundesverfassungsgerichts Dr.Hans‐Jürgen Papier als Vorsitzender, der Kunsthistoriker Dr. Wolf Tegethoff, die Bundestagspräsidentin a.D. Dr.Rita Süssmuth.

    Am Dienstag gab die Kommission nun die Empfehlung der Rückgabe an die Erben ab, allerdings ohne Begründung oder verpflichtende Wirkung. Zu erwarten sei jedoch, dass sich der Bund angesichts der erneuerten Absichtserklärung zu Aufklärung und Wiedergutmachung daran halte, so Stötzl.

    Ansicht der Karlskirche zu Wien“, hängt noch als Leihgabe des Bundes im Museum Kunstpalast in Düsseldorf, „Ansicht des Zwingergrabens in Dresden“ im Militärhistorischen Museum Dresden.

    „Ansicht des Zwingergrabens in Dresden“ des italienischen Meisters Bernardo Bellotto, genannt Canaletto
    CC0 / Public Domain
    „Ansicht des Zwingergrabens in Dresden“ des italienischen Meisters Bernardo Bellotto, genannt Canaletto

    Wie die Erben mit den beiden Kunstwerken verfahren, ist noch offen. Laut Anwalt Stötzl habe aber endlich die lange überfällige Anerkennung stattgefunden, zudem gehe er davon aus, dass sich der Bund dem Votum der „Beratenden Kommission“ anschließe.

    Noch immer gehören etwa 2500 Kunstobjekte zu der rund 48.000 Werke umfassenden Kunstsammlung des Bundes, die im Verdacht stehen, NS-Raubkunst und Fluchtgut zu sein.

    Das komplette Interview mit Anwalt Markus Stötzl zum Nachhören:

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    Tags:
    Sammlung, Gemälde, Erbe, Nazi-Deutschland, Kunst, Adolf Hitler, Deutschland