22:22 19 April 2019
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    Der deutsche Rapper Capital Bra

    Auch ohne „Helene-Quote“: Deutschsprachige Musik wieder salonfähig

    © Foto: Capital Bra / Facebook
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    Ilona Pfeffer
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    Capital Bra heißt der neue König der deutschen Charts. Der Erfolg des Rappers scheint für ein Umdenken in der Musikszene zu stehen: Forderten Politiker noch vor wenigen Jahren vehement eine Quote für deutschsprachige Musik, erfreuen sich heute Songs mit deutschen Texten einer nie dagewesenen Beliebtheit.

    Nicht nur beim Eurovision Song Contest offenbart sich Jahr für Jahr: Ob sie es können oder nicht, viele Künstler ziehen es vor, auf Englisch zu singen. Das klingt eben irgendwie cooler. Oder würden Sie aus voller Kehle „Papi! Papi kühl!“ mitgrölen oder zu „Was kostet der Fisch?“ das Tanzbein schwingen? Eben!

    Rap-Fans während eines Konzerts (Symbolbild)
    © AP Photo / MTI, Janos Marjai
    Unsere Nachbarn in Frankreich scheinen weniger Probleme mit der Ästhetik der eigenen Sprache zu haben und vielleicht war es ihr Beispiel, das in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre die Forderungen nach einer Quote für deutschsprachige Musik befeuert hatte. Laut einem Bericht der Plattform einfacherdienst.de hatten SPD und Grüne 2004 einen Antrag zur „Selbstverpflichtung öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunksender zur Förderung von Vielfalt im Bereich der Pop- und Rockmusik in Deutschland“ im Bundestag eingebracht. Für die freiwillige Quote von 35 Prozent hatte sich damals auch eine Mehrheit im Parlament ausgesprochen, doch der erwartete Effekt ließ auf sich warten, sodass 2015 Franz-Robert Liskow von der Jungen Union Mecklenburg-Vorpommern die sogenannte „Helene-Quote“ erneut zur Sprache brachte. Dabei klingen die Zahlen des Bundesverbandes Musikindustrie für 2015 gar nicht so schlecht: Acht der Top-10-Alben der Jahrescharts waren demnach deutsche Produktionen, in den Top 100 stellten sie immerhin 69 Prozent.

    Capital Bra erobert mit Ghetto-Charme die Charts

    Derzeit regiert der russisch-ukrainisch-deutsche Rapper Capital Bra mit 13 Nummer-Eins-Titeln die Chart-Statistik. Diese Top-Platzierung musste sich der Rapper bis vor kurzem nur mit den Beatles teilen. Dass es dafür keiner poetischen Meisterleistungen bedarf, lässt sich exemplarisch an einem seiner Nr.1-Hits „Berlin lebt“ nachvollziehen:

    „Fick die Rapper, was die reden, alles Lügen

    Abiad, Massari, Abiad, ich packe fette Tüten (bra)

    Berlin lebt, Ghetto, Ghetto, Bra, wir komm'n im Rudel

    Was für Fitnessplan, Kolleg? In meiner Gegend fliegen Kugeln (bra, bra)

    Jetzt rollt der Rubel, jetzt kannst du den Bratan googeln (ja)

    Heute ess' ich Steak, gestern Fünf-Minuten-Nudeln (bra, bra)

    Ich bin original, der Rest ist Double

    Das Leben ist 'ne Bitch, ich pack' die Schlampe an der Gurgel

    Keine Skrupel (nein), der Bra ist Löwe (ja)

    Guck ma', wie ich nur mit Wörtern meine Feinde töte (guck)

    Der Staat will mich nicht oben sehn wie Mindestlöhne (ja)

    Aber deren Kinder sehen aus wie meine Söhne“

    Egal, was man davon halten mag: Es scheint logisch, dass Sprechgesang am besten in der Landessprache funktioniert und damit gerade auch das jüngere Publikum abholt. Doch um erfolgreich mit deutschen Texten zu sein, muss man nicht unbedingt Hip Hop machen.

    Ob Schnulze oder Politik…

    In den Top 10 der deutschsprachigen Künstler mit den meisten Nummer-Eins-Hits reihen sich hinter Capital Bra der Soul-Sänger Xavier Naidoo und die beiden Schlager-Größen Peter Alexander und Roy Black ein. Gefolgt werden diese vom Stern der Neuen Deutschen Welle, Nena, den Punkmusikern Die Ärzte und den  Rockern von Rammstein. Dahinter rangieren Herbert Grönemeyer, Howard Carpendale und Falco. Was diese kurze Liste zeigt: Quer durch die Musikrichtungen ist es möglich, mit deutschsprachigen Liedern Erfolg zu haben, und auch inhaltlich ist die Bandbreite groß, von provokanten Straßen-Parolen über kitschige Schnulzen bis hin zu politischen Texten. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1993 erklommen Die Ärzte die Spitze der deutschen Charts mit „Schrei nach Liebe“ und blieben damit 5 Wochen an Platz 1. Darin sprechen sich die Berliner Punkrocker gegen Neonazis aus, Hintergrund waren gewaltsame Übergriffe auf Ausländer, wie die rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda im September 1991. Auch 26 Jahre später dürfte den meisten der Refrain von „Schrei nach Liebe“ noch im Gedächtnis sein:

    „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe

    Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit

    Du hast nie gelernt dich zu artikulieren

    Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit

    Oh oh oh, Arschloch”

    2015 konnten sich Die Ärzte mit “Schrei nach Liebe” erneut an der Spitze der Charts positionieren.

    Zeitalter des deutschen Raps?

    Wie einfacherdienst.de unterstreicht, sind aktuell alle Songs in den Top 10 der MTV-Single-Charts deutschsprachig. Aber: Sie alle sind auch Rap. Der Erfolg von Capital Bra scheint in diesem Lichte kein Zufall, sondern Ausdruck der aktuellen Bewegung hin zum deutschsprachigen Hip Hop zu sein. Auf der anderen Seite sprechen beispielsweise die Beliebtheitswerte von Top-Verdienerin Helene Fischer dafür, dass man heute auch fernab des Sprechgesangs mit deutschsprachigen Liedern ein großes Publikum ansprechen kann.

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    Tags:
    Musik, Rap, SPD, Sibirien, Russland, Ukraine, Deutschland