16:57 17 Juni 2019
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    DAAD-Stipendienprogramm „Russland in der Praxis“

    DAAD-Stipendienprogramm „Russland in der Praxis“ trotz Sanktionen und Krisen

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    Nikolaj Jolkin
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    „Gerade in politisch nicht immer einfachen Zeiten ist es besonders wichtig, in Kontakt zu bleiben und Brücken aufzubauen.“ Mit diesen Worten würdigte die Ständige Vertreterin des deutschen Botschafters, Frau Beate Grzeski, das Engagement von 36 Absolventen des DAAD-Stipendienprogramms „Russland in der Praxis“.

    Sie erhielten nach einem sechsmonatigen Praktikum in einem deutschen Unternehmen in Russland, u.a. bei Siemens, Volkswagen und Schneider Group, ihre Teilnahmebescheinigungen. Dem ging ein einwöchiges Seminar zum Thema „Doing Business in Russia“ an der Higher School of Economics in Moskau voraus.

    Sie sei sicher, so Frau Grzeski, dass die Studierenden aus Deutschland ihre Zeit in Russland genutzt haben, um sich nicht nur mit den Kollegen auszutauschen, die aus Deutschland kommen, sondern auch um das Gespräch mit den russischen Kolleginnen und Kollegen zu suchen und sich so eine eigene Meinung zur gesellschaftlichen und politischen Lage in Russland zu bilden.“

    Ständige Vertreterin des deutschen Botschafters Beate Grzeski überreicht die Urkunde
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    Ständige Vertreterin des deutschen Botschafters Beate Grzeski überreicht die Urkunde

    Dieses Praktikum sollte nach ihren Worten die Chancen der jungen Deutschen auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland, Russland und in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen wesentlich erhöhen. „4700 deutsche Unternehmen in Russland sind bestimmt eine sehr interessante Gruppe für die Zukunft, wenn man Interesse hat, weiter hierzulande zu arbeiten.“

    DAAD-Stipendienprogramm „Russland in der Praxis“
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    DAAD-Stipendienprogramm „Russland in der Praxis“

    Russland sei jetzt nicht mehr nur Troika, Dreispänner der Pferde für Schlitten, nicht Pappmaché-Schachtel aus Palech, äußerte Christian Harten, stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. „Es ist etwas anderes. Russland ist auch Intercity-Schnellzüge Sapsan, die mit Siemens-Technologien in Russland gebaut werden. Russland ist auch Materialwirtschaft im Titan-Bereich für  Airbus- und Boeing-Flugzeuge. Dieses Land ist anders als Deutschland, deshalb muss man sich sozusagen aus erster Hand informieren.“

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    Eine der 32 Studierenden des neuen Semesters von „Russland in der Praxis“, Nastja aus Bayern, die ihren Studentenausweis bei der Veranstaltung erhalten hat, sagte im Sputnik-Interview, dass sie wirklich Erfahrungen sammeln wolle, „tolle Leute kennenlernen und etwas für den Lebenslauf erwerben.“ Nach einem Auslandssemester in Moskau hofft sie beim Personalmanagement einer Firma bessere Chancen zu haben.

    Anna, Studentin an der Universität Hildesheim bei Hannover erwartet auch eine lehrreiche Zeit in Russland. Sie will vieles für die Zukunft mitnehmen, vor allem, „dass mein schriftliches Russisch besser wird und dass ich fließender Russisch sprechen kann.“ Sie will mehr Arbeitserfahrung im Marketing und Business-Development-Bereich gewinnen. Sie ist im deutschen Automobilzulieferer-Betrieb „Schaeffler“ tätig, der seine Erzeugnisse unter anderem auch nach Russland liefert.

    Julia hat die Hochschule Furtwangen im Schwarzwald im Bereich International Business Management absolviert und ist, wie sie sagte, „für alle Optionen offen.“ Und wenn sie ein gutes Angebot in Russland bekäme, könnte sie sich „definitiv vorstellen, aus Deutschland auszuwandern oder vielleicht mehrere Jahre in Russland zu bleiben.“

    Dennis Janzen hat in Wolfsburg den Bachelor erworben und den ersten Kontakt mit Volkswagen gehabt. Nach einem Jahr in Russland hat er in Hamburg seinen Master im Fahrzeugbau angefangen. Jetzt wollte er erfahren, wie es Volkswagen in Kaluga geht. Ergebnis? „Die Produktion läuft. Es gibt festgesteckte Ziele, die erreicht werden. Der Konzern ist hierzulande ein Mehrmarkenstandort mit seiner Volkswagen- und Škoda-Produktion. Deshalb konnte er alle Krisen, die auch Russland betroffen haben, gut abfangen, qualitativ sehr stark bleiben, sprich in der Produktion, aber auch von den Mitarbeitern, dass niemandem gekündigt wird.“

    Dennis Janzen (l.) freut sich zusammen mit anderen Absolventen des Praktikums
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Dennis Janzen (l.) freut sich zusammen mit anderen Absolventen des Praktikums

    Die Wiederkehr von Opel sieht Janzen nach sechsmonatigem Praktikum als die eines Konkurrenten, „aber der russische Markt ist noch nicht gesättigt und VW hat hier sehr gute Aussichten.“ Da er russische Eltern habe und die Mentalität kenne, habe ihm die Zeit in Kaluga Spaß gemacht. „Ich konnte meine eigenen persönlichen Charaktereigenschaften weiterentwickeln und auch erleben, wie es in Russland ist, zu arbeiten. Da es sich um ein deutsches Unternehmen handelt, gibt es hier Organisationsstrukturen, die auf Deutschland ausgerichtet sind. Und die Russen adaptieren das alles.“

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    Kirill Bikowez hat bei „Siemens“ in Petersburg sein Praktikum absolviert und Marktanalysen des Nord-West-Distrikts Russlands erstellt. „Die Arbeit in einem multikulturellen Team hat sich voll gelohnt. Besonders, wenn Siemens die Entwicklung der Industrie 4.0 mit der Digitalisierung ansteuert. Wir haben im Leningrader Gebiet den SGT, die Siemens-Gasturbinenherstellung und zahlreiche Kooperationen mit RZD (Russische Eisenbahnen AG) z.B. „Lastotschka“-Züge und „Sapsan“ — Hochgeschwindigkeitszüge auf der Bahnstrecke Sankt Petersburg–Moskau.“

    Bikowez hat die Marktsituation erforscht: „Welche neue Kooperationen gemacht und welche mit alten Unternehmen aufgefrischt werden können. Wie die Entwicklung der Wirtschaft und die Zukunft von Siemens weiter voranschreiten können und mit welchen Unternehmen. Denn aufgrund der Sanktionen ist es jetzt etwas anders aufgebaut, und wir müssen uns auf die Sanktionen einstellen und so fortfahren.“

    Nach der Bachelorarbeit und dem Masterabschluss hat Bikowez im Hinterkopf eine Promotion, um dann vielleicht irgendwann mal wieder bei Siemens einzusteigen. Dabei habe er keine Angst, wegen der Sanktionen die Arbeit zu verlieren. „Siemens ist historisch in Russland etabliert und wird diesen Markt nicht aufgeben. Ich kann anhand offizieller Zahlen sagen, dass der Umsatz und der Gewinn des Konzernes trotz der Sanktionen weiter gestiegen sind.“

    Seit Beginn des Programms „Russland in der Praxis“ 2012 haben 44 Unternehmen insgesamt 332 Praktikumsplätze zur Verfügung gestellt – in Moskau, St. Petersburg, Kasan, Krasnodar, Kaluga, Omsk und anderen Städten. Etwa 10 Praktikantinnen und Praktikanten wurden nach Abschluss ihres Praktikums fest in den Unternehmen angestellt.

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    Praktikum, Unternehmen, Arbeitsmarkt, Produktion, Kontakt, Sanktionen, DAAD, Boeing, Opel, Volkswagen AG, Deutschland, Russland