09:45 25 April 2019
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    Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park

    „Unsterbliche Ikone“ auf Hitlers Ruinen

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Kultur
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    Alexander Boos
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    „Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park gedenkt der Opfer des Faschismus und ist weltweit bekannt“, sagte Jörg Morré vom Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst am Mittwoch. Dort eröffnete er eine Ausstellung aus Wolgograd zum „Treptower Soldaten“. Sputnik war vor Ort. Laut dem Historiker gibt es 4.000 solcher Kriegsgräber hierzulande.

    „Der Aufhänger der Ausstellungs-Eröffnung ist natürlich der 70. Jahrestag der Einweihung des Ehrenmals und damit die Tatsache, dass dieses Denkmal seit 70 Jahren steht“, erklärte Morré, Direktor des Berliner Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, gegenüber Sputnik am Mittwochabend vor Ort. Zuvor hat er eine Sonderausstellung des Wolgograder Museums „Stalingrader Schlacht“ in den Räumen des geschichtsträchtigen Museums in Berlin eröffnet. Der Titel der Ausstellung lautet „Sowjetisches Ehrenmal in Berlin. Modelle und Musen seines Schöpfers“. Der Museumsleiter lobte im Interview „die Kooperation mit den Kollegen“ aus Wolgograd sowie die gute Zusammenarbeit mit der Russischen Botschaft in Berlin und weiteren Kultur-Stiftungen. Alle Beteiligten brachten gemeinschaftlich die Fotoausstellung nach Karlshorst.

    Besucherinnen und Besucher bestaunten am vergangenen Mittwoch im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst die neue Sonderausstellung „Sowjetisches Ehrenmal in Berlin“.
    © Sputnik / Alexander Boos
    Besucherinnen und Besucher bestaunten am vergangenen Mittwoch im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst die neue Sonderausstellung „Sowjetisches Ehrenmal in Berlin“.

    Der sowjetische Bildhauer und Künstler Jewgeni Wutschetitsch stehe dabei im Mittelpunkt. Er schuf große, heroische Monumente und Gedenkstätten wie das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park. Später errichtete er südlich der russischen Stadt Wolgograd am Wolga-Don-Kanal die weltgrößte Lenin-Statue.

    „Ich wollte heute in meinem Einführungsvortrag dem anwesenden Publikum noch einmal ganz deutlich sagen: Wutschetitsch hat da in Berlin eine unsterbliche Ikone geschaffen“, machte Morré deutlich. „Vielleicht war ihm das damals gar nicht bewusst. Aber mit 70 Jahren Abstand können wir sagen: Er hat es geschafft.“

    Weltweites Friedens-Symbol

    Bis 1967 war der Treptower Soldat „die bekannteste Ikone in der sozialistischen Welt“, wie der Museumsdirektor in seiner Rede zuvor betonte. „Einfach, weil es nichts Vergleichbares gab“, ergänzte der Historiker im Interview.

    Der „Treptower Soldat“: Gedenkstätte und Kolossalstatue der sowjetisch-russischen Geschichte sowie Touristen-Magnet in Berlin. Dieses Bild entstand am 9. Mai 2018 anlässlich der Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“. Daran nahmen auch russische Delegierte aus Politik und Militär teil.
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der „Treptower Soldat“: Gedenkstätte und Kolossalstatue der sowjetisch-russischen Geschichte sowie Touristen-Magnet in Berlin. Dieses Bild entstand am 9. Mai 2018 anlässlich der Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“. Daran nahmen auch russische Delegierte aus Politik und Militär teil.

    „Für alle Russen und russischsprachigen wie post-sowjetischen Menschen – egal, wo sie leben – hat Treptow eine große Bedeutung. Weil das Ehrenmal tatsächlich kurz nach Kriegsende, 1949, entstanden ist. Diese Figur des Soldaten war auf sowjetischen Briefmarken, auf Münzen, auf Sonderdrucken präsent. Bei jedem Jahrestag war diese Figur dabei. Alle Russinnen und Russen sind damit groß geworden, bis heute. Auch die vierte und fünfte Nachkriegsgeneration kennt diesen Soldaten in Treptow. Da können Sie nicht nur auf die russischsprachigen Menschen, die hier in Berlin leben, schauen. Sondern, das war ein weltweites Phänomen.“

    Ein Blick von den unteren Stufen des Treptower Ehrenmals liefert ein Panorama über den idyllischen Treptower Park. Rechts oben auf dem Bild sind die anliegenden sowjetischen Kriegsgräber zu erkennen.
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Ein Blick von den unteren Stufen des Treptower Ehrenmals liefert ein Panorama über den idyllischen Treptower Park. Rechts oben auf dem Bild sind die anliegenden sowjetischen Kriegsgräber zu erkennen.

    Mitten in der Natur: Sowjetischer Soldat und trauernde Mutter

    „Ich denke, es hat auch mit dem Ort zu tun.“ Berlin galt als Trophäe für die Sowjetunion und die Rote Armee. „Berlin war der Ort, an dem man Hitler hatte stellen wollen. Der Reichstag steht als zweiter großer Erinnerungsort in Berlin. Die Einnahme der Hauptstadt des Deutschen Reiches war für die Sowjetunion wichtig. Das hat Wutschetitsch als Künstler gewusst. Daher hat er sich besonders Mühe gegeben, hier etwas Großartiges zu schaffen. Das ist ihm auch gelungen.“

    Die große Treptower Gartenanlage sei ohnehin faszinierend. Laut Morré bietet der Park „sehr intime und kleine Räume. Wenn man die Anlage betritt, kommt man sehr schnell auf ein Denkmal zu und da sitzt eine trauernde Frau. Man sieht diesen berühmten Soldaten erstmal gar nicht und wird also zunächst mit Trauer konfrontiert. Dann muss man sich um 90 Grad drehen und läuft dann auf einer Allee auf diesen Soldaten zu. Man muss aber ein paar Schritte laufen und erst dann erscheint der Treptower Soldat im Blickfeld. Das hat mit dem Höhenunterschied im Gelände zu tun. Die Distanz, die man dabei überwindet, sind etwa 300 Meter. Durch diese Sichtachsen und Blick-Effekte hat man das Gefühl, dass die Ehrenmäler ganz dicht beisammen stehen.“

    Die „Trauernde Mutter“ im Treptower Park
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Die „Trauernde Mutter“ im Treptower Park

    Von Treptow nach New York und die DDR-Friedensbewegung

    Der sowjetische Künstler Wutschetitsch schuf nicht nur den Treptower Soldaten, sondern auch die weltbekannte Skulptur „Schwerter zu Pflugscharen“, das vor dem UN-Hauptquartier in New York seit 1957 gegen Krieg mahnt.

    „Ein Mann, der ein Schwert zu einem Pflug schmiedet. Die Friedensbewegung in der DDR hat sich das in den 80er Jahren zu eigen gemacht, um auf Abrüstung hinzuweisen und gegen atomare Mittelstreckenraketen zu protestieren.“ Das Denkmal vor dem UN-Gebäude sei hochsymbolisch und „ein friedliches Zeichen“. Mit dem Pflug unterstrichen die DDR-Friedensbewegten ihre Forderung, Geld anstatt für militärische Abenteuer lieber für soziale Zwecke, wie Nahrungsmittel, zu verwenden. „Das Schöne war: Es war nun ein sowjetischer Künstler, sein Werk stand vor der UNO. Da konnte die (Einheitspartei, Anm. d. Red.) SED in der DDR schlecht dagegen sein. Sie war es am Ende doch.“ Diese Doppeldeutigkeit sei die Stärke des Künstlers gewesen, der ein Kunstwerk erschaffen habe. Doch was die Menschheit daraus mache, dass müsse sie selbst entscheiden. „Mit diesem Spiel hat die DDR-Friedensbewegung natürlich bewusst angefangen und am Ende erfolgreich.“

    Unter der Statue im Treptower Park verbirgt sich ein öffentlich begehbarer Pavillon. Dort können Besucher der sowjetischen Opfer des Faschismus im Zweiten Weltkrieg gedenken und Trauerkränze niederlegen.
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Unter der Statue im Treptower Park verbirgt sich ein öffentlich begehbarer Pavillon. Dort können Besucher der sowjetischen Opfer des Faschismus im Zweiten Weltkrieg gedenken und Trauerkränze niederlegen.

    „Sowjetische Memoriale“ in ganz Deutschland

    Morré verwies auf das Konzept der Memorialisierung. „Wenn an irgendeinem Ort irgendetwas historisch Wichtiges passiert ist, an das man erinnern will, dann greift man auf Memoriale zurück. Das bedeutet, dass man Spuren schafft. Dass man eine Tafel montiert mit einem Erinnerungstext. Dass man ein Denkmal baut. Dass man alles dafür tut, dass dieser Ort an dieses bestimmte Ereignis erinnert. Wir als Museum haben auf der Webseite www.sowjetische-memoriale.de auf Deutsch und auf Russisch alle sowjetischen Kriegsgräberstatten in Deutschland aufgeführt.“

    Zum aktuellen Zeitpunkt seien „4104 Standorte verzeichnet, an denen Gräber sowjetischer Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und ihnen gewidmete Denkmale nachgewiesen werden konnten“, heißt es auf der genannten Internetseite. „Die Dokumentation wurde vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst in Kooperation mit dem Büro für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkarbeit bei der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin erarbeitet. Sie soll Angehörigen, Forschern, Schulen und sonstigen Bildungsträgern sowie allen Interessierten einen Überblick über die sowjetischen und russischen Kriegsgräberstätten in allen Regionen Deutschlands geben.“

    Sowjetische Kriegsgräber in Berlin

    Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park (auch Treptower Ehrenmal genannt) wurde als Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus im Zweiten Weltkrieg im Treptower Park in Berlin zwischen 1946 und 1949 unter Leitung von Bildhauer Wutschetitsch errichtet. Dies geschah im Auftrag der sowjetischen Truppen. Das monumentale Werk wurde am 8. Mai 1949 eingeweiht und erinnert seitdem an die etwa 80.000 sowjetischen Soldaten der Roten Armee, die bei der Eroberung Berlins fielen. Am folgenden Maitag, dem 9., begeht das russische Volk alljährlich den „Tag des Sieges“ über Hitler-Deutschland. Gleichzeitig dienen die Stätten auch als Soldatenfriedhöfe und sind somit sowjetische Kriegsgräberstätten auf deutschem Boden.

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    Das zentrale Ehrenmal in Berlin ist die Anlage im Treptower Park. Daneben entstanden ähnliche Gedenkstätten in der Hauptstadt, so im Tiergarten, in der Schönholzer Heide in Berlin-Pankow sowie im Bucher Schlosspark. Die Bundesrepublik verpflichtete sich im Jahr 1992 im zwischenstaatlichen „Abkommen über Kriegsgräberfürsorge“ mit der Russischen Föderation, den Bestand der Gedenkstätten dauerhaft zu gewährleisten. Jedwede Veränderung der Ehrenmäler bedürfe dabei der Zustimmung der russischen Regierung.

    Die Vernissage „Sowjetisches Ehrenmal in Berlin. Modelle und Musen seines Schöpfers“ ist noch bis zum 22. Mai im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst (Zwieseler Straße 4) zu sehen. Der Eintritt ist frei.

    Das Radio-Interview mit Dr. Jörg Morré zum Nachhören:

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    Jewgeni Wutschetitsch, Sowjetunion, Denkmal, Jörg Morré, Faschismus, Wolgograd, Ausstellung, Treptower Park, Berlin