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12:00 19 August 2019
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    Teodor Currentzis beim „Hammerschlag“

    Russische Seele mit deutschem Geist: So stürmt man Europa von Perm aus

    © Foto : Theater für Oper und Ballet Perm / Nikita Chuntomov
    Kultur
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    Liudmila Kotlyarova
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    In den nächsten Wochen widmet sich der berühmte Dirigent und Musiker Teodor Currentzis wieder seinem deutschen Publikum. Für ihn beginnt aber alles im russischen Perm am Ural, wo er seit mehreren Jahren lebt und schafft. Eine Reportage über die beispiellose Liebe zur Musik, über Weltoffenheit und den täglichen Beitrag zum Dialog unserer Kulturen.

    Ob Moskau oder Sankt Petersburg — dass Russland mehrere Städte hat, in denen etwas Grandioses passieren kann, wird oft außer Acht gelassen. Aber gerade hier, in der russischen Industriestadt Perm, versammeln sich Ende Mai mehr Liebhaber der modernen, aber auch der klassischen Kunstmusik, als kaum in einer anderen Stadt am Ural. Im Focus steht er, der viel umworbene Weltstar unter den Dirigenten ohne Taktstock, Gründer eines erstklassigen Orchesters und Chors mit Ursprung in Nowosibirsk, Leiter des größten deutschen Symphonieorchesters — der gebürtige Grieche mit russischem Pass und deutscher Aufenthaltserlaubnis. Teodor Currentzis. 

    Fast magnetisch wirkt sein Name auf die musikalischen Neophyten aus ganz Russland und Europa; das ganze Kulturleben von Perm scheint sich nun um ihn geschlossen zu haben. Seit acht Jahren leitet Currentzis die Oper Perm und entwickelte zwischendurch das ursprünglich lokale Musikfestival, benannt nach dem bekannten Impresario und Ballett-Förderer Sergej Djagilew, zu einem internationalen Highlight-Event mit Mischung aus lebendiger Kunst, Kommunikation und Sehnsüchten. Auch viele Deutsche sind hierher gekommen: Musiker, Komponisten, Fans. Der künstlerische Austausch scheint auf allen Ebenen perfekt zu funktionieren.

    Der Mann ist der Hammer

    Man trifft am späten Abend im ehemaligen Spagin-Motorreparaturwerk ein. Seit einem Jahr funktioniert dieses als unikale Kunstplattform mit einer Bühne und mehreren Ausstellungsobjekten. Auf der Bühne entfaltet sich knapp eine halbe Stunde vor Mitternacht eine Hammerschlag-Performance der industriellen Musik: unter den Instrumenten sind tatsächliche Hammer, Drillbohrer, Betonmischer, aber auch das Schlagzeug sowie normale Saiteninstrumente und menschliche Stimmen. Auf Deutsch und Englisch liest die Hamburger Künstlerin Rica Blunck Gedichte des russischen Futurismus-Dichters Andrej Gastew aus dem Jahre 1921 vor.

    • Teodor Currentzis und Künstler fm Einheit beim „Hammerschlag“
      Teodor Currentzis und Künstler fm Einheit beim „Hammerschlag“
      © Foto : Theater für Oper und Ballet Perm / Gyunai Musaeva
    • Teodor Currentzis beim „Hammerschlag“
      Teodor Currentzis und Künstler fm Einheit beim „Hammerschlag“
      © Foto : Theater für Oper und Ballet Perm / Gyunai Musaeva
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    © Foto : Theater für Oper und Ballet Perm / Gyunai Musaeva
    Teodor Currentzis und Künstler fm Einheit beim „Hammerschlag“

    „Teodor scheint ein idealer Vermittler zwischen den Kulturen zu sein“, erklärt dann Strauß.

    „Ein Bündel von Befehlen“ heißt es, ein ekstatisches Klagelied über den sich in eine Maschine verwandelnden Menschen. Es dreht sich hier vieles um die Extase. Auf Russisch liest selbst Teodor, der Grieche, die skurrilen Gedichte, dann nimmt er noch den Hammer in die Hand. Und der deutsche Künstler fm Einheit, im Bürgerleben Frank-Martin Strauß, ergänzt dann noch das ganze Manifest mit dem Knirschen, Donnern und Knarren, erzeugt durch einen Drillbohrer und Spirale. Das Ganze gewinnt langsam eine faszinierende Logik. Die jungen Leute können nicht mehr ruhig stehen, die Älteren lächeln einander etwas bestürzt, aber freundlich an — wie bitteschön sollen wir darauf reagieren?

    Auch Andreas Ammer, der renommierte SWR-Fernsehproduzent ist auf der Bühne: unwiderstehlich scheint der Drang, mit dem lieben „Teo“ selbst Musik zu machen.        

    Das beste Requiem aller Zeiten       

    Zwei Tage später trifft man sich schon im Theater beim Konzert, das wohl das Gegenteil zu dem in der Werkhalle ist — und doch die gleiche Konstellation wahrt. Das „deutsche“ Requiem von Johannes Brahms wird aufgeführt, das beste aller Zeiten, wie Currentzis selbst zugibt, und zwar wieder vom Dreamteam der Musikwelt: gesungen von Currentzis’ russischem Chor musicAeterna, gespielt vom deutschen Mahler Chamber Orchestra mit Musikern aus mehr als 20 Ländern. Mächtig und zugleich erhaben klingt der Chor, vor einem Jahr mit dem renommierten britischen Preis Opera Awards zum besten Chor der Welt gekürt. Das Orchester spielt im Stehen, ruhig und selbstbewusst, technisch der Perfektion nahe, mit voller Hingabe gegenüber der Musik und dem Dirigenten. Nach mehreren gemeinsamen Projekten in der Vergangenheit scheint es dem unermüdlichen Currentzis besonders ans Herz gewachsen zu sein.

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    Mit diesen Musikern gibt er einen Tag danach ein Konzert in Moskau im neu erbauten Konzertsaal Sarjadje, wenige Tage darauf schon in Dortmund und in der Elbphilharmonie in Hamburg, wo er seit Jahren ein besonders umjubelter Gast ist. Kaum drei Wochen darauf trifft man ihn schon wieder in Hamburg — diesmal mit dem SWR-Sinfonieorchester, das seit dem Zusammenschluss der größte Klangkörper in Deutschland ist. Dann steht schon die 7. Symphonie des Titanen unter den russischen Komponisten, Dmitri Schostakowitsch, auf dem Programm, auch als Leningrader Sinfonie bekannt. Deren Premiere fand am 9. August 1942 im belagerten Leningrad statt und wurde über den sowjetischen Rundfunk übertragen, sodass sie auch die deutschen Truppen hören konnten. Bald darauf wurde dieses Musikwerk zu einem wahren Symbol des Antifaschismus. Currentzis hat hierzu seine eigene Interpretation zu bieten.  

    „Die russische Seele ist kein Märchen“

    Auch in Österreich sind Konzerte von Currentzis längst sofort ausverkauft: ob in Wien oder bei den Salzburger Festspielen. Mit seinem eigenen Orchester musicAeterna, dem SWR-Orchester oder dem Freiburger Barockorchester wie dieses Jahr. Aber auch mit seinem gekrönten russischen Chor. Es war für Currentzis ein langer Weg zum internationalen Erfolg: über die Studienjahre bei dem Doyen der Sankt Petersburger Dirigierschule Ilja Musin in den hungrigen 90ern, die Berufseinstiegsjahre im eitlen Moskau Anfang der 2000er und sieben Jahre bei der Oper Nowosibirsk, wo er junge Musiker rund um sich in ein beispielloses Ensemble sammelte. Die meisten von ihnen waren ihm 2011 auch nach Perm gefolgt und bleiben ihrem musikalischen Vorbild bis heute treu.

    Teodor Currentzis und musicAeterna beim Eröffnungskonzert, Diaghilev-Festival 2019
    © Foto : Theater für Oper und Ballet Perm / Anton Zavyalov
    Teodor Currentzis und musicAeterna beim Eröffnungskonzert im Theater für Oper und Ballet Perm, Diaghilev-Festival 2019

    „Ich liebe Russland“, sagt er ohne Schmunzeln im russischen Fernsehen. Er fühle sich in Russland besser als in Deutschland. Es sei ein Land, wo legato, also das harmonische Aneinanderreihen von Tönen, existiere. Hier sei es möglich, nachtsüber in der Küche über die Fragen der Menschheit zu diskutieren. Im Westen gebe es sowas nicht.

    Europa und Deutschland hätten indes für Currentzis viel mehr zu bieten, wenn er den Umzug nur wagen würde. Überhohe Honorare, Orchester von Weltklasse ohne das tägliche Bemühen um Sponsoren und vor allem um ausreichende Budgets für hochwertige Opernproduktionen, nach denen er sich so sehnt. Einige solche Angebote soll Currentzis allerdings abgelehnt haben.

    Jahre zuvor gab Currentzis auch zu: „Die russische Seele ist kein Märchen. Dies ist eine erstaunliche Naivität, die die Welt zum Besseren verändern kann. Aufrichtigkeit, Liebe sind wohl eine vergangene Etappe für Europa.“

    „Er hat mich in die Musik verliebt“    

    Und doch gibt es etwas, was ihn an diesem Europa interessiert. Mit dem SWR-Sinfonieorchester will er als Leiter den Weg zum „neuen deutschen Ton“ finden und den technisch perfekten Musikern angeblich mehr Fein­füh­lig­keit und Emotionen beibringen, wofür er gerade die russischen Musiker zu schätzen weiß. Er schätzt es übrigens sehr, wenn seine Musiker in Deutschland studiert haben: das Land bleibt schließlich hinsichtlich der musikalischen Technik und Rücksicht auf Details das Ziel №1 unter den Musikstudenten. Russland bleibt da leider etwas zurück. Doch wenn man nur das spielen würde, was in den Noten stehe, wäre das recht tot, meint Currentzis. Lebendig dürfte es dagegen sein, mit jeder Dissonanz, jeder Unschönheit die Fragen zu stellen, mit allen zur Verfügung stehenden und nicht stehenden Mitteln den Menschen aus dem Alltag zu reißen, ihn zu berühren, zu beleben. Wie mehrere Menschen aus seiner Umgebung sagen, mag es Currentzis gerade deshalb besonders naheliegend sein, das Russische mit dem Deutschen vereinen zu wollen, das wohl Geheimnisvolle und Östliche mit dem Klaren und technisch Makellosen. Wie dankbar kann man für beides sein?

    Zuschauerinnen und Zuschauer beim Diaghilev-Festival 2019
    © Foto : Theater für Oper und Ballet Perm / Nikita Chuntomov
    Zuschauerinnen und Zuschauer beim Diaghilev-Festival 2019

    „Er hat für mich die Welt der klassischen Musik nahe gebracht, mich in die Musik verliebt“, offenbart eine seiner Anhängerinnen aus der Schweiz. „Keiner der Musiklehrer hat mich einst so für die Musik begeistern können wie er.“

    Das scheint sein Erfolgskonzept in Russland wie auch in Deutschland zu sein: Currentzis lässt sich ganz klar und bewusst als Marke vermarkten, indem er an seinem enormen Arbeitswillen keine Zweifel offen lässt und zugleich das Immaterielle, Spirituelle und Emotionale am Menschen sorgfältig fördert.

    Seit fünf Jahren folgt sie seinem Ensemble so weit wie möglich, kann nie genug von ihnen bekommen. Auch sie ist in diesen Tagen in Perm. Es gibt allerdings viele Menschen, die sich dank Currentzis nun überhaupt für klassische Musik und die Kunst zu interessieren begannen. Andere wollen lieber ihn selbst erleben. Aber das Wahre an dem Currentzis-Effekt bleibt unerschüttert: Aufrichtig, der eigenen Wahrheit treu, wandert der Dirigent mit seinen Musikern durch die Welt und bekehrt immer mehr Leute in seinen Glauben. Heute in Perm, morgen schon in Moskau, Stuttgart oder Berlin.

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    Tags:
    Musik, Elbphilharmonie, Teodor Currentzis, Dortmund, Perm