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19:57 20 Juli 2019
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    Das Denkmal des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow in Moskau

    Wer sind wir Menschen – Götter oder Barbaren?

    © Sputnik / Anton Denissow
    Kultur
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    Nikolaj Jolkin
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    Im materiellen Sinne sind wir schon fast wie Götter, aber im moralischen Sinne sind wir Barbaren geblieben, zitierte die Literaturkritikerin Irmtraud Gutschke die Worte des sowjetischen Schriftstellers kirgisischer Herkunft (1928 – 2008) Tschingis Aitmatow. Gutschke erforschte sein Schaffen und stand jahrzehntelang mit ihm in regem Kontakt.

    „Aitmatow war ein weiser Mensch, ein Denker und Philosoph“, sagte sie im Sputnik-Interview. „Er wollte die ganze Welt erfassen. Zum einen hat er ja Geschichten geschrieben, die oftmals auf realen Erlebnissen basierten. Aber ihn hat in zunehmendem Maße das Schicksal unserer Erde, das Schicksal der Natur, die Frage nach Krieg und Frieden beschäftigt. Ihn hat auch die Frage beschäftigt, was die Menschheit im Atomzeitalter an ihrem Verhalten ändern müsste. Das Atomzeitalter verlangt eigentlich, dass wir auch einen moralischen Schritt nach vorn tun.“

    In einem Film, der in dem Regionalbüro der der Linkspartei und Russland nahe stehendenden Rosa-Luxemburg-Stiftung gezeigt wurde, meinte der Schriftsteller: „Was ist der Tod? Es ist das unausweichliche Los eines jeden denkenden Wesens, lange vor dem eigentlichen Eintritt des Todes mit den Gedanken daran konfrontiert zu werden. Und diese Gedanken verfeinern und vervollkommnen meines Erachtens das Menschliche an dem Menschen. Ohne Begriff von dem Tod hätte man auch keinen Begriff von dem Sinn des Lebens.“

    Für Aitmatow war es auch wichtig, Gegensätze und den Kampf dieser Gegensätze in jedem Menschen zu erforschen. Er habe oft davon gesprochen, so Gutschke, dass im Menschen der Kampf zwischen Gut und Böse ein ewiger Kampf sei. „Und wenn man sich seine Geschichten anguckt, so hat er Gut und Böse selten in einen Menschen hineingelegt, sondern hat er eher sie in verschiedenen Charakteren gegenübergestellt.“

    Sie habe Aitmatow einmal danach gefragt, ob es sich um einen Einfluss der Folklore handele. „Nein“, sagte er, in seinen positiven Helden stelle er dar, was ihm selber wichtig sei. Und in den negativen, was ihm entgegenstehe, womit er sich auseinandersetze, was ihn schmerze.“ Das sei zum Beispiel Egoismus, fährt Gutschke fort. „So fängt er das schon in den frühen Geschichten an, dass jemand nur an sich selber denkt oder dass er keine Verantwortung hat, dass er ein leichtes Leben sucht.“

    Aitmatow habe oft idealistische Helden dargestellt, regt die Literaturwissenschaftlerin an, „die aus Verantwortungsgefühl handeln, und schwer arbeiten. Er war selbst ein Mensch, der mit diesen großen Gedanken gelebt hat. Aitmatow sagt im Film:

    „Das Leben stellt einen immer wieder auf die Probe: Ob man angesichts der schwierigsten Lebensprobleme als eine erhabene Persönlichkeit bestehen kann. Manchmal gelingt es einem, manchmal auch nicht. Und die Literatur hat diesen Vorgang festzuhalten. Sie soll auch den Menschen nicht bloß mit positiven Beispielen beliefern, mit Begleitworten und Lehren versehen, sondern der Mensch soll auch sehen, wie die Widersprüche des Lebens sich lösen, um die Natur dieser Dinge zu verstehen.“

    Dem letzten Roman Aitmatows fehle bereits der historische Optimismus, urteilt Gutschke, „den wir an ihm sonst so sehr bewundert haben. Als er nach der diplomatischen Arbeit in Luxemburg in seine Heimat, nach Kirgisien, zurückkehrte, ärgerte ihn die Massenkultur, die inzwischen auch nach Mittelasien eingedrungen war. Er war immer ein Prophet der hohen Kultur gewesen, hatte sich über Pornografie und Krimis missbilligend geäußert. Auch der Zerfall der Sowjetunion wurde für ihn eine persönliche Tragödie. Er hatte sich immer als einen Sowjetmenschen verstanden und betrachtete die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich als Krise humanistischer Werte. Auch sah er sich des großen Landes beraubt, in dem er geliebt und verehrt worden war.“

    Irmtraud Gutschke (i.d.Mitte) im Gespräch mit Teilnehmern der Diskussion
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Irmtraud Gutschke (i.d.Mitte) im Gespräch mit Teilnehmern der Diskussion

    Die Literaturkritikerin fügt hinzu: „Aitmatow sah, wie die frühere Geschlossenheit der Menschen zerbrechlich wurde, da die persönliche Bereicherung ein Verantwortungsbewusstsein untergraben hat. Und er hoffte, mit der Kraft des Wortes dem widerstehen zu können.“

    Ihre Zuneigung zum Schaffen Aitmatows erklärt Irmtraud Gutschke durch folgenden Vorfall: „Im Slawistischen Institut der Stadt Jena sollten wir Aitmatows Novelle ‚Dschamilja‘ auf Russisch lesen. Ich habe sie in der Bibliothek gelesen, und als ich herauskam, war es schon dämmrig, es wurde dunkel und beinahe hat mich ein Auto erfasst. Und da habe ich gedacht: ‚Was hat diese Geschichte mit mir gemacht?‘ So hat mein Weg in die Literatur und zu Aitmatow angefangen.“

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    Tags:
    Philosophie, Forschung, Kirgistan, Schriftsteller, Literatur, Sowjetunion